Grünes Wunder

in Kinderbuch

Kinderbuch | Albert Wendt: Henrikes Dachgarten

Auch ganz alltägliche Orte können Magie in sich bergen und zu kleinen Paradiesen werden. Ein zauberhaftes Märchen entführt uns auf das Dach des Hauses Krumme Gasse 7 und lässt uns staunen. Von ANDREA WANNER

Henrikes DachgartenHenrike, ein zwölfjähriges Mädchen, wohnt in diesem Haus. Gemeinsam mit Henne, einem Dachdecker mit leichtem Dachschaden, entdeckt sie auf dem flachen Dach des Hauses zu Beginn des Frühlings einen kleinen Mooshügel. Von Henne kommt der Vorschlag, ihn ›Henrikes Dachgarten‹ zu nennen. Eine wunderbare Idee.

Aber wie groß ist das Staunen am nächsten Tag, als sie erste Hand anlegen wollen, dass da plötzlich über Nacht zwei Birken stehen. Das gärtnerische Engagement der beiden in Ehren, aber was hier passiert ist, ist unerklärlich. Und so geht es weiter. Henrike und Henne sind engagiert, pflanzen, säen, stützen, topfen um, jäten und gießen – aber es sind offensichtlich andere Kräfte, die dafür sorgen, dass auf dem Dach ein kleines grünes Paradies entsteht.

Rote und weiße Rosen, Salbei, Bohnenkraut, Thymian und Ringelblumen: es grünt und blüht und ein ganz besonderer Geist umweht den kleinen Ort in luftiger Höhe. Er wird zum Treffpunkt von Außenseitern und Abenteurer, Ruhesuchenden und Diskutierfreudigen, dient als Rückzug- und Begegnungsort, wo sich alle mit gegenseitigem Respekt und großer Toleranz begegnen.

Wer ihn in guter Absicht betritt, erliegt seinem Zauber. Aber so viel Glück und Frieden ruft auch Neider auf den Plan. Hier ist es Frau Hux, eine ordnungsliebende Mieterin aus dem Haus, die so viel subversives Treiben nicht dulden mag und Pläne schmiedet, wie sie aus dem Zauberwort wieder einen Bereich machen kann, der geputzt und in Ordnung gehalten, aber nicht geliebt und bewohnt wird.

Albert Wendt ist ein Märchenerzähler, der sein Handwerk beherrscht. Er beginnt ganz unspektakulär im Hier und Jetzt, arbeitet mit alltäglichen Versatzstücken und lässt die Magie ganz langsam in seine Geschichte einströmen. Urban Gardening, grüne Oasen, Gärtnern als Ausgleich und Zeitvertreib, das Anbauen von Obst und Gemüse … kennen wir alles in und aus unserem Umfeld. Was dann geschieht, ist anders, neu, märchenhaft. Es vollziehen sich Dinge, für die es keine rationalen Erklärungen mehr gibt – ohne dass offensichtlich gezaubert wird. Eine geheime Magie durchdringt die Dinge. Die Figuren, die auftreten, lassen sich relativ einfach dem Schema Gut oder Böse zuordnen und sind dennoch facettenreich und mehrdimensional gestaltet. Und die Gefahren, die dem Paradies drohen, kommen nicht nur von den Bösen.

Auch ganz banale Dinge wie ein Sommergewitter mit Sturm, der Schrecken alle Gartenbesitzer, Landwirte und Naturfreunde, kann über das kleine Glück hereinbrechen und es zu zerstören drohen. Zuversicht, Zusammenhalt, Tatkraft und ein kleines bisschen Hokuspokus funktionieren als bewährte Mittel, um das Refugium zu schätzen und letztlich zu retten.

Die Grüntöne des Covers und des Vorsatzpapieres ziehen sich als grüne Kapitelüberschriften durch das Buch, ergänzt Illustrationen von Linda Wolfsgruber, die als grüne Linienzeichnungen üppig auf den Seiten verteilt sind und Samen ähneln, die einen fruchtbaren Grund gefunden haben, wo sie aufgegangen sind.

Über all dem lacht die Sonne, funkeln nachts die Sterne und wachen gute Geister. Einfach eine wunderschöne Geschichte.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Albert Wendt: Henrikes Dachgarten. Das Wunder auf der Krummen Sieben
Mit Illustrationen von Linda Wolfsgruber
Wien: Jungbrunnen 2018
96 Seiten, 14 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren
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