Pawel und der Steinbruch

Roman | Peter Henning: Die Chronik des verpassten Glücks

»Ich habe nur meine Biographie. Und das ist der Steinbruch, aus dem ich einfach zehre«, erklärte der Schriftsteller Peter Henning kürzlich in einem Interview über seinen neuen Roman Die Chronik des verpassten Glücks, den er dem befreundeten Schriftsteller Dieter Wellershoff gewidmet hat. Der 56-jährige, der seit fast 30 Jahren als Journalist, Kritiker, Herausgeber und Erzähler umtriebig in der Kulturszene tätig ist, hatte zuletzt 2013 mit seinem Roman Ein deutscher Sommer (2013), einer opulenten Rekonstruktion des Gladbecker Geiseldramas, für Aufsehen gesorgt. Von PETER MOHR

Die Chronik des verpassten Gluecks von Peter HenningNun begibt sich Henning stärker denn je in eben diesen Steinbruch des eigenen Lebens. Sein Protagonist Richard Warlo ist zwar keine lupenreine autobiografische Figur, doch Henning hat dem verwitweten Insektenforscher aus Köln allerlei Details aus der eigenen Vita mit auf den schmerzhaften Weg gegeben. Schmerzhaft deswegen, weil die Hauptfigur beim Aufräumen im Keller auf ein Foto stößt, dass ihren Ziehvater Pawel Król in polnischer SS-Uniform zeigt. Król, der seine Heimat überstürzt verlassen musste und bereits 1981 gestorben ist, hat Richard einst als Kind aus einem Hanauer Heim geholt und war ihm ein hilfsbereiter, fürsorglicher und verständnisvoller Vaterersatz.

»Alles in ihm sträubte sich dagegen, das Offensichtliche anzuerkennen. Pawel Król ein Nazi?« Warlo, der den Krebstod seiner Frau noch nicht bewältigt hat, fällt in die nächste tiefe Krise und bricht dann nach Polen auf, wo Pawels ehemalige Familie in der Nähe von Krakau lebt. »Wer ist das eigentlich, der mich da als Kinderheimkind zu sich genommen hat und mich geprägt hat?« Das ist die Kardinalfrage des Romans, die sowohl den Autor als auch dessen Hauptfigur umtreibt, die bereits in Hennings Vorgängerwerken Tod eines Eisvogels (1997) und Die Ängstlichen (2009) eine zentrale Rolle spielte.

Warlo muss in Polen schnell feststellen, dass sein Besuch und die dadurch neu entfachten Erinnerungen an Pawel bei dessen Familie auf wenig Gegenliebe stoßen. Er trifft auf drei gebrochene Figuren, die mit ihrem Schicksal hadern. Die Witwe Oliwia kämpft gegen den drohenden Krebstod, die alleinerziehende Tochter Lucyna scheint nur noch für ihren halbwüchsigen Sohn zu leben, und deren Bruder Marcin, ein dem Alkohol verfallener Groschenheftautor, übt sich auch in nüchternen Momenten in großer selbstbemitleidender Pose: »Ein Sohn, der seinen Vater verloren hatte, war eine verzweifelte Kreatur! Ein Wesen, das mit leeren Händen dastand, einsam und verzagt.«

Auf beiden Seiten hat sich eine leicht diffuse Gefühlsmelange aus Trauer, Zorn, Unverständnis und Selbstzweifel gebildet. Alle vier Personen leiden an Pawels Lebensweg, alle habe ihn anders gesehen, und offensichtlich hat ihn niemand wirklich gekannt. Lediglich diese schmerzhafte Einsicht verbindet Richard Warlo am Ende mit den Mitgliedern von Pawels ehemaliger Familie. Mit großer Empathie und deutlich spürbarer innerer Anteilnahme umkreist Peter Henning aus alternierenden Perspektiven die Leerstellen, die Pawel in den Biografien des Quartetts der Zurückgebliebenen hinterlassen hat.

Die Chronik des verpassten Glücks ist ein Roman, der eine Unmenge an existenziellen Fragen aufwirft, ohne uns dabei ratgeberhafte, neunmalkluge Weisheiten mit auf den Weg zu geben. Was ist Schuld? Was sind biografische Wurzeln? Was muss man verzeihen können, um nicht Gefahr zu laufen, sein weiteres Leben selbst zu blockieren? Beklemmung und Irritation bleiben als dominierende Gefühle nach der bewegenden Lektüre zurück. »Niemand war imstande, einen anderen bis ins Letzte zu durchschauen.« Eine bittere Erkenntnis von leit(d)motivischem Format für dieses opulente Erzählwerk.

| PETER MOHR

Titelangaben
Peter Henning: Die Chronik des verpassten Glücks
München: Luchterhand Verlag 2015
444 Seiten. 19,99 Euro
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