Vom Wollen zum Können: Die Entdeckung auf dem Malblock

Kinderbuch | Claudia Gürtler: Farbe, Eule, Stift und Katze

In den Augen eines Kindes ist die Welt voller Meisterwerke, die nur darauf warten, aufs Papier gebracht zu werden. Doch sobald der Stift die weiße Fläche berührt, passiert oft etwas Seltsames: Das stolze Pferd sieht eher aus wie ein wackeliger Tisch, und das Porträt der Eltern erinnert mehr an eine freundliche Wolke mit Punkten. Mina versucht es mit einer Katze und verschiedenen Eulenvariationen und macht genau diese Erfahrung, stellt ANDREA WANNER fest.

Abstrakte Zeichnung einer Katze und einer EuleDas dicke leere Buch mit weißen Seiten liegt unter dem Weihnachtsbaum. Dazu Stifte, Farben und Pinsel. Dann kann es ja losgehen. Mina ist zuversichtlich. Und eigentlich klappt es auch ganz gut. Die Eule bekommt einen Baum, die Katze ein Haus zum Verstecken. Und dann wird es Sommer und Mina hat noch andere Dinge vor, als nur in ihr Buch zu malen.

Irgendwann kommt die Enttäuschung. Warum macht die Hand nicht das, was der Kopf so klar vor sich sieht? Mina ist unzufrieden und macht eine wichtige Entdeckung. Das »Können« im Wort Kunst ist kein Geschenk, das fertig verpackt unter dem Weihnachtsbaum liegt. Es ist ein Muskel, der trainiert werden will. Aber jetzt ist sie erst mal wütend, zerreißt ganze Seiten und hört nicht mehr auf die Rufe von Katze und Eule.

Claudia Gürtler hat sich eine Geschichte ausgedacht, die so ähnlich sicher schon mal jedes Kind erlebt hat, das sich kreativ betätigt hat. Es weiß noch nicht, dass jedem »verpatzten« Blatt Papier ein winziges Stück Fertigkeit wächst, dass der Pinsel ein Eigenleben führt, das man erst zähmen muss. Nach hundert krummen Linien wird die erste Linie plötzlich gerade. Nach tausend bunten Klecksen entsteht plötzlich genau der Farbton, den man gesucht hat. Sie verpackt das in ein großartiges Abenteuer, in dem Katze und Eule lebendig werden dürfen, untereinander streiten, wer das beliebtere Modell ist und mit der kleinen Künstlerin Kontakt aufnehmen.

Grandios hat die Bilderbuchillustratorin Renate Habinger das in Szene gesetzt. Geschickt findet sie die Balance zwischen den dilettantischen Bemühungen von Mina und dem eigenen künstlerischen Können: was Mina zu Papier bringt, wird in einen größeren Zusammenhang gestellt und trotzdem bleiben ihre Versuche und Fehlversuche sichtbar. Man spürt Begeisterung und Einsatz, aber eben auch Enttäuschung und Wut. War’s das?

Kunst ist kein Glücksfall, sondern die Summe aus Mut und Ausdauer. Wer bereit ist, Hunderte »falsche« Bilder zu malen, der besitzt irgendwann das Können für das eine »richtige«. Am Ende steht die Erfahrung, dass jeder Klecks kein Missgeschick ist, sondern ein kleiner Schritt auf dem Weg vom bloßen Wollen zur Kunst und neue weiße Seiten warten auch auf Mina.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Claudia Gürtler: Farbe, Eule, Stift und Katze
Illustriert von Renate Habinger
Wien: Jungbrunnen 2025
32 Seiten, 18 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Aufgeben ist keine Option

Nächster Artikel

Big Trouble in Little Europe

Weitere Artikel der Kategorie »Kinderbuch«

Viel mehr als nur Abschied

Kinderbuch | Elin Lindell: 12 Süßigkeiten und 2 Todesfälle

Uno tut sich schwer mit Freundschaften. Doch dann trifft er die gleichaltrige Katjes am vermutlich unpassendsten Ort der Welt, um gemeinsam Spaß zu haben: auf der Palliativstation eines Krankenhauses. Dort müssen die beiden Abschied von einem geliebten Menschen nehmen. Von ANDREA WANNER

TI (Tierische Intelligenz)

Kinderbuch | Bjørn F. Rørvik: Fuchs & Ferkel. Der Tutomat

Mit den genialen Arztspielen von Fuchs und Ferkel ›Torte auf Rezept‹ wurden Bjørn F. Rørvik und Claudia Weikert für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Und jetzt gehen die Abenteuer weiter, freut sich ANDREA WANNER

Vertrieben, gehetzt und beinah erschossen

Kinderbuch | Rosanne Parry: Als der Wolf den Wald verließ

Erwachsenwerden ist nicht leicht, auch wenn man eine behütende Familie hat. Aber wenn man angegriffen wird, die Familie getötet, und der Halbwüchsige tausende Kilometer allein unterwegs sein muss, ist es lebensgefährlich. So ergeht es auch dem kleinen Flink, der seine Geschichte erzählt. Flink ist ein Wolf. Von GEORG PATZER

Von einem, der auszog…

Kinderbuch | Thé Tjong-Khing: Hieronymus. Ein Abenteuer in der Welt des Hieronymus Bosch Ein Junge spielt mit einem Ball. Der Ball fällt unglücklicherweise in einen tiefen Abgrund – und der Junge hinterher. Er landet unversehrt im Wasser – und in der magischen Bilderwelt des Hieronymus Bosch. Von ANDREA WANNER

Eine Welt voller Schätze

Kinderbuch | Ursula Poznanski: Clara sammelt

Große Brüder sind manchmal Trendsetter, die Anregungen für kleine Schwestern liefern. Fabio ist neun und sammelt Sticker. Und Clara, sieben, findet das cool. Weniger die Bildchen von Star-Wars-Akteuren und Fußballern, sondern das Sammeln. Clara beginnt zu sammeln und ANDREA WANNER schmunzelte.