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Geschichten aus der Löwenstadt

Menschen | Vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Erich Loest geboren

»Ich werde nie wieder ein dickes Buch schreiben, ich bin zu alt. Das Kurzzeitgedächtnis lässt nach. Wir Greise können doch keine 400 Seiten mehr überblicken. Wenn ich auf Seite 200 bin, weiß ich nicht mehr, was auf den ersten Seiten stand. Ich begnüge mich mit einem Tagebuch. Jeden Morgen um 8.30 Uhr nach dem Frühstück sitz’ ich an der Maschine und tippe vor mich hin. Sonst würde ich in ein Loch fallen«, bekannte der Schriftsteller Erich Loest 2010 freimütig in einem ›Bild‹-Interview. Von PETER MOHR

Ein Mann im zweireihigen Anzug sitzt an einem Tisch und hält Block und Stift in der Hand. Hinter ihm ist eine Bücherwand.Im Lebensweg des am 24. Februar 1926 in Mittweida bei Chemnitz geborenen Autors spiegelt sich exemplarisch die leidvolle jüngere deutsche Geschichte. Gleich zwei totalitäre Regime hinterließen ihre Spuren: Als Jugendlicher wurde er von den Nazis »verführt« und 1943 für eine Freischärlerbewegung angeworben. Diesen Fehltritt wollte er in den Gründerjahren der DDR durch besondere Linientreue kompensieren, doch die Ausschreitungen des 17. Juni 1953 führten zu einer abrupten ideologischen Wende.

Loest, der Hemingway, Fontane und Böll als Vorbilder bezeichnete, war zu dieser Zeit (zuvor war er drei Jahre bei der ›Leipziger Volkszeitung‹ tätig) bereits ein respektierter, linientreuer Autor, weilte in seiner Funktion als Vorsitzender des Leipziger Schriftstellerverbandes in Ost-Berlin und wurde selbst Augenzeuge der Gräueltaten. Er gehörte zu den vehementen Kritikern nach dem blutig niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand und wurde wie viele andere oppositionelle Intellektuelle inhaftiert und zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt, die er im berüchtigten Zuchthaus Bautzen absaß.

Die eigene bewegte Vita und seine Bodenständigkeit hat Loest stets als Eckpfeiler für die schriftstellerische Arbeit genutzt. Seine Wahlheimatstadt Leipzig war in vielen Romanen (etwa »Völkerschlachtdenkmal«, »Nikolaikirche«, »Reichsgericht«) der Handlungsort. Dementsprechend groß war Loests Freude, als ihm anlässlich seines 70. Geburtstags die Ehrenbürgerwürde der Stadt Leipzig verliehen wurde: »Diese Auszeichnung ist das Größte, was ich mir vorstellen kann.«

Mit detektivischer Akribie (unter dem Pseudonym Hans Walldorf schrieb er etliche Kriminalromane, 1988 schuf er gar ein ›Tatort‹-Drehbuch) hat sich Loest zum Chronisten des Alltags aufgeschwungen. Eine möglichst große Authentizität war ihm stets wichtiger als der geschliffene Stil. Als Hans Mayer Anfang der Achtziger den Fallada-Preisträger Loest feierte, tat er dies mit den einst an Hans Fallada gerichteten Worten von Kurt Tucholsky: »Was vor allem auffällt, ist die Echtheit des Jargons. Das kann man nicht erfinden, das ist gehört. Und bis aufs letzte Komma wiedergegeben.«
Auch auf die letzten Werke des Autors, der von 1994 bis 1997 dem Verband deutscher Schriftsteller vorstand, traf dies uneingeschränkt zu. So auch auf seinen 2009 erschienenen Roman ›Löwenstadt‹, mit dem Loest der Stadt Leipzig ein weiteres literarisches Denkmal gesetzt hat. Dieser Roman fällt jedoch in doppelter Hinsicht aus dem Rahmen. Zum einen schlägt er einen überaus großen erzählerischen Bogen, der von Napoleons Niederlage in der Völkerschlacht von 1813 bis in die Gegenwart des Jahres 2008 reicht, und zum anderen hat Loest eine Art Fortschreibung seines Romans ›Völkerschlachtdenkmal‹ (1984) um sechs Kapitel vorgelegt.

Zu seinem 85. Geburtstag war im Steidl-Verlag ein Tagebuchband mit dem humorvollen Titel ›Man ist ja keine Achtzig mehr‹ erschienen. »Ich hab ihn in Erinnerung als einen Mann mit einem speziellen sächsischen Humor, sehr sarkastisch, und vor allen Dingen, er war Essen und Trinken zugetan und bei gemeinsamen Abendessen hat er die tollsten Geschichten erzählt, und wenn ich bei ihm zu Besuch war, war es immer wunderbar. Um 18 Uhr guckte er auf die Uhr und sagte: Jetzt ist eigentlich Zeit für einen guten Wein, hast du Lust? Und er hat eine wunderbare Flasche Rotwein aufgezogen. 20 Uhr, wenn wir mit der Arbeit fertig waren, sagte er, lehnte er sich zurück in seinem Sessel und sagte: Jetzt brauche ich einen Schnaps. Und das beschreibt eigentlich seine Lebensfreude«, erklärte sein Verleger Gerhard Steidl.

Erich Loests Werke sind vor allem durch ihre große Authentizität literarische Zeitzeugnisse von bleibendem Wert. Am 12. September 2013 hat sich Loest bei einem Sturz aus einem Fenster der Leipziger Universitätsklinik im Alter von 87 Jahren tödliche Verletzungen zugezogen. Nach Angaben der Leipziger Polizei soll es sich dabei um einen Suizid gehandelt haben. 2018 wurde an seinem letzten Wohnhaus in Gohlis (nördlich des Leipziger Stadtzentrums) eine Gedenktafel angebracht.

| PETER MOHR
| Abb: Bundesarchiv, Bild 183-33005-0001 / Kurbjuhn / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-33005-0001, Erich Loest, CC BY-SA 3.0 DE

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