Wer ist Frank Pike?

Roman | Peter Mann: Der Ire

Eigentlich hat ihn der deutsche Abwehr-Mann Adrian de Groot – von Hause aus Philologe, Literaturkenner und Übersetzer – 1940 aus einem spanischen Gefängnis nach Berlin geholt, damit er eine wichtige Rolle bei der geplanten deutschen Invasion Großbritanniens spielen kann. Denn Proinnsias Pike war gut vernetzt in der irischen IRA-Szene, bevor er sich den Internationalen Brigaden in Spanien anschloss und dort in Gefangenschaft geriet. Nun könnte er den Nazis von Nutzen sein, die sich auf der Suche nach Verbündeten auf der Insel befinden und dazu auf die jahrhundertealte Abneigung der Iren gegenüber den Engländern aufzubauen gedenken. Der Plan ist gut überlegt – aber haben sich die Deutschen tatsächlich den Richtigen für seine Umsetzung ausgesucht? Von DIETMAR JACOBSEN

Proinnsias Pike, trinkfester Ire und gestandener Kämpfer der IRA mit guten Kontakten bis in die Führungsebene der Unabhängigkeitsbewegung gegen die Briten, sitzt 1940, ein Jahr nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs und verurteilt zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe, in Burgos fest. Hier begegnet ihm der gerade als Übersetzer für Heinrich Himmler – »diesem Deppen«, wie er seinem Tagebuch anvertraut – durch Spanien tourende Philologe und Abwehrmann Adrian de Groot. Genervt von den Allüren des »Reichsführers SS«, der sich auf der Spur des Heiligen Grals wähnt, ist er geradezu erleichtert, als ihn ein wichtigerer Auftrag erreicht. Für die deutsche Abwehr und deren legendären Chef Canaris soll er den Mann, »den Franco einmal prahlerisch als seinen wichtigsten Gefangenen bezeichnet hatte«, rekrutieren, eben jenen Iren namens Pike, der es im Bürgerkrieg schnell zum Stabsoffizier der Internationalen Brigaden gebracht hatte.

Der Plan, der dahintersteckt: Pike soll gemeinsam mit einem zweiten IRA-Mann auf dem Seeweg nach Irland gebracht werden, um in der alten Heimat seine Kontakte spielen zu lassen und Stimmung für die Deutschen zu machen. Weil Hitler wohl in Kürze eine Invasion Großbritanniens beabsichtigt, hält man es in Berlin für keine so ganz schlechte Idee, den jahrhundertealten Zorn der Iren auf die Engländer auszunutzen, um den Feind gleich von zwei Seiten in die Zange zu nehmen.

Ein hinterhältiger Plan

Allein das Vorhaben scheitert bereits auf der Hinfahrt der Diversanten. Das U-Boot, das die IRA-Helden an ihren Bestimmungsort bringen soll, muss, nachdem Pikes Kompagnon auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen ist, umkehren. Fortan sitzt der Mann in Berlin fest und wartet darauf, dass die Deutschen ihn ein weiteres Mal losschicken. Um sich nicht ganz nutzlos zu fühlen, übernimmt er derweil ein paar Gelegenheitsjobs für einen irischen Radiosender, der die Eroberung der Insel mit gezielter faschistischer Propaganda vorbereiten soll. Im Grunde freilich rechnet er damit, dass, wenn seine Dienste nicht mehr benötigt werden, er wie schon einige andere vor ihm irgendwann in einem Konzentrationslager landen wird. Ob ihm die enge Beziehung zu de Groot, die von Anfang an auch eine sexuelle Komponente beinhaltet, dann helfen wird, ist freilich fraglich.

Der Ire ist das Romandebüt des in Kansas City aufgewachsenen und heute in Stanford und an der Universität von San Francisco Geschichte und Literatur lehrenden Peter Mann. Der auch als Grafiker und Cartoonist arbeitende Autor hat seine Arbeitsschwerpunkte als Hochschullehrer im späten 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Besonders auf das Verhältnis von Künstlern und Intellektuellen zur Macht in den europäischen Metropolen jener Zeit konzentriert sich dabei sein Forschungsinteresse. Mit seinem literarischen Erstling gelang ihm auf Anhieb ein von der englischsprachigen Kritik hochgelobtes Buch. Und auch die von Stefan Lux übersetzte deutsche Fassung des nicht nur spannenden und gut lesbaren, sondern vor allem raffiniert komponierten Romans dürfte bei Leserinnen und Lesern von Spannungsliteratur mit historischem Hintergrund gut ankommen.

Wer erzählt die Wahrheit?

Vor allem der eigentliche Clou des Romans, der darin besteht, dass er ein und dieselbe Geschichte nicht nur aus dem Blickwinkel des deutschen Abwehroffiziers, sondern auch aus der Perspektive des Mannes, den de Groot anheuern und auf seinen Einsatz in Feindesland vorbereiten soll, erzählt und die sich in dessen Fassung ganz anders anhört, macht das Interessante an diesem Buch aus. Und nicht nur das. Peter Mann hat, um die sich komplett unterscheidenden Perspektiven de Groots und Pikes auch sprachlich voneinander abzusetzen, für die Erzählungen seiner beiden Helden unterschiedliche Textsorten als Transportmittel gewählt.

Für den Blick auf die Geschehnisse aus dem Fokus des eher sachlich-nüchternen, zwar in deutschen Diensten stehenden, aber der faschistischen Ideologie keineswegs übermäßig zugeneigten Adrian de Groot bedient er sich der Form fortlaufender Tagebucheinträge. Diese beginnen Ende 1943 mit einem Rückblick auf die Rekrutierung Pikes drei Jahre zuvor und enden am 8. Mai 1944. Zu diesem Zeitpunkt ist dem Tagebuchschreiber de Groot freilich längst klargeworden, dass es sich bei dem Iren um einen Doppelagenten handeln muss, der seine Zeit in Deutschland zu ganz anderen Dingen nutzt, als der deutschen Abwehr bei ihren Plänen zu sekundieren.

Pike selbst greift in seiner Aufarbeitung des in Deutschland Erlebten auf die Sprache und Begrifflichkeit traditioneller keltischer Heldenepen zurück. Das macht den Zugang zum Text gelegentlich etwas sperrig, darf unterm Strich aber auch als ein Hinweis darauf verstanden werden, dass man diesem Mann beileibe nicht alles aufs Wort glauben sollte, was er unter dem Titel Finn McCool in den Eingeweiden Teutoniens – Pike benutzt hier die überlebensgroße Krieger- und Jägerfigur der irischen Mythologie als Alter Ego – notiert. Und das ist aufs Ganze gesehen ziemlich starker Tobak.

Jede Geschichte hat nicht nur eine Seite

Denn in seiner »Heldensaga« gibt sich Pike als jemand zu erkennen, der diejenigen, die ihn rekrutiert haben in der festen Überzeugung, in ihm ein willfähriges Werkzeug zu besitzen, geschickt hinters Licht führt. Statt für de Groot und dessen Dienstherren bis hinauf zum Chef des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht, Admiral  Wilhelm Canaris, zu arbeiten, nutzt der Ire seine Stellung in Wahrheit dazu, im Auftrag des britischen Geheimdienstes hochrangige Naziärzte zu jagen, die in leitenden Funktionen am staatlichen Euthanasieprogramm beteiligt sind. Um an sie heranzukommen, schließt er Allianzen mit fragwürdigen Existenzen und nutzt das Beziehungsnetz, das er nach seiner Ankunft in Berlin geknüpft hat, um letzten Endes vielleicht sogar über dessen Leibarzt an den Führer des Dritten Reiches heranzukommen. Hitler auszuschalten, um auf diese Weise den Krieg zu beenden – ein Traum Pikes, der sich letztlich aber nicht erfüllt.

De Groots brave deutsche Denkart auf der einen Seite, Pikes überschäumende Phantasie auf der anderen – Peter Mann versteht es, indem er das Wechselspiel dieser beiden Perspektiven so spannend wie unterhaltsam in Szene setzt, seine Leserinnen und Leser mitzunehmen bis zu dem Punkt, an dem sich endlich klärt, wer dieser Frank Pike wirklich ist. Und selbst da hält der Autor noch eine Überraschung bereit.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Peter Mann: Der Ire
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
Berlin: Suhrkamp 2024
428 Seiten. 20 Euro
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