Späte Spurensuche

Roman | David Vogel: Eine Wiener Romanze

Dem Berliner Aufbau Verlag ist es zu verdanken, dass wir einer längst verloren gegangenen literarischen Spur wieder folgen können: Mit David Vogels Romanfragment Eine Wiener Romanze wird ein bisher unbekannter, im Original in Hebräisch verfasster Text aus der Zeit Arthur Schnitzlers und Sigmund Freuds veröffentlicht, der die Jahre im Archiv Genazim in Tel Aviv überdauerte. Von HUBERT HOLZMANN
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Der Schriftsteller David Vogel ist auf dem hiesigen Buchmarkt kein vollends Unbekannter mehr, wurden doch bereits vor etwa 20 Jahren im Münchner List Verlag drei seiner Werke, der Roman Eine Ehe in Wien (1992), die beiden Novellen Im Sanatorium. An der See (1994) und ein Band autobiografischer Schriften (1995) veröffentlicht.

David Vogel, der 1891 im westrussischen Satanov geboren wurde und seine Kindheit in Wilna verbrachte, kam 1912 nach Wien, wo er sich in der Spätphase der k. und k. Monarchie mit Hebräisch-Unterricht mehr schlecht als recht über Wasser hielt. Später lebte er kurze Zeit in Israel, in Paris und Berlin, von wo er 1933 schließlich nach Paris emigrierte. 1944 wurde er im KZ Auschwitz ermordet.

Ein Sensationsfund

Die Wiederentdeckung von Vogels Wiener Romanze, die wohl im zweiten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts entstand, wurde in Israel als Sensation gefeiert, so wurde dieser nur fragmentarisch überlieferte Roman zwischen den Zeilen eines anderen Textes in Vogels Nachlass gefunden. Dieser Roman erzählt vom Leben des polnisch-russischen Juden Michael Rost, der als junger Mann nach Wien ausgewandert ist. Die starken autobiografisch gefärbten Züge des Romans werden noch dadurch verstärkt, dass Rost mit seinem Autor Vogel gemeinsame Erlebnisse teilen kann: Beide wohnen zur Untermiete bei einer älteren Dame mit Kanarienvogel, beide geraten eher unfreiwillig in eine Dreiecksbeziehung mit ihrer Zimmerwirtin und deren Tochter.

Vogels Jugendwerk Eine Wiener Romanze beginnt jedoch nicht in der Hauptstadt des alten Kaiserreichs, sondern wird in Paris eröffnet, in der sein Held Michael Rost Jahre später in ähnlich unsicheren Verhältnissen lebt wie Vogel selbst, in einem Mansardenzimmer mit Blick auf den Fluss, wohl am rive gouche, Rost streunt ziellos durch die Straßen der Stadt, verbringt seine Zeit in Cafés und Kinos, manchmal in Gesellschaft von Prostituierten. Der Wechsel des Ortes, der Umzug nach Frankreich, wo Rost – und im Jahr 1927 auch Vogel – kurzzeitig wohnt, hat keine Veränderung gebracht.

Der Flaneur und die Frauen

Aber im eigentlichen Hauptteil der Wiener Romanze dreht David Vogel das Rad der Zeit noch einmal zurück und kehrt mit seinem alter ego und Protagonisten Rost zurück nach Wien und beginnt seine Story in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Im Wiener Kaffeehausmilieu, in den Beiseln und Wirtshäusern trifft Rost auf dubiose Gestalten, auf Lebemänner, Hochstapler, auf Ganoven, einfache Handwerker und jüdische Emigranten. Hier schlägt er sich fernab bürgerlichen Etablissements durchs Leben und ist Teil einer recht bunten und durchaus instabilen Gesellschaft.

Ähnlich wie die Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal oder Peter Altenberg, die Wien jedoch aus einer komplett gesicherten und beinahe künstlich distanzierten Perspektive erleben, überlebt Vogels Held mehr oder weniger als freier Künstler. Mal hat er kaum das Geld für den nächsten Tag und kratzt die wenigen Groschen für das Leben im Kaffeehaus zusammen, dann wieder wird er von einem reichen Bekannten ausgehalten, kleidet sich als Mann von Welt und gibt den Lebemann als Flaneur im Prater oder an der Ringstraße und als Beobachter seiner Welt.

»Rost schlenderte langsam durch die spärlich erleuchteten nächtlichen Gassen und grübelte, wie leicht es doch eigentlich war, zu Geld zu kommen, und wie es seinen Wert einbüßte, sobald man es erst in der Tasche hatte! Vorgestern noch war er blank wie eine Marmorstatue gewesen und hatte sich auf den kalten Kaffee der alten Frau Messerschmitt gefreut, der nach Tod und Verschleiß roch, und jetzt hatte er ein prächtiges Zimmer bei einer adretten jungen Frau, schöne Kleider und das nötige Kleingeld.«

Episoden aus dem alten Wien

Die Episode mit seiner Zimmerwirtin Gerti ist ein willkommenes erotisches Abenteuer, zugleich eröffnet sich durch diese Beziehung aber auch die nähere Bekanntschaft zur frühreifen Tochter Erna, mit der er nicht ohne Hintergedanken und Anzüglichkeiten im Fiaker durch die Gassen Wiens und in den Prater fährt. Diese düstere Ménage à trois ist jedoch nicht allein der Inhalt von Vogels Jugendroman. Immer wieder führt er einen Seitenstrang der Handlung aus, zeigt uns das Wiener Nachtleben, blickt in die Häuser von Hofräten oder sitzt in einem jüdischen Lokal. Dadurch entwickeln die Nebenfiguren ein Eigenleben.

Es gibt den Dramaturgen Markus Schwarz, den auf dunklen Wegen zu Geld gekommenen Peter Dean, Mischa, den Anarchisten oder die Gestalten im jüdischen Wirtshaus Achat. Man erfährt von ihren Erlebnissen, ihren Gedanken, Absichten. Vogels Roman erzeugt ein Zeitkolorit, welches das Wien der Jahrhundertwende noch einmal zum Leben erweckt – mit all seiner Ambivalenz von überholten Dingen und moderner Weltanschauung, von kleinbürgerlichem Denken und sexueller Befreiung und Prostitution im Alltag.

Der von verschiedenen Rezipienten herangezogene Vergleich des Autors mit einem Arthur Schnitzler ist allerdings nicht wirklich stimmig. Zwar gibt es auch bei Vogel den zeittypischen Flaneur, der durch die Menge schweift, sich aber von dieser Menge abhebt und seine Umgebung beobachtet: »Rost genoss es, die Passanten zu beobachten, einen durchdringenden Blick auf die Frauen zu werfen, die in seinem Sichtfeld aufkreuzten und für immer wieder daraus verschwanden, und dabei zu überlegen, dass Erna sie samt und sonders an Anmut und allen sonstigen Vorzügen übertraf.«

Vogels Personal agiert jedoch sehr überschaubar und vor allem bedürfnisorientiert. Seine Wünsche, Vorstellungen, Absichten sind direkt ablesbar. Ihm sind Schnitzlers Subtilität, dessen psychologisches Spiel mit dem Arrangement, der Doppeldeutigkeit von umgebender Szene gänzlich unbekannt. Bei Vogel gibt es keinen Anatol, der nach einem Rendezvous mit einer seiner Mizis – in diesem Fall heißt sie Gabriele – »dem Wagen lange nachschaut, bis er um eine Ecke gebogen ist… Er bleibt noch eine Weile stehen; dann sieht er auf die Uhr und eilt rasch fort.« Solche Gesten sind hoch psychologisch, sie deuten nur an, müssen nichts aussprechen, nichts klarstellen. Verraten das Innere der Person.

David Vogels Held lebt im Rahmen seiner Möglichkeiten: In einem heruntergekommenen Zimmer, lässt sich hochherrschaftlich von einer vernachlässigten Dame aushalten, ist einsamer Beobachter und dann verzockt dann wieder im Kartenspiel die gerade erschnorrten Groschen. Und blickt nicht immer ganz ohne Neid auf das durchschnittliche bürgerliche Etablissement in seiner Umgebung.

Hier blitzt stellenweise Vogels Humor auf, wenn er beispielsweise den Dramaturgen Schwarz beschreibt, der »bei jeder Gelegenheit teure, seltene Prachtbände und Erstausgaben mit Faksimiles, die längst vergriffen waren« kauft. Und höhnisch anmerkt: »Fraglich war, ob er je ein Buch von Anfang bis Ende gelesen hatte, aber fast alle waren an verschiedenen Stellen mit Bleistift angestrichen… Jedenfalls trug er jeden Tag neben seiner Tasche ein anderes Buch bei sich, wie einer, der täglich seinen Kragen wechselt.«

Die Übersetzung von Ruth Achlama erweckt dieses Jugendwerk Vogels zum Leben, manches Mal wünscht man sich noch etwas mehr den Tonfall der Wiener Kaiserzeit herbei. Eine Wiener Romanze – durchaus lesenswert.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben:
David Vogel: Eine Wiener Romanze
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Berlin: Aufbau 2013
316 Seiten. 22,30 Euro

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