Hilla in der großen bösen Welt

Roman | Ulla Hahn: Spiel der Zeit

»Bitte nie vergessen: Ich habe einen Roman und keine Autobiografie geschrieben. Jeder weiß, wie Erinnerung funktioniert und wie trügerisch sie sein kann«, hatte Ulla Hahn kürzlich in einem Interview nach Erscheinen ihres dritten, stark autobiografischen Romans ›Spiel der Zeit‹ erklärt. Mit diesem opulenten Erzählwerk knüpft die einst von Marcel Reich-Ranicki als Lyrikerin geförderte Autorin beinahe nahtlos an die umfangreichen Vorgängerwerke an, den 500.000mal verkauften und später unter dem Titel ›Teufelsbraten‹ verfilmten Roman ›Das verborgene Wort‹ und den zweiten Band ›Aufbruch‹ (2009). Einen vierten Band hat Ulla Hahn bereits angekündigt. Von PETER MOHR
Spiel der Zeit Im Mittelpunkt steht wieder Hildegard (genannt »Hilla«) Palm, Spross einer rheinischen Arbeiterfamilie aus dem fiktiven Dondorf. So ähnlich wie dieser Ort Dondorf der zwischen Düsseldorf und Köln gelegenen Kleinstadt Monheim ist, in der die heute 68-jährige Schriftstellerin aufgewachsen ist, so stark sind auch die Ähnlichkeiten (trotz der geäußerten Vorbehalte) zwischen Ulla Hahns Biografie und dem Lebensweg der literarischen Figur Hilla Palm.

Die Protagonistin hat inzwischen das Provinznest verlassen und lebt in einem katholischen Studentenheim in Köln. Es ist die wilde Zeit der 68erBewegung, in der es um politische Aufbrüche, sexuelle Befreiung und allerlei Weltverbesserungseifer geht. Ein hoher Wiedererkennungswert für Angehörige der Ulla-Hahn-Generation ist garantiert.

»Erst vor dem Hintergrund des Erfundenen konnte ich aussprechen, was mir damals widerfahren ist«, hatte Ulla Hahn 2001 nach der Veröffentlichung ihres ersten Hilla-Palm-Romans ›Das verborgene Wort‹ erklärt. Durch den zeitlichen Abstand, durch gezielte fiktive Einschübe und nicht zuletzt durch das Medium Sprache selbst hat sich Ulla Hahn selbstbefreiend an der eigenen Biografie abgearbeitet.

Hilla hat mit gewachsener sprachlicher Kompetenz auch erheblich an Selbstbewusstsein dazu gewonnen. Sprache fungiert als Brücke zur Welt, als Sprungbrett zum Verlassen des »Kleine-Leute-Milieus«. Da passt es beinahe trefflich ins Bild, dass ihr vermögender Verlobter Hugo aus gutem Hause stammt und ebenfalls Probleme mit seiner Familie hat.

Das Paar funkt nicht nur erotisch, sondern auch geistig auf der gleichen Frequenz. Mehr Neugierde als wirkliche Überzeugung treibt Hilla und Hugo an, wenn es um Rudi Dutschkes politisch-missionarische Reden, um Notstandsgesetze, Vietnamkrieg, den Ostermarsch oder andere Protestbewegungen geht. Feten in den Studentenkreisen dieser Zeit arten zu endlosen haschgetrübten politischen Debatten aus. »Für das Dondorfer Mädchen ziemlich viel große böse Welt an einem Abend.« Für das Paar ist die Affinität zur Sprache, die erwachende Liebe zur Poesie ein wichtiges Bindeglied. Wie sich die Studentin Hilla an der Lyrik Ezra Pounds abquält, liest sich – trotz des kapitalen Umfangs dieses Handlungsschlenkers – herrlich authentisch und emotional nachfühlbar.

Ulla Hahn schlägt wie in den Vorgängerwerken weite Bögen, erzählt anekdotenreich und manchmal eben auch sehr detailverliebt. Aber der atmosphärische Funkenschlag bleibt aus, die von immensem Idealismus beseelte Aufbruchstimmung als tragendes Lebensgefühl in den Studentenkreisen kommt nicht wirklich »rüber«.

»Seine Herkunft trägt man immer in sich. Das muss einem aber nicht zeitlebens als Bürde erscheinen. Es kommt darauf an, eine Last in Proviant zu verwandeln. In Erfahrung, von der man auf seiner Lebensreise zehren kann. Das ist dann noch mehr als Versöhnung«, hatte Ulla Hahn kürzlich erklärt und damit auch Hilla Palms Grundstimmung am Ende des Romans treffend auf den Punkt gebracht. Wir befinden uns im Jahr 1968,  und die Protagonistin hat peu à peu innerlichen Frieden mit ihrer Familie geschlossen.

Spiel der Zeit lässt sich trotz einiger narrativer Längen als unterhaltsames und kluges Gesellschaftspanorama der späten 1960er Jahre lesen. Vor allem deswegen, weil es Ulla Hahn bewusst vermieden hat, die zurückliegende Epoche in irgendeiner Weise zu glorifizieren. Es war nämlich entgegen des Gassenhauers der Kölschband Brings keine »superjeile Zick«.

| PETER MOHR

Titelangaben
Ulla Hahn: Spiel der Zeit
München: Deutsche Verlags-Anstalt 2014
603 Seiten. 24,99 Euro

Reinschauen
| Leseprobe
| Ulla Hahn in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Der Dude packt das!«

Nächster Artikel

Verführen, amüsieren, provozieren

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Leg dich nicht mit den Wheelers an!

Roman | Richard Osman: Wir finden Mörder

Vier Bände umfasst gegenwärtig jene Romanreihe, mit der Richard Osman weit über die Grenzen seiner britischen Heimat hinaus bekannt wurde, den Fällen des Donnerstagsmordclubs. Ist viermal schon genug? Offensichtlich nicht, denn ein fünfter Band rund um die vier Damen und Herren, die sich von ihrer komfortablen Seniorenresidenz Coopers Chase aus so gern in das Handwerk der Polizei einmischen, soll bereits im nächsten Jahr erscheinen. Aber gelegentlich braucht man halt ein bisschen Abwechslung. Und so liegt mit Wir finden Mörder jetzt der erste Band einer neuen Serie vor. Und auch der dürfte nicht lange ohne Fortsetzung bleiben. Von DIETMAR JACOBSEN

Auf der dunklen Seite des Mondes

Roman | Michael Chabon: Moonglow Er ist überbordend vor purer Fabulierfreude, kuriosen Details und abwegigen Erzählsträngen – und kommt doch als Familiengeschichte oder gar Autobiographie daher: ›Moonglow‹, der neueste Roman des Pulitzerpreisträgers Michael Chabon. Doch Vorsicht, dieses Werk ist leicht entflammbar! Von INGEBORG JAISER

Von anständigen Dieben und diebischen Ehrenmännern

Roman | Ross Thomas: Das Procane-Projekt / Zu hoch gepokert

Fünf Romane hat Ross Thomas (1926-1995) unter dem Pseudonym Oliver Bleeck geschrieben. In ihnen allen steht der Wiederbeschaffungsexperte Philip St. Ives, ein enddreißiger Ex-Reporter mit Dandy-Appeal, im Mittelpunkt. Das Procane-Projekt ist Nummer 3 und erschien im Original 1971 unter dem Titel The Procane Chronicle. Zu hoch gepokert folgte 1974 als vierter Fall für St. Ives unter dem Originaltitel The Highbinders. Um eine Chronik der besonderen Art geht es im ersten Roman. Um ein Schwert von historischer Bedeutung im zweiten. Einfach wird es für Thomas‘ Helden in keinem der beiden Fälle. Denn wo es um viel geht, wollen meist auch viele ein Stück vom Kuchen abhaben. Von DIETMAR JACOBSEN

Reiko Himekawa ermittelt

Roman | Tetsuya Honda: Blutroter Tod In Japan hatte sie bereits acht Auftritte. Weitere sind geplant. Die deutschen Leser lernen Reiko Himekawa jetzt mit zehnjähriger Verspätung in Tetsuya Hondas (Jahrgang 1969) Roman Blutroter Tod kennen. In ihrem ersten Fall bekommt es die blitzgescheite Ermittlerin der Tokioter Mordkommission gleich mit elf Leichen zu tun. Alle scheinen sie Opfer eines perversen Rituals zu sein – einer Todesshow, die so lange einmal pro Monat weitergehen wird, bis man ihren Organisatoren das Handwerk gelegt hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Eichhörnchen als Weltretter

Roman | Ulla Hahn: Tage in Vitopia

Vor 77 Jahren hat George Orwell in seiner großen Parabel Animal Farm Tiere in den Mittelpunkt der Handlung gestellt. Eine überaus ernste und damals politisch höchst sensible Anspielung auf die Machtverhältnisse in der Sowjet-Union. Nun hat die inzwischen 77-jährige Schriftstellerin Ulla Hahn auf sehr verspielte und humorvolle Weise ein Eichhörnchen zur Hauptfigur ihres neuen Romans gemacht. Von PETER MOHR