Hinter den Nebelschleiern

Jugendbuch | Gry Kappel Jensen: Tochter des Nebelwalds

Zusammen mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester Linn fristet Ava ein karges Dasein am Rande eines düsteren Forsts, dessen Schatten ständig über ihrem ärmlichen Leben liegen. Seit dem Tod der Mutter ist die Freude aus dem kleinen Haus gewichen. Hoffnungslos und ohne Aufträge beschließt der Vater schließlich, mit den Mädchen in die Stadt zu ziehen, wo er als Handwerker Möbel bauen will. Endlich ein Silberstreifen am Horizont? Von ANDREA WANNER

Ein Mädchen in Rock und Bluse läuft in einen Wald. Auf einem Ast sitzt ein Rabe.An der Seite ihres Vaters machen sich die Mädchen auf den Weg. Der führt sie ausgerechnet durch den verbotenen Wald, den sie nie betreten durfte, weil dort – so erzählen die Geschichten – Hexen, Zauberer und Elfen leben. Sie schlagen ein Lager auf, entzünden ein Feuer, um wilde Tiere fernzuhalten, und schlafen ein. Am nächsten Morgen ist der Vater verschwunden – und kehrt auch nicht zurück. Allein schlagen sich die Schwestern weiter durch den Wald, bis sie auf ein Anwesen stoßen: Nebulas Haus, in dem viele Kinder leben und arbeiten. Doch wer ist die geheimnisvolle, blinde Frau – und meint sie es wirklich gut mit ihnen?

Der erste Band der Eventyr-Saga von Gry Kappel Jensen ist ein märchenhafter Mix aus Naturmystik, Coming-of-Age und subtiler Spannung. Uralte Wälder, Nebel und leise Magie prägen die Atmosphäre. Dabei schwingt ständig die Frage mit, ob irgendwo nicht doch eine große Gefahr lauert. Avas wachsende Selbstfindung und ihre zunehmende Entschlossenheit, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen, sind eng mit dem Geheimnis um ihre tote Mutter verknüpft.

Ihr Überlebenskampf und die Frage, wem sie vertrauen kann, ziehen sich durch die Geschichte – und ganz nebenbei bahnt sich auch noch eine Liebesgeschichte an. Ein poetischer und stimmungsvoller Auftakt für die weiteren Bände.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Gry Kappel Jensen: Tochter des Nebelwalds
Eventyr-Saga 1 (In the Dark Forest, 2024)
Aus dem Dänischen von Meike Blatzheim und Sarah Onkels
Hamburg: Carlsen 2026
304 Seiten, 15 Euro
Jugendbuch ab 12 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein Ausflug in die Welt der Würmer

Nächster Artikel

Gepäck für die Liebe

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Auf der Flucht

Jugendbuch | Meg Rosoff: Was wäre wenn

Gerade noch mal gut gegangen! Beinahe wäre der kleine Bruder von David Case aus dem Fenster gestürzt. Aber es ist nichts passiert. Statt durchzuatmen und sich darüber zu freuen, packt David die Panik. Das Schicksal, davon ist er überzeugt, hat es auf ihn abgesehen. Von ANDREA WANNER

»Leute, das ist Leben!«

Jugendbuch | Alexa Hennig von Lange: Erste Liebe

Alexa Hennig von Lange lässt in »Erste Liebe« die schwierige Zeit des Erwachsenwerdens Revue passieren und kreiert dabei eine ausgesprochen authentische Protagonistin. Von BARBARA WEGMANN

Das Unfassbare

Jugendbuch | Andrej Bulbenko und Marta Kajdanowskaja: Elektrizität und Himmelsfische

Krieg verändert das Leben der Menschen plötzlich. Angst, Trauer, Wut und Hilflosigkeit machen sich breit, für viele bedeutet Krieg den Verlust ihrer Heimat. Auch die Familie der 14-jährigen Marzia muss fliehen. Und ihre wirren Gedanken und Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen vertraut sie einem improvisierten Tagebuch an. Von ANDREA WANNER

Fäuste sind blind

Jugendbuch | Phil Earle: Billy sein Billy ist fünfzehn und er hat genug von Worten. Von Worten wie »Mutter«, »Vater«, »Zuhause«, aber auch von »Selbstbeherrschung«, oder »soziale Kompetenz«. Alles Lügen oder Psychogesumms, Billy ist ganz sicher. Die einzige Sprache, die etwas bewirkt, ist die des Zuschlagens. Und das kann Billy – so gut, dass er andere krankenhausreif prügeln kann. Billy ist ungeheuer wütend. Billy ist von Grund auf traumatisiert. Phil Earle hat in seinem Debütroman ›Billy sein‹ eingehend beschrieben, wie es sich anfühlt, mit fünfzehn immer nur wütend und verzweifelt zu sein. Von MAGALI HEISSLER

Lawinengefahr

Jugendbuch | Maike Stein: Wir sind unsichtbar Anders zu sein als eine Mehrheit ist in Ordnung – solange es privat bleibt. Bekennt man sich öffentlich dazu, muss man auf Sturm gefasst sein. Geschieht das Bekenntnis aber für eine andere, kann das eine Lawine auslösen, die alles unter sich begraben könnte. Maike Stein erzählt ziemlich packend davon in ihrem neuen Jugendbuch ›Wir sind unsichtbar‹. Von MAGALI HEISSLER