Tiefer und immer tiefer …

Kinderbuch | M.Barnett: Sam & Dave graben ein Loch / T.Kuhlmann: Maulwurfstadt

Das, was nicht auf den ersten Blick sichtbar ist, sondern sich im Erdboden versteckt, war schon immer spannend. Neugierig graben sich zwei Bilderbücher in die Erde. ANDREA WANNER entdeckte zwei echte Schätze.

lochSam und Dave sind Freunde. Mit jeweils einer Schaufel bewaffnet, jeweils eine Kappe auf dem Kopf – die eine rot, die andere blau – und in Begleitung eines Hundes graben sie ein Loch, direkt neben einem Apfelbäumchen. Ihr Ziel: etwas Besonderes zu finden. Das erweist sich als gar nicht so leicht. Das Loch wird tief und tiefer, das Buddeln artet in Arbeit aus, kein Schatz in Sicht. So ändern sie immer wieder ihre Taktik, treiben nach dem senkrechten einen waagrechten Stollen in die Erde, trennen sich unterirdisch – bis sich ihre Tunnels wieder treffen, bohren sich tiefer und tiefer in das Innere des Globus. Was sie nicht sehen, sondern nur der in diesem Fall etwas klügere Bilderbuchbetrachter: Sie verfehlen die immer riesiger werdenden Diamanten und Edelsteine nur um wenige Spatenstiche. Da helfen auch die zaghaften Hinweise des Hundes nichts: Jeder neue Weg, jede Richtungsänderung lässt sie das, worauf sie aus sind, verpassen. Längst ist die Schokomilch getrunken, die letzten Kekse verputz und die Abenteuerlust auf dem wörtlich zu nehmenden Tiefpunkt angekommen. Und dann geschieht etwas Unerwartetes.

Die zweite Koproduktion von Mac Barnett und dem wahrlich genialen Bilderbuchillustrator Jon Klassen ist eine augenzwinkernde Komödie in zarten Tönen, bei der man genau hinschauen und aufpassen muss. Wenige Akteure, kaum Requisiten, knappe Dialoge: Es sind die kleinen Veränderungen, die den Witz ausmachen. Richtungsänderungen, komplementäre Farben, »Gegensatz«-Paare wie Hund und Katze, Apfel und Birne, rechts und links, sauber und schmutzig, Ordnung und Chaos, oben und unten strukturieren das Buch auf subtile Art. Das Ende? Verblüffend, irritierend und nur auf den ersten Blick selbstverständlich und in Ordnung. Und einer trägt am Ende dann doch tatsächlich einen Schatz davon, auch wenn der sicher nicht nach jedermanns Geschmack ist.

MaulwurfstadtDas zweite Bilderbuch stellt Akteure in den Mittelpunkt, deren natürlicher Lebensraum weitgehend unter Tage ist: Maulwürfe. Und der Blick auf das, was dort geschieht, beginnt ganz sachlich, fast wie eine Reportage: »Die Geschichte von Maulwurfstadt begann vor vielen Jahren.« Sie nimmt ihren Anfang auf einer idyllischen grünen Wiese mit einem vereinzelten Maulwurfshügel. Es soll nicht lange der einzige bleiben. Dem einen Maulwurf, der dort sein Zuhause findet, folgen viele. Sie werden mehr und mehr und unter der Erde hält der Fortschritt Einzug. In monochromen Brauntönen mit gedämpften Farbakzenten zeigen die Bilder auf den Doppelseiten fast ganz ohne Worte wie diese unterirdische Welt expandiert, technisiert und modernisiert wird. Die Folgen sind – nicht überraschend – die gleichen, wie sie in der »richtigen« Welt zu sehen sind: Die Bevölkerung wächst, es wird eng und enger, der Energieverbrauch steigt, ein Verkehrschaos droht, ebenso wie eine Umweltkatastrophe.

Torben Kuhlmann, dessen Bilderbuch aus dem Vorjahr ›Lindbergh – Die Geschichte einer fliegenden Maus‹ von einer Maus, die sich in ihrer gefährlich gewordenen Welt als Lösung das Fliegen einfallen lässt, wurde auf der Buchmesse in Leipzig gerade erst für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 nominiert. Man findet Anklänge an Lindbergs Leidenschaft für Technik, wenn man schon das Titelbild von Maulwurfstadt sieht: Ineinandergreifende Zahnrädchen, wie sie die Maus für ihre Konstruktionen auch verwendete. Aber man entdeckt noch viel, viel mehr. Kuhlmann verrät, dass für diese Maulwurfswelt echte Städte und Orte Paten standen: »von Manchester während der Industriellen Revolution über New York bis zu den Ölfeldern Aserbaidschans oder dem Ruhrpott mit seinen Zechen.« Er ist ein akribischer Ideensammler und ein origineller Ideenumsetzer. Vor allem auch erwachsene Bilderbuchbetrachter werden ihre Freude haben, wenn er beispielsweise die berühmte Fotografie »Mittagspause auf einem Wolkenkratzer«, die 1932 beim Bau des RCA-Building aufgenommen wurde, mit Maulwürfen mit Lunchpaket auf dem Kranarm nachstellt.

Anders als beim Mauseabenteuer Lindbergh gibt es aber keine Identifikationsfigur, sondern behält das Bilderbuch den dokumentarischen Charakter bis zum Ende bei. Ein bisschen – wenn auch stilistisch ganz anders –fühlt man sich an die beiden großen Bilderzyklen aus den siebziger Jahren von Jörg Müller erinnert, die im Zeitraffer die Veränderungen der (Stadt)landschaft zeigten. ›Hier fällt ein Haus, dort steht ein Kran und ewig droht der Baggerzahn oder die Veränderung der Stadt‹ (1973) und ›Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder die Veränderung der Landschaft‹ (1976): Alles ist dem Wandel unterworfen, der Mensch nimmt sich mehr und mehr Raum, versteht darunter Fortschritt. Aber stimmt das? Der Raubbau an der Natur fordert seinen Preis. So endet die Geschichte von Maulwurfstadt mit einem politischen Statement: ein Artikel aus ›The Moletown Times‹ trägt die Überschrift ›Agreement on Green‹, gezeichnete Fotos zeigen demonstrierende Maulwürfe, die Baumplakate mit der Aufschrift »Save« tragen, Windräder auf den Maulwurfshügeln und erste, zarte Pflänzchen in einer Landschaft, in der der letzte Grashalm mit rot-weißem Absperrband geschützt werden muss. Da kann man schon ins Grübeln kommen…

Unter der Erde ist also auch nicht alles in Ordnung. Genau hinzugucken lohnt sich bei beiden Bilderbüchern, die ganz unterschiedliche unterirdische Welten zeigen, und auf ganz unterschiedliche Art von der Liebe zum Detail leben. Abtauchen in diese Reiche unter der Oberfläche lässt einen die Welt hier oben mit neuen Augen sehen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Mac Barnett: Sam & Dave graben ein Loch
(Sam and Dave dig a hole, 2014)
Illustriert von Jon Klassen. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Bodmer
Zürich: NordSüd 2015
40 Seiten. 14,99 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
| Leseprobe

Torben Kuhlmann: Maulwurfstadt
Zürich: NordSüd 2015
32 Seiten. 14,99 Euro
Bilderbuch ab 5 Jahren
| Leseprobe

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