Gepäck für die Liebe

Roman | Valery Tscheplanowa: Ist es Liebe

Nach der Lektüre von Valery Tscheplanowas zweiten Roman fragt man sich händeringend, ob im Buchtitel nicht ein Fragezeichen fehlt, denn es steht eine ziemlich unkonventionelle Zweierbeziehung im Mittelpunkt. Von PETER MOHR

»Ich wollte beschreiben, was für Gepäck Menschen in die Liebe mitbringen. Es geht ja ganz schnell, dass einem der andere gut gefällt, dann gibt es rauschende drei Monate, und dann stellt man fest, dass der Andere etwas mitgebracht hat«, erklärte kürzlich die 45-jährige, in Kasan (Russland) geborene Valery Tscheplanowa, die mit acht Jahren mit ihrer Mutter nach Deutschland kam, in einem Interview. Ihr eigenes Leben hat die Autorin einmal als Groschenroman bezeichnet. Vor ihrem 2023 erschienenen Romandebüt Das Pferd im Brunnen war sie als Schauspielerin in Erscheinung getreten, hatte in Heiner Müller-Stücken (unter Dimiter Gotscheff) und in Salzburg im »Nathan« geglänzt.

Wie die Autorin ist auch ihre Protagonistin Anne Schauspielerin, stammt aus einer gut bürgerlichen Familie in Düsseldorf und steht mit Ende zwanzig vor ihrem ersten Engagement am Deutschen Theater in Berlin. In der U-Bahn begegnet sie Richard, einem geduldeten Flüchtling aus den Slums von Nairobi, der nachts in einer Backstube arbeitet. »Sie musste unwillkürlich schmunzeln, so unverschämt heiter war die ganze Erscheinung dieses Mannes.« Und dann ging – wie uns die Autorin in rückblickenden Sequenzen erzählt, ganz schnell. Sie zogen in eine gemeinsame Wohnung in Neukölln und Anne wurde schwanger.

Der gemeinsame Alltag war nicht mehr von »Schmetterlingen im Bauch« geprägt. Anne musste sich um Kind, Beruf und Haushalt kümmern, während Richard oft und exzessiv feiern ging – mit reichlich Alkohol- und Drogenkonsum. Auch mit der Treue nimmt es Richard nicht so genau. Als er nach einer ausgiebigen Feier zurück in die Wohnung kommt, heißt es: »Er stieß sich an der Flurkommode und jaulte kurz auf, während sie nass geschwitzt von der schwülen Augustnacht und der Furcht vor den nächsten Minuten nicht zu atmen wagte.«
Man fürchtet als Leser, im nächsten Augenblick Zeuge von häuslicher Gewalt werden zu können. Dies erspart uns die Autorin allerdings, wenngleich die Stimmung höchst »explosiv« daherkommt.

Valery Tscheplanowa berichtet authentisch und ohne larmoyante Hintergrundmelodie vom Alltag dieser komplizierten Partnerschaft, über Annes Neigung zur Magersucht und von Instagram-Videos aus den Slums von Nairobi, die sich Richard regelmäßig ansieht. Annes Schwester Katharina hat am Anfang der Beziehung »gewarnt«: »Du kannst nicht alles mit seiner Herkunft relativieren. Ihr führt die Beziehung hier in Deutschland, unter den Gegebenheiten, die hier herrschen, und hier nutzt er dich aus.«

Die unterschiedliche Sozialisation baut sich wie ein kaum zu überwindendes Hindernis zwischen den Hauptfiguren auf. Die Überflussgesellschaft in Berlin kontrastiert messerscharf mit der bitteren Armut in Kibera, dem Slumviertel von Nairobi. »Ich habe eine Essstörung, und er wiederholt das Wort: ‚Ess-Störung?‘« Dieser eine, beinahe lapidar klingende Satz beinhaltet drückt all die Tragik dieser Beziehung aus. Valery Tscheplanowa hat ihrer Protagonistin Anne eine Menge Mut mit auf den Weg gegeben. Den Mut, Vorurteile über Bord zu werfen und tiefe Gräben zu überwinden. All das, was sie tat, alle Anstrengungen waren außerordentlich gut gemeint. »Gut gemeint« führt aber nicht zwangsläufig zu einem befriedigenden Ergebnis. Der Alltag des Paares zeigte auf unbarmherzige Weise das Gegenteil. Ein Roman über den Alltag eines Paares so messerscharf, wie durch ein Mikroskop zigfach vergrößert. Und tatsächlich fehlt das Fragezeichen im Buchtitel.

| PETER MOHR

Titelangaben
Valery Tscheplanowa: Ist es Liebe
Berlin: Rowohlt Verlag 2025
236 Seiten. 24 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Valery Tscheplanowa in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Hinter den Nebelschleiern

Nächster Artikel

Ein großer Geschichtenerzähler

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Ausschweifende Ein-Mann-Expedition

Roman | Peter Handke: Die Ballade des letzten Gastes

Seit mehr als einem halben Jahrhundert scheiden sich die Geister an Peter Handkes Werk. Was Philologen und eine kleine, aber treue Fangemeinde als eine Art vollkommene Poesie feiern, stößt bei großen Teilen der literaturinteressierten Öffentlichkeit auf vornehme Zurückhaltung. Handkes ausgeprägter Subjektivismus, seine Affinität zur Selbstinszenierung und seine schon in jungen Jahren praktizierte Abkehr vom klassischen Erzählen führten zu einem selbstgewählten Außenseitertum. Von PETER MOHR

Und die Großen lässt man laufen

Krimi | Denise Mina: Blut Salz Wasser Alex Morrow arbeitet als Detective Inspector bei der schottischen Polizei in Glasgow. In ihrem fünften Fall, dem einer vermissten Frau, führt sie eine Spur in die Kleinstadt Helensburgh. Dass die im nahen Loch Lomond treibende Frauenleiche nicht die gesuchte Roxanna Fuentecilla ist, aber mit dem Fall von Drogengeld, das Fuentecilla nach Schottland geschafft hat, damit es über Immobiliengeschäfte gewaschen werden kann, zu tun hat, wird nach und nach klar. Von DIETMAR JACOBSEN

»Irgendeiner musste es tun«

Roman | Elisabeth Herrmann: Das Dorf der Mörder In Elisabeth Herrmanns neuem Thriller Das Dorf der Mörder suchen zwei Menschen nach der Wahrheit hinter einem grausamen Verbrechen. Von DIETMAR JACOBSEN

White Noise

Roman | Eckhart Nickel: Punk

Drei Instrumente, zwei Akkorde, ein abgefahrenes Outfit – und der PUNK geht ab. Doch Eckhart Nickel lässt seinen neuen Roman nicht in den angesagten Metropolen London oder Berlin, sondern im behäbigen Frankfurt spielen, als ob der traditionelle Wäldchestag außer Rand und Band geraten wäre. Ausstaffiert mit einer überbordenden Fülle an popliterarischen Zitaten und Anleihen. Von INGEBORG JAISER

Der Stör hatte einen leichten Stich

Roman | Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan Das kann kein Zufall sein: Pünktlich zum75. Geburtstag des legendären Musikers erscheint Die Köchin von Bob Dylan. In Markus Berges‘ zweitem Roman – halb aus weiblicher, halb aus männlicher Sicht erzählt – erfährt man Erstaunliches über die skurrilen Macken Bobbys, über die lukullischen Köstlichkeiten der Krim und die wechselvolle Geschichte der Schwarzmeerdeutschen. Anton Tschechow kommt auch ins Spiel. Von INGEBORG JAISER