Romanze am Rhein

Roman | Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da

Was verbindet Köln mit Venedig? Wieso pilgert ein italienischer Restaurator in den rheinischen Norden? Welche wundersamen Verwandlungen treten ein, wenn man sich in eine Stadt vertieft? Hanns-Josef Ortheil hat eine mystische, spirituell angehauchte Hommage auf seine Geburtsstadt geschrieben und verkündet kurz und knapp: ›Der Typ ist da‹! Von INGEBORG JAISER

Ortheil - Der Typ ist da Hanns-Josef Ortheil ist einer der produktivsten deutschen Gegenwartsautoren und publiziert neue Bücher mindestens im Jahrestakt. Doch selbst ausgewiesene Ortheil-Fans werden zum Schluss kommen, der große Meister hätte längst all seine Lieblingsmotive ausgeweidet und beackert: die Geburtsstadt Köln, seine Kindheit als stummer Junge, der Weg zur Sprache über genaues Beobachten und Beschreiben, der Hang zu einfachen, aber exquisiten Genüssen – und nicht zuletzt eine emphatische Italien-Euphorie.

Doch wieso lassen sich nicht alle Themen miteinander verquicken, umfassende Verbindungslinien finden zwischen dem rheinischen Norden und dem venezianischen Süden? Ortheils neuer Roman ›Der Typ ist da‹ da schlägt einen weiten Spannungsbogen zwischen verschiedenen Welten und Lebensentwürfen, die letztendlich doch miteinander vereinbar erscheinen.

Amore in Colonia?

Eines Tages steht er wartend vor der Tür eines Mehrfamilienhauses in Köln-Nippes: ein junger, schwarz gekleideter Mann mit dunklem Wintermantel und unauffälliger Sporttasche. Er heißt Matteo, ist Anfang 20 und hat die längste Reise seines Lebens hinter sich, mit dem Zug von Venedig bis an die deutsche Stadt am Rhein. Die Studentin Mia (ausgefallenes Studienfach: Kunstgeschichte im medialen Kontext) hat ihn während eines Auslandssemesters kennengelernt und beiläufig – wie viele Bekannte – mal nach Deutschland eingeladen.

Ehrlich gesagt kann sie sich gar nicht mehr richtig an ihn erinnern. Doch der junge venezianische Restaurator hat die Einladung ernst genommen und die Chance genutzt, ein Jahr nach dem Tode seines geliebten Vaters der heimatlichen Enge und dem Familienbetrieb zu entkommen. Und klingt »Colonia« nicht einfach verführerisch?

Bischofsstäbe und Heiligenschreine

Mia hat ein Problem. Sie wohnt mit der Buchhändlerin Lisa und mit Xenia, der Geschäftsführerin eines kleinen Cafés, in einer reinen Frauen-WG, die keine Männerbesuche duldet. Eigentlich. Doch Matteo kommt unauffällig unter und macht sich rasch im Haushalt und im Café gegenüber nützlich. Dort sind statt labbriger Brötchen nun exquisite Brote im Angebot, die stilecht in einer »Piastra per panini« getoastet werden. Auch als Studienobjekt für eine Semesterarbeit der Kunststudentin Mia eignet sich der italienische Gast ganz wunderbar. Dass er als Asket und Purist früh aufsteht, keinen Alkohol gewohnt ist und lieber ganz genau den Dom studiert als durch die Kölner Einkaufsstraßen zu schlendern, macht ihn fast schon zum Heiligen. Dazu passt auch, dass er Mias verwitweten und einsamen Vater (praktischerweise ein emeritierter Kunstprofessor mit starker Affinität zu Pilgerzeichen und Bischofsstäben) in einen lebenslustig plaudernden Senior mit neuen Ambitionen verwandelt.

Bei seiner Ankunft spricht Matteo nur Italienisch, doch die Literatur zum Deutschlernen, mit der ihn Buchhändlerin Lisa versorgt, schlägt überraschend schnell an. Schon nach wenigen Tagen entlocken ihm ein paar ungewohnte Kölsch in einem Brauhaus die anerkennenden Worte »Guter Stoff« und gipfeln in einem fröhlichen »Prösterchen« als abendliche Begrüßung in der WG. Im Gegenzug lässt sich Xenia von Paolo-Conte-Songs inspirieren. Wenn das mal nicht der Beginn eines gelungenen deutsch-italienischen Joint-Ventures ist!?

Folge dem Stern

Man muss kein großer Ortheil-Kenner sein, um in der Figur des Matteo ein jugendliches Alter Ego des italophilen Schriftstellers zu erahnen. Genaues Sehen, Beobachten und Festhalten als aneignende Erschließung der Welt kennzeichnet beide. Dazu gehören auch Langsamkeit, Konzentration und eine bedächtige Ruhe. Nur so lassen sich die Gemeinsamkeiten der beiden weit entfernten Städte Köln und Venedig aufspüren, repräsentiert durch zwei große Sakralbauten, die auf das Wasser schauen. Nicht umsonst behauptet Ortheil von sich selbst: »Im Dom lernte ich das eigentliche Hören und Sehen.«

Weniger kontemplativ veranlagte Leser dürften in dieser modernen Pilgergeschichte allerdings kaum ihr Heil finden – zu betulich der Duktus, zu hölzern die in manchen Teilen konstruiert wirkenden Charaktere. Wer jedoch mit beschaulichem, neu geschultem Blick durch Köln flanieren möchte, wird in dieser unverkennbaren Hommage an die Domstadt am Rhein viele spirituelle Anregungen finden.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2017
320 Seiten. 20.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Ingeborg Jaiser über Hanns-Josef Ortheil in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Gefangene des geschriebenen Worts

Nächster Artikel

Folter in Blau

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Nur die Hand halten

Kurzprosa | Melitta Breznik: Mutter

»Als sie mir sagte, sie könne das Bett kaum mehr verlassen, machte ich mich ohne weiteres Zögern auf den Weg hierher«, heißt es in Melitta Brezniks schmalem Abschiedsbuch Mutter. Die Mutter hat die neunzig überschritten und ist unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. Über die letzten sieben Lebenswochen, in denen sich Mutter und Tochter sehr nahe kamen, aber oft auch völlig fremd fühlten, berichtet die 59-jährige, in der Steiermark geborene und seit vielen Jahren in der Schweiz lebende Melitta Breznik. Von PETER MOHR

Summer of 69

Roman | Ulrich Woelk: Der Sommer meiner Mutter In seinem neuesten Roman zeichnet der Autor Ulrich Woelk ein berührendes und rückwirkend leicht melancholisch anmutendes Zeitpanorama der 1960er Jahre. Der Sommer meiner Mutter enthüllt eine Stimmung zwischen Bigotterie und dem aufkeimenden Wunsch nach Selbstverwirklichung, zwischen technischem Fortschrittsglauben und menschlichem Unvermögen. Eine Besprechung von INGEBORG JAISER

Das Belfaster Schweigen

Roman | Adrian McKinty: Dirty Cops Mit seinem »katholischen Bullen« Sean Duffy befindet sich Adrian McKinty (geboren 1968 in Belfast) seit gut einem halben Dutzend Jahren auf der Überholspur. Der Detective Inspector beim Carrickfergus CID lebt inzwischen mit seiner jüngeren Freundin Elizabeth und ihrer gemeinsamen kleinen Tochter Emma zusammen in 113 Coronation Road, einer Adresse, die einem fast schon so vertraut ist wie die Baker Street 221 b. Als sein neuer Fall nicht nur ihn, sondern auch die beiden Menschen, die er am meisten liebt, in Lebensgefahr bringt, steht er vor einer schwierigen Entscheidung. Aber aufzugeben und ein skrupelloses Verbrechen

Warten auf das Ende – Buchmesse-Schwerpunkt Spanien

Roman | Antonio Munoz Molina: Tage ohne Cecilia

Antonio Munoz Molina gehört zu den herausragenden zeitgenössischen spanischen Schriftstellern. Der 66-jährige Autor wird am 18. Oktober als Ehrengast Redner bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse sein. Munoz Molina hat viele Jahre das Cervantes-Institut in New York geleitet und ist mit den meisten wichtigen Literaturpreisen Spaniens ausgezeichnet worden – bereits 1991 mit dem Premio planeta (den wichtigsten spanischen Literaturpreis) für den Roman Der polnische Reiter. Von PETER MOHR

Pandemie 2.0

Roman | Ewan Morrison: Überleben ist alles

Als ihr Vater die 15-jährige Haley Cooper Crowe zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Ben in die schottischen Berge entführt, wo sich in größter Abgeschiedenheit eine Gruppe von Preppern vor einer erwarteten tödlichen Pandemie – das Virus hört diesmal auf das Kürzel CHF-4 – versteckt, findet das Mädchen das am Anfang noch ganz aufregend. Doch allmählich stellen sich ihr Fragen. Muss tatsächlich in nächster Zeit mit zunehmenden Chaos und dem Untergang der Menschheit gerechnet werden? Oder ist sie nur auf einen Verschwörungsfanatiker hereingefallen und in der Welt ringsum geht alles seinen gewohnten Gang? Aber so richtig motiviert, dem Unterschlupf schnellsten wieder den Rücken zu kehren, ist sie trotzdem nicht. Denn zusammen mit dem jungen Danny genießt sei gerade das Auf und Ab ihrer ersten Liebe. Von DIETMAR JACOBSEN