Die Debütantin und der Profi

Roman | Horst Eckert: Die Praktikantin

Carla Bergmann will etwas bewegen. Sie, die gerade als Praktikantin bei der Lokalredaktion der Düsseldorfer Morgenpost beginnt, hat Großes vor. Wie Jan Koller, Carlas journalistisches Vorbild und Leiter der Hauptstadtredaktion der Morgenpost, das schon mehrfach geschafft hat, hofft sie auf einen Scoop, eine Geschichte, die sie von jetzt auf gleich berühmt macht und als begehrten Gast in die angesagtesten deutschen Talkshows katapultiert. Ein Bericht über den Einbruch in die Redaktionsräume einer putinkritischen russischen Exilzeitung könnte das Potential dazu haben. Aber als vor ihren Augen ein Informant kaltblütig erschossen wird und Polizei und Staatsschutz mauern, beginnt sie zu begreifen, wie gefährlich das Spiel ist, auf das sie sich eingelassen hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Sie hat ein paar brisante biographische Details verschwiegen, um als Praktikantin bei der konservativen Düsseldorfer Morgenpost eine Chance zu bekommen. Deshalb wissen ihre neuen Vorgesetzten weder von ihrem Engagement für die Fridays-for-Future-Bewegung noch von ihrem Gefängnisaufenthalt, nachdem sie eine hohe Geldstrafe für die Störung des Flugbetriebs am Münchener Flughafen nicht zahlen konnte. Doch als sie bereits an ihrem ersten Arbeitstag Jan Koller, dem berühmten Investigativ-Journalisten und Dauergast in zahlreichen Fernseh-Talkshows, ihrem großen Vorbild und Idol, gegenübersteht, scheint das Ziel ihrer Wünsche nicht mehr weit.

Nur eine abgründige Geschichte mit ordentlich Skandalpotential wäre noch gut, ein richtiger Scoop, der ihren Namen auf einen Schlag bekannt machen könnte. Und vielleicht verbirgt sich hinter der Meldung der Düsseldorfer Polizei, in den Redaktionsräumen einer russischen Exilzeitung hätte man zwei Eindringlinge festgesetzt, genau das, was Carla für den idealen Einstieg in den Journalismus noch fehlt.

Ein Einbruch mit Skandalpotential

Aber niemand will der jungen Frau erlauben, eine Geschichte zu recherchieren, die am nächsten Tag schon gar keine mehr zu sein scheint. Die für die in Russland verbotene Pravda Naroda Arbeitenden vermissen nämlich nichts. Und die hochgenommenen Subjekte sind am Morgen nach dem Vorfall schon wieder auf freiem Fuß. Polizei und Geheimdienste halten sich bedeckt, keinerlei Informationen über die Hintergründe des Vorfalls dringen nach außen. Allein Carlas Misstrauen ist geweckt. Und sie beginnt, die Dinge selbst zu hinterfragen. Als sie kurz darauf Augenzeugin des kaltblütigen Mordes an einem russischen Informanten wird, weiß sie, dass sie mit ihrer Neugier offensichtlich in ein Wespennest gestochen hat. Wie lebensgefährlich die Folgen ihrer Recherche aber tatsächlich noch werden, ahnt sie zu diesem Zeitpunkt nicht.

Horst Eckert (Jahrgang 1959) hat der Rheinischen Post gegenüber betont, Die Praktikantin, sein 21. Buch, wäre das erste, mit dem er wirklich »rundum zufrieden« sei. Eckert, in Weiden in der Oberpfalz geboren und heute in Düsseldorf lebend, der Stadt, in der die meisten seiner Kriminalromane und Politthriller auch angesiedelt sind, hat selbst gut anderthalb Jahrzehnte in dem Metier gearbeitet, in dem seine beiden zentralen Protagonisten, Carla Bergmann und Jan Koller, tätig sind. Als Fernsehjournalist sammelte er Erfahrungen, die später auch in seine Romane einflossen. Dennoch hat er Pressevertreter eher selten in den Mittelpunkt seiner Bücher gestellt. Der gehörte immer taffen Kriminalkommissaren wie Vincent Veih, ohne den – und einige weitere aus Eckert-Romanen bekannte Protagonisten – auch Die Praktikantin nicht auskommt, allerdings diesmal nur in einer Rolle am Rande.

Korrupte Militärs, intrigante Politiker und skrupellose Lobbyisten

Als Carlas Recherchen den Top-Journalisten Koller zu interessieren beginnen, er zu einer Art stillem Berater für die gerade einmal halb so alte, ehrgeizige und mit dem richtigen Gespür für brennend aktuelle Themen in ihre Karriere startende Frau wird, nimmt Eckerts Roman dann richtig Fahrt auf. Denn der im politischen Berlin hervorragend vernetzte Mann, eigentlich gerade beschäftigt mit der auseinanderbrechenden Regierungskoalition, nutzt einen Flug als Pressebegleiter des deutschen Verteidigungsministers nach Kiew, um dort den Tross der Journalisten zu verlassen, weil er mehr über Carlas getöteten Informanten Artem Woronin herausbekommen will.

Woronin hatte einst als russischer Hubschrauberpilot mitsamt seiner Maschine und etlichen Geheimdokumenten die Seiten gewechselt, danach eine Zeitlang im Stab eines ukrainischen Generals gearbeitet, bis er auf einen Korruptionsskandal stieß und ihn auf den Seiten einer kritischen Kiewer Zeitung, der Realnaya Press, aufzudecken versuchte. Sicher durfte er sich von da an freilich nicht mehr fühlen, weshalb ihn sein Weg nach Berlin und als Gast in die Redaktion der russischen Exilzeitschrift führte. Die Erkenntnisse, die er während seiner Zeit in Kiew gewann, ließen ihn und auch die Kollegen, die er in der Ukraine zurückließ, freilich in den Fokus von Kräften geraten, die den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine für ihre eigenen Interessen nutzten und durch ihre enge Verbindung zu europäischen Regierungen und Geheimdiensten sowie weltweit operierenden, profitorientierten Rüstungsunternehmen für jeden, der ihnen und ihren Plänen zu nahe kam, eine tödliche Bedrohung darstellten. Auch Jan Koller ist nicht gefeit gegen Leute, denen Menschenleben auf dem Weg zu ihrem Ziel nichts bedeuten. Gleich mehrmals versucht man mit allen Mitteln, ihn während seines Kiew-Aufenthalts und nach seiner Rückkehr nach Düsseldorf davon abzuhalten, seine Erkenntnisse darüber, warum Artem Woronin und dessen Mitstreiter sterben mussten, publik zu machen.

Ein Politthriller über und für unsere Zeit

Die Rolle von KI als Arbeitsplatzvernichterin, undurchsichtige Kungeleien deutscher und ausländischer Geheimdienste, der Ukraine-Konflikt nicht zuletzt als gutes Geschäft für internationale Rüstungskonzerne, Lobbyismus im politischen Berlin – Horst Eckert hat seinen neuen Roman um eine ganze Reihe ebenso hochaktueller wie äußerst brisanter Themen herumgebaut. So spannend, wie man das von diesem Autor seit Langem gewohnt ist, verflicht er auch in Die Praktikantin Politisches mit Privatem und zeigt, welcher Kraft es bedarf, um in der Welt von heute der von seinem eigenen moralischen Kompass festgelegten Route unbeirrt zu folgen. Ganze 87 Kapitel hat der Autor über die dreieinhalb Hundert Seiten seines Romans verteilt. Das garantiert Tempo, fesselnde Perspektivwechsel und immer wieder kleine Cliffhanger, die es Leserinnen und Lesern fast unmöglich machen, das Buch für längere Zeit beiseitezulegen. Als Resümee hier eine klare Leseempfehlung zu geben, grenzt deshalb nahezu an Untertreibung.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Horst Eckert: Die Praktikantin
München: Wilhelm Heyne Verlag 2026
382 Seiten. 17 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Horst Eckert in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Ein rätselhafter Reisender

Nächster Artikel

Digitale Spiele als moralische Verhandlungsräume

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Jugend, forsch!

Roman | Scott Bergstrom: Cruelty 17 Jahre ist die Heldin von Scott Bergstroms Thrillererstling Cruelty alt. Und ihr wird eine Menge abverlangt. Denn nach dem Verschwinden ihres Vaters macht sich Gwendolyn Bloom auf, ihm selbst und seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Eine halsbrecherische Reise beginnt, die Gwen von New York aus über Paris und Berlin schließlich bis nach Tschechien und in die Nähe eines hochgefährlichen Mannes führt. Von DIETMAR JACOBSEN

Vincent van Gogh und seine Familie

Roman | Willem-Jan Verlinden: Vincents Schwestern

Viel weiß man über Vincent van Gogh, jedoch wenig über seine Schwestern. Mit Hilfe eines Briefwechsels der Geschwister van Gogh veranschaulicht Willem Jan-Verlinden in Vincents Schwestern ihre gemeinsame Geschichte. Von BETTINA GUTIÈRREZ

Volare, cantare, oh, oh!

Roman | Hanns-Josef Ortheil: Schwebebahnen

Hanns-Josef Ortheils aktueller Roman fühlt sich an, als ob man in Schwebebahnen über das Geschehen gleiten würde, leicht und luftig, trotz des umwölkten Hintergrunds der deutschen Nachkriegs-Ära. In episodenhaften Kapiteln reihen sich Station für Station neue Abschnitte und Ausblicke, die den jungen Josef von seinen unzugänglichen Fantasiewelten in eine greifbare Zukunft begleiten. Von INGEBORG JAISER

Alles auf Anfang

Roman | Tabea Hertzog: Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer Vieles ist schlichtweg eine Frage der Sichtweise: ›Wenn man den Himmel umdreht, ist er ein Meer‹. Eine fantasievolle Vorstellung, wenn der eigene Mikrokosmos in Wirklichkeit durch Krankenhausflure und Wartezimmer begrenzt wird, mit Blick auf Katheter, Kanülen, Drainagen. Tabea Hertzog berichtet in ihrem Debütroman mit bewundernswerter Leichtigkeit von einer existentiellen Erkrankung und dem schmalen Grat zwischen dem Leben der Kranken und der Gesunden. Von INGEBORG JAISER

Wer ist Frank Pike?

Roman | Peter Mann: Der Ire

Eigentlich hat ihn der deutsche Abwehr-Mann Adrian de Groot – von Hause aus Philologe, Literaturkenner und Übersetzer – 1940 aus einem spanischen Gefängnis nach Berlin geholt, damit er eine wichtige Rolle bei der geplanten deutschen Invasion Großbritanniens spielen kann. Denn Proinnsias Pike war gut vernetzt in der irischen IRA-Szene, bevor er sich den Internationalen Brigaden in Spanien anschloss und dort in Gefangenschaft geriet. Nun könnte er den Nazis von Nutzen sein, die sich auf der Suche nach Verbündeten auf der Insel befinden und dazu auf die jahrhundertealte Abneigung der Iren gegenüber den Engländern aufzubauen gedenken. Der Plan ist gut überlegt – aber haben sich die Deutschen tatsächlich den Richtigen für seine Umsetzung ausgesucht? Von DIETMAR JACOBSEN