Das Epitaph des deutschen Bildungsbürgertums

Roman | Thomas Mann: Doktor Faustus

Es könnte kaum ein würdigeres Buch für den Start unserer neuen Klassiker-Rubrik geben: 60 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung steht SEBASTIAN KARNATZ staunend vor Thomas Manns letztem großen Wurf. Der ›Doktor Faustus‹ ist weniger ein Roman als ein zeitloses Monument deutscher Literatur: Bildungssatt, wunderbar komponiert, tiefgründig, tragisch – ein wahres Lesevergnügen (sic)!

Mann - FaustusWas zeichnet einen Klassiker aus? Seine Zeitlosigkeit? Mit Sicherheit. Guter Literatur kann der nagende Zahn der Zeit nichts anhaben. Im Gegenteil, sie scheint – ganz ähnlich wie ein guter Wein – mit jedem Jahr zu wachsen, an Qualität gar noch zu gewinnen. Dies macht es Lesern und Kritikern auch so schwierig beim Lesen einer aktuellen Neuerscheinung aus dem Stand die richtige Beurteilung zu finden. Denn, um im Bilde zu bleiben, auch ein junger, frischer Wein kann für kurze Zeit glänzend schmecken – seine eigentlichen Qualitäten verbirgt er jedoch noch einige Zeit.

Als Thomas Manns ›Doktor Faustus‹ vor 60 Jahren erschien, wurde er im politisch orientierungslosen und noch von der omnipräsenten Katastrophe der nationalsozialistischen Gräueltaten geprägten Deutschland durchaus nicht nur wohlwollend aufgenommen. Das deutsche Volk hatte sich deutlich von seinem einstigen Vorzeigeautor und Literaturnobelpreisträger entfremdet. Auch jener selbst konnte das unsagbare Verbrechen nur noch auf literarische Weise verarbeiten. Wie sollte er, der stolze Deutsche, der große Vertreter eines humanistisch gesinnten Bürgertums jemals wieder eine Annäherung an sein Deutschland finden?

Alles Deutschtum ist fragwürdig geworden

»Denn ist es bloße Hypochondrie, sich zu sagen, daß alles Deutschtum, auch der deutsche Geist, der deutsche Gedanke, das deutsche Wort von dieser entehrenden Bloßstellung mitbetroffen und in tiefe Fragwürdigkeit gestürzt worden ist? Ist es krankhafte Zerknirschung, die Frage sich vorzulegen, wie überhaupt noch in Zukunft »Deutschland« in irgendeiner seiner Erscheinungen es sich soll herausnehmen dürfen, in menschlichen Angelegenheiten den Mund aufzutun?« Es ist Serenus Zeitblom, der Erzähler des ›Doktor Faustus‹, der diese resignierten Worte spricht. Doch es bedarf keiner großen Anstrengung, um aus ihnen Thomas Manns eigene Stimme herauszuhören.

Dieser Roman ist Teil der gewaltigen Anstrengung des Autors, dem einst verehrten deutschen Volksgeist ein Denkmal zu setzen und gleichzeitig zu zeigen, wie es gerade dieser Geist war, der Deutschland sehenden Auges in die Katastrophe geführt hatte. So ist der »Faustus« vieles: Zuallererst natürlich ein begeisternder Künstlerroman über den genialischen Komponisten Adrian Leverkühn, dessen Harmonielehre Mann mit kundiger musiktheoretischer Unterstützung Theodor Adornos Arnold Schönberg entlehnt hat.

Aber nicht genug, denn es handelt sich nicht nur um einen Roman über Künstler, sondern auch um ein wunderbares Buch über die Kunst selbst und über die – bedingungslose – Liebe zu ihr. Selten wohl kam ein Literat mit der Kraft des Wortes der Schönheit der wortlosen Musik näher als Thomas Mann in den betreffenden Kapiteln des ›Faustus‹.

Der Onkel Umberto Ecos?

Doch auch das ist noch lange nicht genug: Dieser Roman ist das Kompendium und gleichzeitig das Epitaph einer vergangenen Epoche deutscher Gelehrsamkeit. Der alte Faustus-Mythos wird in rasantem Tempo, mit allerlei intertextuellen Referenzen und mit schier atemberaubender Gelehrsamkeit zu einem Text von stupender Dichte und Größe ummodelliert. Nie war der brillante, aber stets in seiner eigenen Kategorie – das heißt, seit dem ›Zauberberg‹ weitestgehend vom Zeitgeist unberührt – schreibende Thomas Mann seiner Zeit weiter voraus.

Denn erstaunt muss der heutige Leser konstatieren, dass ihm dieser bildungssatte, ironisch-spielerische und collagenfreudige Sound doch irgendwie bekannt vorkommt: All das, was zentrale Figuren der literarischen Postmoderne wie Paul Auster, Salman Rushdie, Umberto Eco oder auch Patrik Süßkind ausmacht, besitzt auch der Doktor Faustus im Überfluss. Es scheint gar, als hätte Thomas Mann mit seinem letzten großen Werk die Literatur der kommenden Jahrzehnte vorweggenommen.

Es ist auch gerade dieses dichte Textgewebe, das den Roman zu einer schier unerschöpflichen Spielwiese germanistischer Forschung jeglicher Couleur werden ließ. Sei es nun die allegorische Struktur – Leverkühns Pakt mit dem Teufel als Analogie zur deutschen Katastrophe –, sei es die Parallelisierung von Handlungsfortgang und Kriegsgeschehen: Der Roman bietet Raum für vielfältige Deutungsansätze und – dies ist das Geheimnis seiner zeitlosen Klasse – lässt sich durch keinen dieser Versuche restlos entzaubern.

»Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.«

Doch manch einer mag sich die drängende Frage stellen: Kann man das denn überhaupt lesen? Man kann, man sollte sogar; weil Thomas Mann es schafft, all die genannten Versatzstücke zu einem wunderbar leichtfüßigen Text zu montieren, der nie in die Gefahr gerät, zu einer kalten Stilübung eines abgehobenen Intellektuellen zu mutieren. Mit dem Erzähler Serenus Zeitblom hat er gar – im überaus reichen Kosmos der Mannschen Gestalten – eine seiner wunderbarsten Figuren erschaffen.

Zeitblom ist der bescheidene Chronist einer unglaublichen Geschichte; der Geschichte zweier Untergänge. Er ist ein Relikt eines zum Mitläufertum verdammten deutschen Bildungsbürgertums, das zwischen Entsetzen und Resignation gefangen scheint. Wie fein Mann die Beschreibungen Zeitbloms immer wieder mit seiner Erzählerrolle im Roman konfrontiert, er also im Roman unaufdringlich poetologisch über das Wesen der Literatur an sich reflektiert, ist von nahezu unerreichter Klasse.

Und nicht zuletzt ist der »Faustus« das bewegende und aufrichtige Dokument der gebrochenen Liebe seines Autors zu seinem Vaterland:
»Deutschland, die Wangen hektisch gerötet, taumelte dazumal auf der Höhe wüster Triumphe, im Begriffe, die Welt zu gewinnen kraft eines Vertrages, den es zu halten gesonnen war, und den es mit seinem Blute gezeichnet hatte. Heute stürzt es, von Dämonen umschlungen, über einem Auge die Hand und mit dem andern ins Grauen starrend, hinab von Verzweiflung zu Verzweiflung. Wann wird es des Schlundes Grund erreichen? Wann wird aus letzter Hoffnungslosigkeit, ein Wunder, das über den Glauben geht, das Licht der Hoffnung tragen? Ein einsamer Mann faltet seine Hände uns spricht: Gott sei eurer armen Seele gnädig, mein Freund, mein Vaterland.«

Das nennt man wahrhaft große Literatur.

| SEBASTIAN KARNATZ

Titelangaben
Thomas Mann: Doktor Faustus
Frankfurt am Main: Fischer-Verlag 2007
671 Seiten. 12.90 Euro

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