Schwärzer als die Nacht

Roman | Tom Kummer: Von schlechten Eltern

In der Vermengung von Fakten und Fiktionen hat es Tom Kummer zu halsbrecherischen Leistungen gebracht. Auch wenn Von schlechten Eltern nun die Gattungsbezeichnung Roman trägt, sind autobiographische Parallelen so offensichtlich, dass es schmerzt. Der Rest oszilliert zwischen »Black Magic Sensation«, Berner Landeskunde und der Funktionalität eines Mercedes-Bordcomputers. Von INGEBORG JAISER

Tom Kummer - Von schlechten ElternWer Tom Kummers Lesung aus Von schlechten Eltern während des letztjährigen Bachmannwettbewerbs erlebt hat, wird sich an den sinistren Sound erinnern, an elektrisierende Momente und gebanntes Lauschen. Auf einem sich langsam drehenden Podium liest ein Autor mit dunkler, brüchiger Reibeisenstimme, ein komplett in Schwarz gekleideter Erzähler, der sichtlich vom Leben gezeichnet ist und dies schonungslos, schutzlos nach allen Seiten preisgibt.

Um Lichtjahre entfernt scheint er von den restlichen Teilnehmern zu sein, gut doppelt so alt wie viele von ihnen. Ungeachtet früherer Fehltritte vermittelt diese Inszenierung die erstaunliche Glaubwürdigkeit eines Textes, der vielleicht autobiographisch, vielleicht autofiktional, auf jeden Fall jedoch zutiefst ergreifend ist.

Der Himmel über Bern

Nun ist der komplette Roman im Stuttgarter Tropen Verlag erschienen. Eine Fortführung der bereits heraufbeschworenen düsteren Szenerie, filmreif, wie aus einem wabernden Traum geboren. Tom, der Ich-Erzähler und Protagonist, arbeitet als VIP-Chauffeur im Nachtdienst. In High-Tech-Mercedes-Limousinen kutschiert er ausländische Diplomaten und Wirtschaftsbosse durch die Dunkelheit zwischen Zürich, Bern und Interlaken. Meist männliche Afrikaner mit blitzenden Goldzähnen und ans Handgelenk geketteten Aktenkoffern, seltener durchgestylte Business-Ladys mit zwielichtigem Ansinnen.

Die nächtliche Schweiz wirkt wie das Bühnenbild eines endzeitlichen Theaterstücks. »Bäume säumen das Ufer, die sich in der Düsternis wie Knochen abzeichnen.« Und: »Ein Waldstück mit toten Kiefern, dazwischen Gebäudetrümmer und Kabelstränge.«  Später: »Nebelbänke hängen wie Leichentücher über den Talboden.« Manchmal kehren die Klienten mit Blutspritzern von einem Zwischenhalt zurück, manchmal gar nicht mehr.

Kein Setting, das Entspannung verspräche. Doch Tom ist geschaffen für diesen Job wie kein anderer. Seit dem Tod seiner Ehefrau und großen Liebe Nina scheut er das Sonnenlicht und flieht in die Dunkelheit, geplagt von Allergien, Juckreiz und Irritationen. Helligkeit ist lediglich hinter heruntergelassenen Jalousien und einer breitrandigen Sonnenbrille zu ertragen. Die verantwortungsvollen Nachtfahrten dagegen nur mit den blauen und roten Pillen, die Jean-Luc spendiert, der iranisch-stämmige Chef des Limo-Services. Tom kennt ihn aus Kalifornien, wo er mit Nina und seinen beiden Söhnen gelebt hat. Jean-Luc hat dort allerbestes marokkanisches Haschisch vertickt.

Gespenstische Geisterfahrten

In einem finsteren Zwischenreich zwischen aufgeputschter Wachheit und Todessehnsuchtsträumen gibt sich Tom hyperrealistischen Fantasien hin, wagemutigen, sekundenlangen Geisterfahrten, die nur vom Intelligent Driving System abgefangen werden. Der Schmerz ist unberechenbar – und mit ihm der Geruch, die Stimme, die Umarmungen von Nina. »Manche Trauernde kehren ins Leben zurück, als ob nichts gewesen wäre. Manche werden hinterhältig und paranoid, andere gemeingefährlich und kriminell. Ich bin Fahrer geworden«, erklärt sich Tom. Dieser Fahrerjob ermöglicht ihm auch, seinem Sohn Vince zumindest tagsüber vorgegaukelte Normalität zu vermitteln, Zärtlichkeit und fürsorgliche Liebe.

Doch der Zwölfjährige erfasst mit großer Weisheit und Sensibilität mehr, als sein Vater erahnt. »Ihr Sohn wirkt wie eine old soul«, bemerkt die Klassenlehrerin. Als Vince in der Schule einen Vortrag halten soll, referiert er wie selbstverständlich über Vanta-Black, einer künstlich hergestellten Farbe, »die Licht schluckt und dadurch alles Dreidimensionale verschwinden lässt.« Das schwärzeste Schwarz überhaupt.

Mit genialer Wucht inszeniert Tom Kummer Dunkelheit und Trauer als Leitmotive seines neuen Romans. Zugleich zieht sich ein vages, nervöses Kribbeln und Vibrieren durch den gesamten Text, ein unterschwelliges Rauschen, wie aus einer anderen Welt. Man kann dieses schonungslose Buch gebannt in einer Nacht durchlesen (nur gedopt durch das Lutschen von Trockenfruchtstückchen) – doch für den kommenden Tag sollte unbedingt eine breitrandige Sonnenbrille bereitliegen.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Tom Kummer: Von schlechten Eltern
Stuttgart: Tropen 2020
244 Seiten, 22 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Einfach mal Dampf ablassen!

Nächster Artikel

Are you brave enough?

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Intrigen im Dreikaiserjahr

Roman | Axel Simon: Eisenblut

Historische Kriminalromane zählen in letzter Zeit zu den auffälligsten Erscheinungen auf dem deutschsprachigen Thrillermarkt. Volker Kutscher, Susanne Goga, Kerstin Ehmer, Alex Beer, Angelika Felenda und neuerdings auch Dirk Kurbjuweit – sie alle haben sich die Goldenen Zwanziger als Hintergrund für ihre Romane ausgesucht. Nun geht Axel Simon noch ein paar Jahrzehnte weiter zurück. Eisenblut spielt im Dreikaiserjahr 1888 in Berlin. Und obwohl es bis zum nächsten großen europäischen Konflikt noch ein gutes Vierteljahrhundert hin ist, stößt der aus einer ostpreußischen Grundbesitzerfamilie stammende Gabriel Landow, der eine kleine Detektivagentur in Berlin betreibt, bei seinen Recherchen in drei Mordfällen auf eine Verschwörung jener Kräfte, für die Krieg selbst dann noch ein höchst profitables Geschäft darstellt, wenn man sich gerade mitten im Frieden befindet. Von DIETMAR JACOBSEN

Lass uns Freunde bleiben

Roman | Elizabeth Strout: Oh, William!

Die Romane der Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout zeichnen sich durch Herzenswärme und Lebensklugheit aus. In Oh, William! finden zwei ehemalige Ehepartner nach Jahrzehnten der Verletzungen und Unwägbarkeiten zur alten Vertrautheit zurück. Nicht zuletzt angesichts eines Roadtrips durch Maine, der auch eine Reise in die Vergangenheit wird. Doch nicht nur die Protagonistin Lucy erkennt: »Wie typisch für das Leben: Über vieles werden wir uns erst klar, wenn es zu spät ist.« Von INGEBORG JAISER

Aufarbeitung erwünscht!

Roman | Nanni Balestrini: Der Verleger

Der Roman ›Der Verleger‹ von Nanni Balestrini, des 2019 verstorbenen italienischen Schriftstellers und Mitbegründers der ›Gruppo 63‹, der auch Umberto Eco angehörte, ist im italienischen Original bereits vor mehr als 30 Jahren erschienen und erzählt das tragische Ende des italienischen Verlegers und linken Aktivisten Giangiacomo Feltrinelli, der 1972 bei einem Sabotageakt – er wollte mit der Sprengung eines zentralen Strommasts die Stromversorgung Mailands unterbrechen – ums Leben gekommen war. Die Umstände seines Todes – vielleicht war er nicht alleine und es war doch Mord? – wurden nie restlos aufgeklärt. Die Neuausgabe von ›Der Verleger‹ ist bei Assoziation A erschienen. Von HUBERT HOLZMANN

Ein berückender Entwicklungsroman

Roman | Jean-Michel Guenassia: Der Club der unverbesserlichen Optimisten »Ich ziehe es vor, als Optimist zu leben und mich zu irren, denn als Pessimist zu leben und immer Recht zu haben.« – Der französische Autor Jean-Michel Guenassia debütiert als Romancier mit dem bereits in Frankreich preisgekrönten Roman Der Club der unverbesserlichen Optimisten. Eine gelungene Mischung aus französischem Charme und Intellektualismus mit einer Prise Kitsch und einer Spur Skurrilität – findet HUBERT HOLZMANN. PDF erstellen

Ein Denkmal wankt

Roman | Juan Gabriel Vásquez: Die Reputation Obwohl ihn Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa hochgelobt hat und seine Romane schon in 16 Sprachen übersetzt worden sind, ist der kolumbianische Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez hierzulande noch weitestgehend unbekannt. Im Mittelpunkt seines neuen Romans ›Die Reputation‹ steht ein bekannter Karikaturist, der das politisch-gesellschaftliche Leben mit spitzer Feder mutig begleitet und sich nicht scheut, brisante Themen aufzugreifen. Von PETER MOHR PDF erstellen