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Sich dem Tod entgegenstellen

Roman | Oliver Bottini: Im weißen Kreis. Ein Fall für Louise Boní

Louise Boní ist wieder da. Das ist eigentlich ein Grund zur Freude. Denn die Freiburger Polizistin ist eine der interessantesten Gestalten im deutschsprachigen Krimi unserer Tage. Und ihr Autor einer der feinsten Stilisten, die man in der Thrillerecke finden kann. Doch abgesehen von der Tatsache, dass Im weißen Kreis für Boní-Einsteiger ein paar unüberwindbare Verständnishürden enthält, hat Bottini diesmal auch ein bisschen zu viel gewollt. Von DIETMAR JACOBSEN

BottiniUnd so schwimmt auch der dem Autor geneigte Leser eine ganze Weile mit der Hauptfigur gemeinsam im dichten Nebel eines Falls, in dem NSU, Russenmafia, der deutsche Ableger des Ku-Klux-Klan, dubiose rechte Diskutierkreise, verdeckte Ermittler von Landes- und Bundesbehörden sowie die sterblichen Überreste eines von deutschen Rassekundlern zum Zweck des Nachweises der Überlegenheit der arischen Rasse aus Deutsch-Ostafrika Entführten eine Rolle spielen.

Im Jahre 2004 betrat eine Frauenfigur die Bühne des deutschen Spannungsromans, die völlig neue Maßstäbe setzte. Die von Oliver Bottini erfundene Louise Boní war ungewöhnlich in jeder Beziehung. Alkoholkrank und egomanisch, aneckend, wo immer sie konnte, beziehungsunfähig und gleichzeitig sich nach einem Halt im Leben sehnend, von den Geistern einer Vergangenheit gequält, in der der Unfalltod ihres Bruders und das Nicht-Verhältnis zu ihrem französischen Vater zentrale Rollen spielten, ging sie ganz in Arbeit auf und löste die ihr übertragenen Fälle mehr mit dem Bauch als mit dem Kopf. Ein Monster für manche ihrer Kollegen – ein Glücksfall für die deutsche Kriminalliteratur.

Allein nach fünf Romanen, von denen die ersten beiden jeweils auf Platz 3 des Deutschen Krimi Preises (national) landeten und nur der letzte – Das verborgene Netz, 2010 – qualitativ ein wenig abfiel, wechselte Bottini nicht nur den Verlag, sondern schob auch die inzwischen trockene Boní fürs Erste aufs Abstellgleis. Nun, nach zwei Politthrillern, mit denen der Autor die großen Konflikte unserer globalisierten Welt in die deutsche Literatur hereinholte, ist die Freiburger Kommissarin wieder da. Gequält von den Geistern der Vergangenheit und bemüht, ein Verbrechen zu verhindern, von dem sie zunächst nicht weiß, wer es wann und wo an wem begehen will.

Louise Boní ist wieder da

Nur dass da irgendwer zwei Pistolen samt Munition und Schalldämpfern illegal beschaffen ließ, steht am Anfang fest. Allein wozu sollen eine Tokarew und eine Makarow aus Kreisen der russischen Mafia dienen, wenn nicht zum Töten. Doch weil Louise Boní erkannt hat, dass sie Polizistin geworden ist, um das Töten zu verhindern, dem Tod ihre Tat entgegenzusetzen, macht sie sich ans Werk. Wobei sie sich weder von einem skrupellosen und gut vernetzten Feind noch von – vermeintlichen – Freunden aufhalten lässt, als die Spur sie immer tiefer in ein Dickicht aus neofaschistischen Aktivitäten, Umtrieben des deutschen Ku-Klux-Klan-Ablegers im Schwarzwald, rechtskonservativen Diskussionsforen sowie offen und verdeckt agierenden Verfassungsschützern von Land und Bund und ihren V-Männern in der Szene führt.

Und alles scheint sich um einen Mann aus Ruanda, Ludwig Kabangu, zu drehen, der nach Freiburg gekommen ist, um die sterblichen Überreste seines Großvaters, die Rassenkundler Anfang des letzten Jahrhunderts zu dubiosen Forschungszwecken an die Freiburger Universität verbracht hatten, heimzuholen.

Als Leser hat man da zugegebenermaßen einige Mühe zu folgen. Es geht kreuz und quer von Deutsch-Ostafrika im Jahre 1907 ins Sommermärchenland von 2006, nebenbei noch in das verworrene Labyrinth von Bonís wenig glücklicher Fernbeziehung und immer wieder auf die sentimentgeladene Spur zum verstorbenen Ex-Chef der Kommissarin, Rolf Bermann, an dem gemessen der »Neue«, der von Aachen in den Breisgau weggelobte Leif Enders, doch ziemlich gewöhnungsbedürftig scheint, auch wenn er gelegentlich erfreulich unkonventionell zu handeln vermag.

Eine Polizistin kämpft gegen den Tod

Allein wer Bottinis tapfere Kommissarin kennt, weiß, dass niemand und nichts sie von der Wahrheitsfindung abhalten kann. Auch wenn sich alle Spuren, die sie aufnimmt, immer wieder im Nichts verlieren. Auch wenn Louise Versprechen abgibt, die sie letzten Endes nicht zu halten vermag. Selbst dann nicht, als sie erkennen muss, wie gut die Strukturen ihrer Gegner funktionieren, während man den eigenen Leuten nicht mehr trauen kann. Leuten, die einerseits mit hohem finanziellen Einsatz die rechte Szene zu unterwandern suchen, während sie andererseits auf unheilvolle Weise selbst in sie verstrickt sind.

Wer sorgt in solch einer Situation noch für Gerechtigkeit, muss sich Bottinis Heldin schließlich fragen. Und nahezu folgerichtig sieht sie sich dem Gedanken konfrontiert, das Gesetz in die eigene Hand zu nehmen. Loszugehen und die Dinge selbst zu regeln, die die vom Staat dazu Ermächtigten nicht mehr zu regeln verstehen, weil sie längst Teil von dem geworden sind,was zu bekämpfen ihnen aufgetragen ist. Doch Schuld auf sich zu nehmen, um Schuld zu tilgen, bleibt Louise Boní erspart, weil sich ein anderer opfert, um eine alte Rechnung zu begleichen. Und so ist der Abschied, den Louise am Ende von Deutschland und den Lesern nimmt, wahrscheinlich doch keiner für immer.

| Dietmar Jacobsen

Titelangaben
Oliver Bottini: Im weißen Kreis. Ein Fall für Louise Boní
Köln: Dumont Buchverlag 2015
301 Seiten. 14,99 Euro
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