Short Cuts

Roman | Laetitia Colombani: Der Zopf

Der Erstlingsroman der französischen Schauspielerin und Regisseurin Laetitia Colombani wurde gleich in 28 Sprachen übersetzt, steht seit Monaten auf den Bestseller-Charts und betört durch sein türkis-goldenes Cover. Doch hält Der Zopf sein lockendes Versprechen? Von INGEBORG JAISER

»Ein Zopf ist ein ornamentaler Haarstrang, der durch Techniken wie Flechten, Knüpfen, Zwirnen, Verzwirbeln oder Zusammenbinden erzeugt wird«, erklärt Wikipedia. Kein schlechtes Motiv für einen Roman, der drei Handlungsstränge – geschickt verwoben – ineinander verschlingt. Doch dazu muss erst einmal die volle Haarpracht ausgebreitet und entwirrt werden.

Schlaglichtartig scheinen drei Frauen aus drei Kontinenten auf, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: die Inderin Smita aus dem nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh, die junge Giulia aus dem sizilianischen Palermo und die kanadische Anwältin Sarah aus Montreal. Kurze, überschaubare Episoden wechseln sich ab, springen von Schauplatz zu Schauplatz, garniert mit einem Hauch exotischem Lokalkolorit. Doch was auf den ersten Blick nach leicht konsumierbarer Sommerlektüre aussieht, raubt einem schon im ersten Kapitel den Atem.

Schmutzsammler und Perückenknüpfer

Smita ist eine Dalit, eine Unberührbare, keiner Kaste zugehörig. Ohne Rechte und ohne Auskommen verbringt sie ihre Tage damit, mit bloßen Händen die Exkremente anderer zu beseitigen, während ihr Ehemann Nagarajan die Felder der reichen Jats von den Ratten befreit, die er später seiner Familie zum Abendessen mitbringt. Das Leben ihrer kleinen Tochter Lalita ist schon Geschenk genug: im nahen Rajasthan verscharrt man neugeborene Mädchen lebend in einer Kiste unter dem Sand. Es dauert eine ganze Nacht, bis sie sterben. Ein Aufbegehren wäre wenig ratsam für Smita: jedes Jahr werden in Indien zwei Millionen Frauen ermordet.

Mit einem schnellen Schnitt befinden wir uns in Palermo, an der Nordküste Siziliens. Eingebunden in Traditionsbewusstsein, familiärem Zusammenhalt und religiösem Glauben nehmen hier die Geschicke ihren festen Lauf. Seit Generationen hat sich das Familienunternehmen Lanfredi der »Cascatura«“ verschrieben, dem Sammeln und Präparieren von Haaren, um daraus kunstvolle Echthaarperücken zu knüpfen. Auch die junge Giulia kann sich nichts anderes vorstellen, hat sogar die Schule abgebrochen, um in der Manufaktur des Vaters zu arbeiten.

Von extremem Ehrgeiz wird wiederum das durchorganisierte Leben der kanadischen Anwältin Sarah getrieben – »präzise, effizient, orchestriert wie eine Militärsymphonie«. Der Gerichtssaal ist »ihre Arena, ihr Revier, ihr Kolosseum«, das sie perfekt gestylt, mit der undurchdringlichen Miene des Pokerspielers betritt. Doch unzählige Überstunden und Wochenendschichten fordern ihren Tribut: Zwei Ehen sind zerbrochen, die drei Kinder werden von einem männlichen Betreuer versorgt.

Ineinander verflochtene Schicksale

Der Zopf liest sich schnell und leicht weg. Ein schlichter, unprätentiöser Stil, überschaubare Kapitel mit geschickten Cliffhangern und visuell sich geradezu aufdrängende Szenerien sorgen für Spannung, Empathie, Überraschung. Ein loses Flechtwerk entsteht, aus dem sich dennoch viele widerspenstige Strähnen herauskräuseln. Als Smitas Plan, ihrer Tochter Lalita eine Schulbildung zu gewähren, missglückt, entschließt sie sich zu einer gefährlichen Flucht ins weit entfernte Chennai. Giulia wiederum muss erkennen, dass das Familienunternehmen vor dem Konkurs steht, während der Vater nach einem Unfall im Koma liegt.

Und Sarahs überraschende Krebserkrankung bedeutet das mögliche Aus ihrer Karriere – zumindest ihrer makellosen Erscheinung. Wie sich diese Frauen buchstäblich am eigenen Schopfe aus der Misere ziehen, mit Courage und Erfindungskraft ihr Schicksal in die Hand nehmen, gehört zu den Mut machenden Wendungen dieses Romans. Obwohl er an manchen Stellen knapp an einer Schmonzette vorbeischliddert und man das drohende Etikett »Frauenroman« geradezu erahnt, stürzt er nie in Rührseligkeiten ab, sondern schürt eher das Interesse, mehr über die möglichen Fakten hinter der Fiktion zu erfahren.

Am Ende fügen sich die drei Erzählstränge zu einem verschlungenen Ganzen zusammen. Smita und Lalita opfern in einem indischen Tempel ihre Haare, um erleichtert und von der Gottheit Vishnu wohlgesonnen, in ein neues Leben zu treten. Giulia wiederum rettet mit indischer Importware das insolvente Familienunternehmen. Eine handgearbeitete Perücke aus ihrer Produktion verhilft der kanadischen Anwältin Sarah, die nach der Chemotherapie alle Haare verloren hat, zu neuem Selbstvertrauen. Ein bisschen schief ist Der Zopf dennoch geraten – und man errät, dass die Flechtwerke der Götter nicht immer fair und gerecht ausfallen.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Laetitia Colombani: Der Zopf
Aus dem Französischen von Claudia Marquardt
Frankfurt: S. Fischer 2018
283 Seiten. 20.- Euro
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