Langeweile als Zeitvertreib

Comic | Olivier Schrauwen: Sonntag

Ein träger Antiheld, ein vertrödelter Sonntag – und ein mitreißender Comic: Mit ›Sonntag‹, dessen deutsche Übersetzung nun in zweiter Auflage in der Edition Moderne erschien, erhebt Comic-Künstler Olivier Schrauwen die Ödnis zum eigenwilligen Spektakel. Von CHRISTIAN NEUBERT

Porträtzeichnung eines Mannes, der sich abwendetEs ist Sonntag. Thibault wacht trotzdem um 8:15 Uhr auf – so wie immer, weswegen er feststellt: »Ich muss ein Roboter sein.« Von elektrischen Schafen träumt er allerdings nicht. Stattdessen kreisen seine Tagträume zum Beispiel darum, dass seine Freundin Migali während ihrer Afrikareise von Bürgerkriegsschergen gefangen wird. Ein Gedanke, der sich auf der Bildebene als Hergé-Zitat inszeniert.

Aber keine Bange: Magali ist unterwegs, zurück nach Hause. Ihre genaue Ankunft hat Thibault vergessen – doch einfach per Whatsapp nachzufragen entpuppt sich als schwierig. Denn während er im Geiste seine Kurznachricht formuliert, schweift er gedanklich ab. Er denkt und träumt sich fort von allem, was seinem Tag irgendwie Struktur geben könnte. Bis schließlich alles zur Herausforderung wird, sogar Aufstehen oder Kaffee kochen.

Prokrastination par excellence: Ja, Thibault ist wahrlich ein Meister des Aufschiebens. Er verbringt buchstäblich den ganzen Sonntag damit, Sachen nicht zu tun, sie zu vermeiden und zu verdrängen – und sich stattdessen in Gedanken zu verlieren. Wie konnte so einer nur zum Comic-Helden werden? Zum Helden von ›Sonntag‹, den die New York Times 2024 als einer der acht besten Graphic Novels des Jahres prämierte? Nun: so, wie Leopold Bloom zum Helden des Romans ›Ulysses‹ wurde.

Odyssee im Altbau

Der belgische Comic-Künstler Olivier Schrauwen schickt Thibault durch urseine eigene rund 470 Seiten lange Version der Odyssee. Wie er Thibaults Gedankenstrom mit den Mitteln des Comics beikommt, beeindruckt. Denn seine reduzierten, pastellig kolorierten Zeichnungen illustrieren ihn nicht nur, sondern zerfasern, relativieren und durchkreuzen ihn auch. Manchmal schieben sich auch parallel stattfindende Ereignisse in die Bilderfolgen. Dann hat man es mit Thibaults Freundin Magali und deren eigener Heimreise-Odyssee zu tun, mit seinem Cousin Rik oder mit Nora, einer alten Flamme, an die er lange nicht gedacht hat.

Das ständige Hin und Her der Grübeleien, Erinnerungen und Überlegungen flicht Schrauwen zur minutiösen Chronik eines Tagesablaufs – träge, taumelnd, träumend, mit dissonanten Brüchen zwischen Gedankenwelt und Umwelt, aber dennoch fest im Takt, im ruhelosen Rhythmus eines Ohrwurms, den Thibault während des gesamten Tags nicht losbekommt: »Get up (I feel like being a) Sex Machine«. Ironischerweise stammt der Song von James Brown, dem »hardest working man in show business« – womit er eher das Gegenteil von Thibault ist, der nichts fertigbekommt, weil er nichts mit sich anzufangen weiß.

Langeweile als ungeahntes Vergnügen

Nun kennt vermutlich jeder Mensch verplemperte Stunden und vertrödelte Tage. Warum also sollte man sich durch fast 500 Seiten quälen, die sich mit dem Nichtstun eines Dritten beschäftigen? Weil »Sonntag« auf ungeahnte Weise Spaß macht und überrascht. Schrauwen erhebt die Tristesse mit Witz und Wahn zu einer ungewöhnlichen Leseerfahrung, die definitiv mitreißt. Zumal »Sonntag« gerade zum Ende hin eine intensive Zuspitzung erfährt – deren Schlusspointe, so viel sei verraten, ebenso grandios wie unverschämt ist. So geht Langeweile!

| CHRISTIAN NEUBERT

Titelangaben
Olivier Schrauwen: Sonntag
Aus dem Englischen von Christoph Schuler
Edition Moderne: Zürich 2025
472 Seiten, 45 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Geschichten aus der Löwenstadt

Nächster Artikel

Emanzipation und Verfolgung

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Der Tod ist immer mit dabei

Comic | Fábio Moon & Gabriel Bá: Daytripper Der Tod ist ein Teil des Lebens lautet eine Binsenweisheit. Die brasilianischen Zwillingsbrüder und Comic-Künstler Fábio Moon und Gabriel Bá haben versucht, die Bedeutung dieses Umstands spürbar zu machen und lassen den Protagonisten ihrer preisgekrönten Erzählung Daytripper in jedem der 10 Kapitel sterben. BORIS KUNZ konnte darin viel mehr entdecken als eine illustrierte Binsenweisheit.

Frisch gezeichnet aus Bangalore

Comic | Sebastian Lörscher: Making Friends in Bangalore Aus allen Winkeln der Welt erhalten wir heutzutage sekundenschnell die merkwürdigsten Selfies von Freunden und Bekannten. Geradezu altmodisch hat sich Sebastian Lörscher einen Monat Zeit gelassen für die »Aufnahmen« und legt ein volles Skizzenbuch aus Indien vor: ›Making Friends in Bangalore‹. Vom Strudel der szenischen Eindrücke ist PIEKE BIERMANN ganz hingerissen.

Mutanten oder Fischmänner?

Comic | X-Men: Die Welt der Mutanten / Aquaman-Anthologie Das popkulturelle Bewusstsein für Superhelden erweitert seinen Blick. Auch bei Comic-Verfilmungen wird nun mehr Wert gelegt, auf lange Zeit eher weniger beachtete Helden und auf Helden, die einer sozialen Minderheit entstammen. Zwei Anthologien, die die besten Superheldengeschichten solcher DC- und Marvel-Figuren versammeln sollen, kommen da zur rechten Zeit. PHILIP J. DINGELDEY hat sich ›X-Men: Die Welt der Mutanten‹ und die ›Aquaman-Anthologie‹ mit gemischten Gefühlen angesehen.

Buntes Chaos in Berlin

Live | ComicCon Berlin 2018 Mit rund 15.000 Besuchern ging die ›German ComicCon‹ in Berlin zu Ende. Zwei Tage voller Verwunderung und farbenfrohem Chaos liegen hinter den Comicfans. In den Hallen konnte man internationale Stars, Comic-Zeichner, Workshops, Panels, Fotoshootings und nachgebaute Film-Kulissen bewundern. Natürlich zogen die tollen, selbst gestalteten, Kostüme der Cosplayer die Blicke besonders auf sich. ANNA NOAH schaut über den Tellerrand.

Der Held ohne Eigenschaften

Comic | J. Zentner (Szenario), R. Pellejero (Zeichnungen): Dieter Lumpen – Gesamtausgabe Dieter Lumpen, ein deutschstämmiger Weltenbummler aus der Feder des argentinischen Comicautoren Jorge Zentner und des spanischen Zeichners Rubén Pellejero, ist ein Kind von Corto Maltese, Rick Blaine und Tintin: Eine Projektionsfläche für melancholische Abenteuergeschichten rund um den Globus. Der Finix-Verlag hat die komplette Comicreihe aus den 80er Jahren in einer dicken Gesamtausgabe vorgelegt. BORIS KUNZ hat sie gelesen.