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Roman | Eduardo Halfon: Der polnische Boxer

Südamerikanische Erzähler erzählen phantastische Geschichten wie Jorge Luis Borges, spielen mit Autobiografie wie Mario Vargas Llosa oder experimentieren mit der Struktur des Romans, wie man es von Julio Cortázar oder Roberto Bolaño kennt. Jetzt ist von Eduardo Halfon, einem Autor aus Guatemala, der erste Roman in deutscher Übersetzung erschienen: Der polnische Boxer – ein Text, der mit etwas unerhört Neuem aufzuwarten scheint. Eine Besprechung von HUBERT HOLZMANN

Halfon_978-3-446-24599-0_MR1.inddDer polnische Boxer des jungen Autors Eduardo Halfon ist ein »Roman in zehn Runden«, wie es im Untertitel heißt. Zehn Episoden zeigen ein Ringen um die Kunst des Erzählens. Im ersten Kapitel des Romans versucht der Ich-Erzähler, ein Literaturdozent an der Uni, – vielleicht sogar Halfon selbst – seinen Studenten Literatur näherzubringen: »Die Erzählung erzählt immer zwei Geschichten, lasen wir. Die sichtbare Geschichte verbirgt eine geheime zweite Geschichte, lasen wir. Die Erzählung soll … auf künstliche Weise etwas Verborgenes zum Vorschein bringen«. Doch der Unterricht scheint nicht einfach zu sein inmitten »einem Haufen größtenteils analphabetischer Studenten«. So jedenfalls die Situation in Südamerika.

So beginnt ein Kampf, den Eduardo Halfon, selbst Professor für Literatur an der Universität in Guatelama-Stadt, vielleicht sogar täglich selbst in seinen Seminaren und Übungen auszustehen hat. Der südamerikanische Autor, Jahrgang 1971, der einen Teil seiner Kindheit in den USA verbracht hat, verankert seinen Roman also in der eigenen Lebensgeschichte. Halfon erzählt in der ersten Episode »Fern« die Geschichte von Juan Kalel, eines seiner Studenten, der wohl als Einziger eine literarische Begabung mitbringt und selbst Gedichte schreibt, dessen familiäre Herkunft jedoch so weit entfernt vom akademischen Leben ist, dass er schließlich aufs Land zu seiner Mutter zurückkehrt.

Stadt und Land trennen in Guatemala noch immer riesige Gräben. Bittere Armut ist Realität in der Provinz. Der Universitätslehrer Halfon versinkt jedoch bei einer Fahrt in die Provinz zu Juan in eine ästhetische Gedankenwelt »über die Namen der guatemaltekischen Dörfer«: »Sie kommen als sanfte Kaskaden daher, als lustvolles Stöhnen einer eleganten Raubkatze oder als schräger Witz, je nachdem. … Namen auf Tenango, also Chichitenango, Quetzaltenango, Momostenango und Huehuetenango – reine Sprache, die mir gefällt, so wie sie ist. … Wunderbar sind auch Nebaj, Chisec und Xuctzul – trocken, roh, fast gewalttätig klingende Namen.«

Halfon gerät ins Schwärmen bei der Schilderung seines Landes. Doch verbirgt sich dahinter trotz allem die Härte der Realität. Die er nur andeutet. Und auch für Juans Flucht von der Universität gibt einen Grund, der auch nur vorsichtig angetippt wird: der Tod des Vaters. Halfon muss den Jungen ziehen lassen, der jetzt die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen wird. Halfon meidet das direkte Erzählen, deutet nur an, schreibt die »zweite geheimnisvolle Geschichte« zwischen den Zeilen. Die Verbindung von Eros und Thanotos mag in dieser Geschichte auch nicht ganz zufällig sein.

»Ausweg aus einem Labyrinth«

Auch der zweite Text, »Herumtwainen«, ist im universitären Leben angesiedelt. Halfon reist zu einer Tagung über Mark Twain. In seinem Vortrag versteigt er sich zu einer These, die in Fachkreisen eher als kalter Kaffee bezeichnet wird. Trotzdem macht Halfon eine neue und durchaus innige Bekanntschaft eines erfahrenen Professors, dessen Exilgeschichte der von Halfons Großvater ähnelt.

Von einer durchaus innigen Freundschaft erzählt auch die dritte Episode »Epistrophy« (Umkehr, Wendung). Halfon lernt den jungen serbischen Pianisten Milan Rakic nach einem Konzert kennen. In diese merkwürdige Beziehung zu diesem Liszt-Experten mischt Halfon seine eigene Liebesbeziehung zu seiner Freundin. Die Gedanken an Milan mischen sich mit den erotischen Spielen zwischen Lía und dem Erzähler. Am Ende dieser Episode wird der Pianist Milan keine klassischen Konzerte mehr spielen, sondern sich vollends aufs Improvisieren konzentrieren. Im weiteren Verlauf des Romans wird Milan eine passive Rolle spielen. Immer wieder treffen bei Halfon Milans Postkarten von den Orten seiner Konzerttourneen ein. Milan selbst bleibt jedoch im Verborgenen. Selbst als sich Halfon auf die Suche nach Milan macht und nach Serbien reist, bleibt der Pianist verschwunden.

Auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit

Halfon erzählt in seinem Roman Der polnische Boxer zehn Geschichten, die nicht direkt miteinander verbunden sind. Zum Teil sind es kurze Episoden, zufällige Begegnungen mit Menschen, die nichts gemeinsam haben. Die Suche nach Milan in den Teilen »Postkarten«, »Gespenster«, »Die Pirouette« unterstreicht dabei eher Dringlichkeit, die eigene Lebensgeschichte zu fassen. Denn die einzelnen »Runden« des Romans können auch als Variation über die eigene Geschichte gelesen werden. Denn im gesamten Text gibt es immer die Ambivalenz zwischen Realität und Fiktion, zwischen der Ebene des Gesagten und der des Gemeinten, zwischen Text und Interpretation.

Besonderen Reiz hat das Motiv der Parallel- oder Gegenwelten: die Kluft zwischen Juan und Halfon, die Distanz zwischen Milan und dem Erzähler. Vielleicht ein ausgesprochenes Liebesbekenntnis und gleichzeitig ein Widerruf. Eine kurze Begegnung und ein Verschwinden, eine Reduktion, ein Ausblenden, ein Aufheben. Milan taucht als Musiker in die Vergangenheit einer mythischen Zigeunerwelt ein: »Es war einmal ein Junge, halb Serbe, halb Zigeuner, der wollte Zigeunermusiker werden, und da verabschiedete er sich von seinen Freunden, drehte eine Piroutte mitten im Wald und verschwand für immer zwischen den Bäumen von Belgrad.« Die Begegnung mit Milan bleibt ein ungelöstes Rätsel. Die Frage, was hier Realität, was Fiktion ist, beantwortet uns Halfon nicht.

Gleichzeitig geht es in allen zehn Kapiteln um die Geschichte von Halfons Großvater. Um in der Sprache der Musik zu sprechen, wird dieses Motiv in den ersten Kapiteln nur ganz kurz angespielt, bevor es in den späteren »Sätzen« durchkomponiert und verarbeitet wird. In dieser Lesart schreibt Halfon also eine fortschreitende Annäherung an die Erlebnisse seines Großvaters, der Auschwitz überlebt hat und nach Südamerika emigriert ist.

K.O. in Runde 10

Die Geschichte des Boxers wird in den ersten »Runden« zu Beginn des Buches nur angedeutet. Halfon erinnert sich daran, dass sein Großvater in Auschwitz war. An anderer Stelle erzählt ein Universitätskollege von seiner jüdisch-polnischen Herkunft. Dann erwähnt der Erzähler die fünf Zahlen, die auf dem Arm des Großvaters eingebrannt waren. »69752. Das sei seine Telefonnummer. Die habe er sich dort eintätowieren lassen, auf seinem linken Unterarm, um sie stets parat zu haben. Sagte mein Großvater immer. Und solange ich ein Kind war, glaubte ich ihm.«

In der zentralen Geschichte, die titelgebend für den Roman ist, »Der polnische Boxer«, erinnert sich Halfon an die Situation, als ihm sein Großvater »nach fast sechzigjährigem Schweigen auf einmal etwas Wahres über den Ursprung dieser Zahlen« sagt. Er erzählt dem jungen Halfon, wie er Auschwitz überleben konnte; ein polnischer Boxer gibt ihm im »Block 11« die rettende Information, die ihm im anstehenden Verhör mit den Nazis das Weiterleben sichert. »Eine Geschichte, die niemand aus der Familie kannte, bis er sie mir erzählte.« Diese Geschichte des Großvaters begleitet Halfon in seinem weiteren Leben. Und ist melancholisches Grundmotiv des Romans.

Gleichzeitig stellt sich mit dieser Geschichte des Großvaters auch die Frage nach dem Zusammenhang von Wirklichkeit und Erfindungskraft. Was nicht nur im poetischen Sinn gemeint ist. Denn Halfon erfährt eines Tages aus einem Zeitungsartikel davon, dass es noch eine zweite, komplett andere Version der Auschwitz-Geschichte seines Großvaters gibt. Hier ist es wieder, die vergebliche »Suche nach dem Ausweg aus einem Labyrinth«. Die Wirklichkeit als »zerstörtes Konstrukt«, vor der es nur die Flucht als Ausweg gibt. War nicht auch Milans Suche nach seinem Ursprung als Zigeunermusiker nur bloße Fiktion? Ich »lief aus dem Zimmer und dem Haus, und als ich auf der Straße irgendwann weit weg von alldem war, nahm ich die kleine weiße Mütze ab und warf sie in einen Mülleimer.«

Das Übersetzerduo, Peter Kultzen und Luis Ruby, hat Großartiges geleistet. Halfons flotte Schreibe, seine Gedanken, Erfahrungen, Reiseerlebnisse werden in der Übersetzung wunderbar stilistisch übertragen, so dass man in die Drehungen, Pirouetten und Irrläufe des Erzählers hineingezogen wird. Und auch in die poetische Innerlichkeit: »In dem komischen Lokal in Antigua hast du mich gefragt, woher meine Vorliebe für Liszt kommt, weißt du noch? Ich habe dir daraufhin irgendeinen Quatsch über das Improvisieren erzählt. Nur Quatsch war das allerdings auch nicht, glaube ich. Alles enthält mehr als bloß eine Wahrheit.« – Eduardo Halfons Roman Der polnische Boxer ist ein feinsinniges, sehr ergreifendes Buch.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Eduardo Halfon: Der polnische Boxer
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen und Luis Ruby
München: Hanser Verlag 2014
224 Seiten. 18,90 Euro

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