Land ohne Wiederkehr

Roman | Stewart O´Nan: Abendlied

Von den Zumutungen des Alters, der Kraft von Gelassenheit und Zuversicht erzählt Stewart O´Nan in seinem neuen Roman über vier betagte Damen. Zwischen tröstlichem Abendlied und ergreifendem Requiem liegen oft nur ein paar Takte. Doch so herzerwärmend, klug und gewitzt ist selten darüber geschrieben worden. Von INGEBORG JAISER

Es mag kein Zufall sein, dass dieser Roman im Winter erscheint, wenn die Abende lang und die Temperaturen frostig sind. Was könnte sich jetzt heimeliger anfühlen, als alte Bekannte zu treffen und die vertraute Gemeinschaft zu genießen? Vor allem Emily Maxwell, die Protagonistin aus Emily, allein (2012) und Witwe von Henry persönlich (2019) ist uns über die Jahre hinweg unwillkürlich ans Herz gewachsen.

Längst hat sich die inzwischen fast 90jährige Dame mit den Verlusten im Leben arrangiert: erst der Ehemann, dann das Ferienhaus in Chautauqua, schließlich die eigene Gesundheit. Der Aktionsradius schwindet, nicht jedoch der Lebenswille, der durch tägliche Routinen und dem »Humpty Dumpty Club« aufrecht gehalten wird. Einer Selbsthilfegruppe von vier (oder ursprünglich fünf) älteren Damen, die sich neben Chorproben, Bridge und einem Tässchen Kaffee um einander kümmern – und um all jene, die noch bedürftiger sind. Das ist keine barmherzige Charity-Vereinigung, sondern schlichtweg Notwendigkeit angesichts drohender Vereinsamung und limitierter Pflegeleistungen.

Tapfer und beherzt

Gemeinsam meistern Emily, Arlene, Kitzi und Susie den Alltag mit all seinen Fährnissen und großen und kleinen Tragödien: von einer gesperrten Kreditkarte oder einem auf dem Herd verschmorten Topf bis zu Treppensturz, Todesfällen, Umzügen ins Pflegeheim. Die Damen trotzen den Ereignissen mit jener Mischung aus Pragmatismus und (Selbst)Ironie, für die man ein bestimmtes Alter erreicht haben muss. Denn wer Ehemänner überlebt, Krisenzeiten und die Corona-Epidemie überstanden hat, mag unerschüttert in die Zukunft blicken. Wie Emily: »Als Kriegskind hielt sie sich ihr Gewappnetsein und ihre Selbständigkeit zugute. Sie hatte ihre eigene Bibliothek und konnte unbegrenzt durchhalten, sich Händel anhören und Agatha Christie lesen.«

Schrullige alte Schachteln sind die Humpty-Dumpties dennoch nicht. Sie lenken alle noch beherzt ihr eigenes Auto (auch wenn Arlenes beginnende Demenz zu orientierungslosen Irrfahrten führt), verwalten ihre Aufgaben in Excellisten und entrümpeln schon mal eine Wohnung. Als Susie auf einer Dating-Plattform einen interessanten Aspiranten findet, lässt sie seine Fotos zur Begutachtung rundgehen, wie zu Teenie-Zeiten. Doch zwischen Neuanfang und Abschied liegen manchmal nur ein paar ungeschickte Schritte.

Die Queen von Halloween

Dass ihre ehemalige Anführerin Joan nach einem folgenschweren Treppensturz in eine betreute Einrichtung zieht, nehmen ihre Freundinnen mit verstörtem Befremden wahr. »Emily betrachtete es als eine klimatisierte Vorhölle, nicht ganz der realen Welt zugehörig. Arlene kam es wie ein Country Club ohne Golfplatz vor.« Und auf Susie wirkt es »wie Florida, ein Land ohne Wiederkehr.« Doch irgendwann »erwartete sie das alle, der zwangsläufige Verfall von Körper und Geist, bloß ein weiterer Lebensabschnitt.«

Nur ein paar Monate umspannt das Geschehen, klassisch und linear dem Jahresverlauf folgend, der verlässlichen Halt bietet: Halloween, Thanksgiving, Weihnachten, Neujahr. Halt, dazwischen noch die Zeitumstellung und der Versand der Samenkataloge fürs kommende Frühjahr. Rund 50 Kapitel vereinen kleine Begebenheiten und alltägliche Momentaufnahmen, mal lakonisch mit offenem Ende, mal humorvoll pointiert, jedes wie eine abgeschlossene Short Story – oder wie das reale Leben.

Wie schon in vielen anderen Romanen fungiert auch hier Stewart O´Nans Heimatstadt Pittsburgh als literarische Kulisse und Ort der Handlungen. Doch man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie treffend und empathisch der 1961 geborene Autor sich in das Wesen älterer Damen einfühlt, die eher seiner Elterngeneration angehören: tapfer sind sie, gelassen, pflichtbewusst, dennoch den kleinen Freuden zugewandt und mit praktischem Pragmatismus gesegnet. So verströmt Abendlied neben Wärme, Trost und Zuversicht auch die Hoffnung, den Zumutungen des Alters die Stirn bieten zu können, mit stärkender Gemeinschaft und solidarischem Zusammenhalt. Am liebsten würden man sofort in den Kreis des Humpty Dumpty Clubs aufgenommen werden. Oder zumindest auf die Warteliste dafür.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Stewart O´Nan: Abendlied
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
Hamburg: Rowohlt 2026
352 Seiten. 26 Euro
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