Kettenspiele

Roman | Adrian McKinty: The Chain

Der heute in New York lebende Nordire Adrian McKinty (Jahrgang 1968) hat sich als Thrillerautor vor allem einen Namen mit der bis dato siebenbändigen Reihe um den in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts als »katholischer Bulle« in der Nähe von Belfast lebenden Mordermittler Sean Duffy gemacht. Von DIETMAR JACOBSEN

Geschickt und spannungsreich gelang ihm in diesen Bänden die Verbindung von Geschichte und Kriminalerzählung – allein den ganz großen Durchbruch auf dem englischsprachigen Buchmarkt brachten die Bände ihrem Verfasser, wie er selbst kürzlich bekannte, bisher nicht. Erst mit The Chain gelang ihm der Sprung in die amerikanischen Bestsellerlisten. Und das, obwohl die Geschichte um eine teuflisch ausgedachte Verbrechenskette nicht an die Sean-Duffy-Reihe heranreicht.

Thee ChainRachel Klein hat mehr als nur ein Problem. Ihr Brustkrebs ist zurückgekehrt. Auf dem Konto der studierten Philosophin herrscht Ebbe. Und eine geheimnisvolle Organisation, die sich DIE KETTE nennt, hat gerade dafür gesorgt, dass ein im Grunde harmloses Elternpaar Rachels dreizehnjährige Tochter Kylie entführt hat, um den eigenen Sohn wieder freizukommen. Die Geschäftsidee der KETTE ist nämlich die: Nicht nur Lösegeld verlangt man von den Angehörigen eines Entführten, sondern diese werden gleichzeitig dazu verpflichtet, selbst ein Kind zu entführen und anschließend dessen Eltern vor dieselbe Alternative zu stellen: entweder gehorchen und die nächste Person kidnappen oder das eigene Kind verlieren. Und wer will Letzteres schon?

Also funktioniert DIE KETTE, auf einem schlichten Einfall beruhend, den die meisten von den so genannten Kettenbriefen her kennen, schon seit Jahren perfekt und wird das auch noch so lange tun, bis sich jemand findet, der es wagt, das Leben seines Kindes aufs Spiel zu setzen und Sand in das Getriebe des eingespielten Systems zu streuen.

Das Lösegeld ist erst der Anfang

Dass Rachel dieser Jemand sein wird, ist von Anfang an klar. Zu ihrer Unterstützung holt sie sich den Bruder ihres Ex-Mannes, einen in seine Nichte schwer vernarrten ehemaligen Soldaten mit im Laufe des Romans langsam zunehmenden Drogenproblemen. Später stößt noch ein Mathematik-Professor von Bostons Intelligenzschmiede Harvard kurzzeitig zu den beiden. Und gemeinsam macht man sich auf, dem hinter der KETTE stehenden teuflischen Zwillingspärchen, dessen kriminellen Werdegang von den Anfängen als Kinder in einer Hippiekommune in den frühen 80ern bis in die Gegenwart der zweite Romanteil in eingestreuten Rückblenden erzählt, das Handwerk zu legen.

Von Stephen King bis Ian Rankin, von Tana French bis Val McDermid, von Dennis Lehane bis Mick Herron: Beim Knaur Verlag, der The Chain in sein Programm aufgenommen hat – sowohl Adrian McKintys Sean-Duffy-Reihe als auch die »Dead«-Trilogie um den aus Belfast stammenden Gangster Michael Forsythe erschienen und erscheinen hingegen bei Suhrkamp –, hat man keine Mühen gescheut, McKintys Bestseller in Kollegenlob zu verpacken. Von »teuflisch spannend« (Meg Gardiner) über »atemberaubend, rasant, genial« (Mark Billingham) bis hin zu »einer der besten Romane dieses Genres« (Steve Cavanagh) reichen die Äußerungen.

Allein der arg unglaubwürdige Plot,was passieren wird, ist eigentlich von Anfang an voraussehbar, und die allzu schlicht gezeichneten Figuren – die Bösen sind abgrundtief verdorben, die Guten mit den reinsten Absichten unterwegs, auch wenn sie ein paar kleine Fehler haben dürfen – machen die Sache nicht wirklich rund, wenn auch leidlich spannend bis zum Schluss. Amerikanisches Popcorn-Kino halt, wo man sich freut, wenn’s knallt, und die Frage, ob es nicht vielleicht auch ein bisschen leiser und dafür hintergründiger ginge, gar nicht erst aufkommt.

Der Faden ins Labyrinth

Was man McKinty bei aller auf Massengeschmack und Verfilmbarkeit – natürlich sind die Leinwandrechte für The Chain bereits vergeben – zielenden, spektakulären und reichlich bleihaltigen Geschichte allerdings nicht absprechen kann, ist das handwerkliche Geschick, mit dem er zu Werke geht. So hat er den ersten Teil des Romans, übertitelt mit »All die verschwundenen Mädchen«, auf 42 kurze Kapitel verteilt. Die Zeitangaben, mit denen jeder dieser Abschnitte beginnt, sorgen für ordentlich Tempo, so dass für jeden Leser spürbar wird, unter welch hohem Druck Rachel und die Ihren zu handeln haben. Der etwas kürzere Teil 2, der die Überschrift »Das Monster im Labyrith« trägt, verzichtet dann auf Zeitangaben, die, da er zu einem Gutteil in Rückblenden die Lebensgeschichte des diabolischen Zwillingspaars Oliver und Margaret Fitzpatrick erzählt, auch unsinnig gewesen wären.

So wie in seinen Belfast-Romanen viele Kapitelüberschriften Zitate aus bekannten Songtexten sind, beziehen sich auch in The Chain der Titel des Buches und eines der beiden dem Text vorangestellten Mottos – »We must never break the chain.« – auf den von Frontfrau Stevie Nicks gesungenen Fleetwood-Mac-Hit gleichen Namens aus dem Jahre 1977. Das zweite Motto von Arthur Schopenhauer und die von dem Harvard-Professor Erik Lonnrott eingebrachten Bezüge auf den Theseus-Mythos – der Mathematiker selbst lässt sich Theseus nennen, Rachel kommt mit ihm unter dem Decknamen Ariadne in Verbindung – geben dem Roman einen mythisch-philosophischen Bezug. Der wirkt letztendlich aber zu aufgesetzt, um die evidenten Schwächen des Buches zu überdecken.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Adrian McKinty: The Chain
Aus dem Englischen von Anke und Eberhard Kreutzer
München: Knaur 2019
351 Seiten. 14,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Tierisches

Nächster Artikel

Ihr Paket konnte nicht zugestellt werden

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Am Ende ist alles anders

Roman | Antonio Muñoz Molina: Schwindende Schatten Es ist ein beinahe kafkaesker Romananfang. Ein Mann erwacht aus einem Traum, hat sich zwar nicht wie Gregor Samsa in Die Verwandlung in ein Ungeziefer verwandelt, doch er hatte vergessen, »wo ich mich befand, und ich war wie er oder war er, weil mein Traum mehr seiner war als meiner.« PETER MOHR über Antonio Muñoz Molinas opulenten Roman Schwindende Schatten PDF erstellen

Comic-Helden on tour

Roman | Stefan Heuer: Katzen im Sack Katzen im Sack – so lautet der bedeutungsschwangere Titel des Romans von Stefan Heuer. Alles klar. Alles geritzt. Alles voll auf Spur. Denkt man sich und wird bereits auf den ersten Seiten bestätigt. Denn temporeich und mit einer Prise Humor entführt uns der Autor in die ferne, fast exotische Welt der Schausteller und Kirmesbudenbesitzer, der wir längst entwachsen zu sein schienen. Und werden dennoch eingeholt von unseren Kindheitserinnerungen und unserer Fantasie von heimlicher Flucht und Aussteigertum der Jugend. Ein Flashback in die wilden 80er – gelesen von HUBERT HOLZMANN. PDF erstellen

Jakob Francks zweiter Fall

Roman | Friedrich Ani: Ermordung des Glücks In Friedrich Anis Roman Ermordung des Glücks spielt zum zweiten Mal nach Der namenlose Tag (2015, Deutscher Krimipreis national 2016) der Münchner Ex-Polizist Jakob Franck die Hauptrolle. Diesmal ist ein elfjähriger Junge ermordet worden – und während sich die Mutter im Schmerz vergräbt und der Vater Rachepläne schmiedet, weil er glaubt, den Täter zu kennen, versucht Anis Held alles Menschenmögliche, um zu verhindern, dass aus Unheil noch größeres Unheil erwächst. Von DIETMAR JACOBSEN PDF erstellen

Beton, Biker und ein Psychopath

Roman | Scott Thornley: Der gute Cop
Detective Superintendent Iain MacNeice genießt den Ruf, der beste Cop der Mordkommission von Dundurn zu sein. Der Witwer und passionierte Grappa-Trinker ist einfühlsam, unkonventionell in der Wahl seiner Methoden und immer ein kleines Stückchen schneller als seine Mitarbeiter, wenn es gilt, Schlüsse zu ziehen. Als zwei rivalisierende Biker-Gangs einen blutigen Krieg anfangen, sechs Leichen aus dem Hafenbecken der fiktiven, am Ontariosee gelegenen kanadischen Stadt geborgen werden und obendrein ein perverser Frauenmörder damit beginnt, die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken zu versetzen, ist das aber auch für MacNeice fast zu viel. Doch zum Glück muss er ja nicht allein gegen das Verbrechen antreten. Von DIETMAR JACOBSEN

Zwischen Glaswolle und Gummiknüppeln

Roman | Frank Goldammer: Juni 53

Mit seiner Reihe um den Dresdener Kriminalpolizisten Max Heller hat Frank Goldammer (Jahrgang 1975) es längst in die Bestsellerlisten geschafft. Band 5 heißt Juni 53 und spielt mit seinem Titel auf die Tage der Arbeiterproteste in der DDR an. Auch in Dresden gehen aufgebrachte Werktätige auf die Straße. Man protestiert gegen kaum erfüllbare Produktionsnormen, Versorgungsengpässe und eine Regierung, die ihre Direktiven gnadenlos nach unten durchdrückt und vor der bedrückenden Realität die Augen verschließt. Dass der brutale Mord im VEB Rohrisolation, den Heller und sein Kollege Oldenbusch aufklären sollen, etwas mit den am 17. Juni in vielen Städten in Gewalt umschlagenden Aufständen zu tun hat, steht für einen mitermittelnden Stasi-Offizier schnell fest. Doch Max Heller verfolgt eine andere Spur. Von DIETMAR JACOBSEN