Champagner aus Stöckelschuhen

Roman | Else Buschheuer: Zungenküsse mit Hyänen

Irgendwo zwischen Krimi, Satire und Gesellschaftskritik – der neue Roman Zungenküsse mit Hyänen von Else Buschheuer. Von PETER MOHR

Zungenküsse mit Hyänen
Vermutlich werden nur absolute Insider etwas mit dem Namen Sabine Knoll anfangen können. Sie ist 1965 in der sächsischen Provinz geboren worden, ließ 1986 (aus Verehrung zur Dichterin Else Lasker-Schüler) ihren Vornamen offiziell ändern, arbeitete als Journalistin u.a. für Welt, Spiegel und Stern, war Wetterfee bei n-tv und Pro 7, gilt als eine der Internetblog-Pioniere, schrieb einige Bestseller und ist heute mit dem langjährigen MDR-Intendanten Udo Reiter verheiratet. Als Else Buschheuer ist die 48-jährige Frau längst eine Medieninstitution geworden.

Nun hat sie einen Roman vorgelegt, der irgendwo zwischen Krimi, Satire und Gesellschaftskritik seinen Platz sucht. Ganz nach dem Motto »Sex and crime geht immer« hat Else Buschheuer eine von skurrilen Typen bevölkerte, flotte, aber auch völlig überzeichnete Schickimicki-Story inszeniert.

Im Mittelpunkt stehen zwei Figuren, die unterschiedlicher kaum sein können: der schüchterne Nachwuchsjournalist Michael Rothe und der exzentrische, steinreiche Filmproduzent Wolfgang Müller, der durch einen Verkehrsunfall seit 30 Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist. Buschheuers Ehemann Udo Reiter dürfte für diese Figur Pate gestanden haben.

Das Muttersöhnchen Rothe, ein Anfangdreißiger ohne jede sexuelle Erfahrung, hat einst die Provinz verlassen, ist ins mondäne Rizz gezogen – im Gepäck eine Tupperdose mit Bohnensuppe und 1000 Euro, die er seiner Mutter zuvor gestohlen hat. Jetzt wittert er die Chance auf einen Karrieresprung, er soll eine peppige Story über den Tod der »roten Müllerin« schreiben. Die Bestsellerautorin Felicitas Müller mit dem leuchtend-grellen Haarschopf ist mit einem vergifteten Hugo ins Jenseits befördert worden. Sie erfreute sich in jungen Jahren der Protektion des Produzenten Wolfgang Müller und war später etliche Jahre mit ihm liiert. Eine Liaison der ganz speziellen Art – zwei Exzentriker, die sich liebten, beschimpften, wertschätzten und verfluchten.

In der beschriebenen »Szene« wird gelogen, betrogen, intrigiert, so etwas wie Normalität sucht man vergeblich, selbst die Morde erhalten hier eine extravagante Note. So stirbt der Cellist Bela später bei einem Autounfall, nachdem ihm zuvor jemand Sekundenkleber in die Augentropfen gemischt hatte.

Drogen, Alkohol und Sex begegnet der recherchierende Journalist Rothe im Umfeld des mächtigen Filmproduzenten Müller. Der Rollstuhlfahrer ist eine Figur mit Ecken, Kanten und ganz vielen Widersprüchen. Ein beruflich enorm erfolgreicher Mann, der sich kaum bewegen kann, der auf Hilfestellungen im normalen Alltag angewiesen und stets Beziehungen zu einem halben Dutzend blutjunger Frauen unterhält. Er hilft sich mit »palettenweise Einweg-Erektionsspritzen im Nachtisch«, schlürft auf exzessiven Partys mit spärlich bekleideten jungen Frauen Champagner aus Stöckelschuhen und leidet (so Else Buschheuers fragwürdiger Befund) an »Morbus Berlusconi im Endstadium«.

Die Autorin lässt in diesem mörderischen Treiben kein gutes Haar an ihren Figuren. Müller kommt arrogant und machohaft (er liebt an Frauen »hohe Absätze und kurze Hauptsätze«) daher, und auch der Wandlung des Journalisten Rothe, der vom Provinz-Schüchterling zum Society-Aufsteiger mutierte, hat Else Buschheuer einen stark negativen Beigeschmack verliehen.

Nachdem sich Müller mit einer Giftkapsel, die er in einer Art Siegelring stets bei sich trug, aus dem Leben verabschiedet hat, erbt Journalist Rothe dessen Villa und seinen Bentley. Ist der schüchterne Provinz-Schreiber nun im Leben angekommen? Eine repräsentative Villa, eine Luxuskarosse und seinen ersten Sex hat er zwar dazu gewonnen, aber um welchen Preis? Ist er gar zur leichenfleddernden Hyäne geworden?

Wer, wen, warum getötet hat, soll der Spannung wegen nicht verraten werden. Else Buschheuers turbulente Schickeriageschichte bewegt sich in weiten Teilen rein deskriptiv an der Oberfläche und liest sich wie eine klischeebeladene, aber dennoch recht unterhaltsame Yellowpress-Fortsetzungsgeschichte – eben genau der Stoff, aus dem Bestseller gemacht sind. Für einen ernsthaften Roman hätte es mehr vor allem mehr Tiefgang bei der Figurenzeichnung bedurft.

| PETER MOHR

Titelangaben
Else Buschheuer: Zungenküsse mit Hyänen
Berlin: Aufbau Verlag 2013
352 Seiten. 19,95 Euro

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