Big Trouble in Little Europe

Roman | Thomas Pynchon: Schattennummer

Er hat sich mehr als ein Jahrzehnt Zeit gelassen. Aber nun ist er da, der neue Roman des inzwischen 88-jährigen Thomas Pynchon. Von dem man immer noch nicht viel weiß, weil er sich nach wie vor konsequent jeglicher Öffentlichkeit verweigert. Frei nach der Devise: Was zählt, ist das Werk, nicht der Autor. Schattennummer heißt sein neuester literarischer Streich. Knapp 400 Seiten lang ist der – für Pynchon-Verhältnisse also eher schmal. Und nachdem die ersten paar Kapitel sich lesen, als wäre man unversehens in die Welt von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett geraten, landet man schließlich doch noch da, wo in den Romanen des ewigen Nobelpreis-Kandidaten schon immer der Wahnsinn tickt. Von DIETMAR JACOBSEN

Hicks McTaggart ist Detektiv. Eine Art Philip Marlowe von Milwaukee. Und sein neuester Auftrag könnte nicht nur ihm, sondern auch der Detektivagentur Unamalgamated Ops, für die er arbeitet, einen schönen Batzen Geld einbringen. Denn es geht um die Erbin eines großen Vermögens. Daphne Airmont ist die Tochter von Bruno Airmont, einem Multimillionär, allgemein bekannt als »der Al Capone des Käses«. Allein vor Jahren schon hat der Mann Milwaukee fluchtartig den Rücken kehren müssen, nachdem er mit radioaktivem Käse, »Radio-Cheez« genannt, statt der geplanten Haltbarkeit des Produkts die Gefährdung der Gesundheit seiner Konsumenten erreichte. Niemand weiß, wo er sich inzwischen aufhält.

Und das Töchterchen, das McTaggart damals mit einer kühnen Aktion zur See vor der Einweisung in eine Nervenheilanstalt bewahren half, scheint es nun dem Vater nachgemacht zu haben. Go east über den Großen Teich! Und weil sie die Reise mit dem Klarinettisten der »Klezmopolitains«, einer angesagten Swingband, angetreten hat, dürfte die Überfahrt auch alles andere als langweilig gewesen sein. Nach Europa zieht es Hicks eigentlich nicht. Aber plötzlich findet er sich doch an Bord eines Schiffes, der »Stupendica« – Nomen est omen! –, und auf dem Weg zu einem Kontinent, der gerade in einem alles andere als gesundem Wandel begriffen ist.

Europa im Umbruch

Thomas Pynchons neuer, sein neunter Roman spielt im Jahr 1932. Die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor, »Big Al sitzt im Bundesknast in Atlanta« und auf der anderen Seite des Großen Teiches bestimmen sinistre Gestalten wie Mussolini und Hitler zunehmend den politischen Diskurs. Dorthin, in die Alte Welt, führt McTaggarts Weg. Auf den Spuren der Airmont-Tochter und ihres Geliebten begegnen ihm dabei Geheimdienstler und Mafiosi, Verschwörungstheoretiker und Biker, Nazis und ihre Gegenspieler, die sich schon jetzt darauf vorbereiten, den potentiellen zukünftigen Opfern der faschistischen Ideologie die »schon vorhandenen und zur Verfügung stehenden Infrastrukturen von Widerstand und Flucht« gewinnbringend auszubauen.

Der Holocaust wirft seine Schatten voraus – »Mit zunehmender Dynamik wird es immer wahrscheinlicher, dass Juden, möglicherweise in nie dagewesener Zahl, bald und sehr rasch ihre Adresse werden wechseln müssen«, hört der von McTaggart verfolgte Klarinettist Hop Wingdale an einer Stelle von seinem Agenten, dem die schockierende Mehrdeutigkeit dieses Satzes natürlich noch nicht bewusst sein kann Anfang der 1930er Jahre – und die allgemein aufgeheizte Stimmung an allen Orten, die auf McTaggarts Route quer durch Europa liegen, gleicht nicht von ungefähr dem sprichwörtlichem Tanz auf dem Vulkan. Noch ist der allerdings nicht ausgebrochen. Aber die Zeichen stehen auf Sturm, und was dann alles von der Bühne gefegt werden wird, kann man nur ahnen.

Biker, Bekiffte und sonstige Banausen beim Tanz auf dem Vulkan

Mit den in den Romanen von Thomas Pynchon von jeher auffindbaren Eigenheiten – Reelles verbindet sich nahtlos mit Erfundenem, Geschichtliches erscheint legendendurchsetzt, historisch verbriefte Gestalten schütteln erfundenen Protagonisten die Hand, Hoch- und Popkultur verschmelzen zu einem das Lesen zu einer tour de force durch die unterschiedlichsten Wissensbereiche machendem Amalgam – arbeitet auch Schattennummer an einem Zeitbild, das zugleich einer Epoche gerecht zu werden versucht, während es andererseits über diese auch weit hinausweist. Und wie Pynchon-Leserinnen und -Leser das längst gewohnt sind, ja von einem neuen Roman des Amerikaners wahrscheinlich sogar erwarten, wimmelt es auch in diesem neunten Buch des Autors von dubiosem Personal, dem die Hauptfigur auf ihrem Weg quer durch Europa begegnet. Das reicht von Geheimdienstleuten unterschiedlicher Mächte über die Teilnehmer an einer Motorradrallye, der Trans-Trianon-2000-Tour zwischen Ungarn und der Adria, bis zu Musikern, deren Agenten und transsilvanischen Vampiren.

In Zeppelinen, die auf ihrer Luftfahrt von Friedrichshafen nach Rio de Janeiro mal eben in einem rumänischen Wassermelonenfeld zwischenlanden, einem U-Boot, das aus dem letzten Krieg noch übrig geblieben ist und, allen Gesetzen von Physik und Logik widersprechend, mal hier, mal da auftaucht, mit sogenannten »Tragschraubern« oder auf Bikes bewegt sich Pynchons Personal quer durch die Alte Welt. Was Hicks McTaggart dabei zu sehen bekommt, will ihm letzten Endes nicht gefallen. Denn offensichtlich ist eine Zeitenwende im Gange, erlebt Europa gerade keine Schwächephase der Demokratie, sondern deren definitiv letzten Tage. Wohin der Held des Romans deshalb auch kommt: überall brodelt es, machen sich dunkle Mächte bereit, die Macht zu übernehmen und drohen all jenen, die sich ihnen in den Weg stellen, mit deren Vernichtung. Es ist ein Reigen in den Untergang zum Takt der Swingmusik von Bands wie der von Daphne Airmonts Freund Hop Wingdale – laut, grell und auch ein bisschen furchteinflößend.

Historie und Gegenwart im spannungsvollen Verhältnis

Nicht zuletzt wegen seiner ersten Sätze mag ich die Bücher von Thomas Pynchon. Schattennummer beginnt mit: »Wenn Ärger in die Stadt kommt, nimmt er meist die North-Shore-Linie.« Herrlich kurz, flapsig-prägnant und – wie im Übrigen auch die restlichen 400 Seiten des Romans – von zwei unserer renommiertesten Übersetzer aus dem Englischen, Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren, brillant eingedeutscht. Den eigentlichen Kern freilich von Pynchons Roman markieren die in seinen Tiefen verborgenen unübersehbaren Parallelen zwischen dem Europa der 1930er und dem Trump-Amerika der 2020er Jahre. Denn auch wenn Schattennummer ein weiteres Mal mit Absurditäten, einem ganzen Heer skurriler Gestalten in grotesken Situationen – wobei, wie man das von diesem Autor inzwischen gewohnt ist, auch wieder fleißig gesungen wird – und haarsträubenden Episoden punktet: Dass dieser Roman deshalb unpolitisch geworden und aus der Zeit gefallen ist, kann man beim besten Willen nicht behaupten. Eben richtig Thomas Pynchon – wie er leibt und schreibt.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Thomas Pynchon: Schattennummer
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren
Hamburg: Rowohlt Verlag 2025
397 Seiten. 26 Euro
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