Schatten des Schicksals

Roman | António Lobo Antunes: Welche Pferde sind das, die da werfen ihren Schatten aufs Meer?

Wenn der portugiesische Großmeister der Erzählkunst, António Lobo Antunes, anhebt, ein Epos über den Niedergang einer portugiesischen Stierzuchtdynastie zu schreiben, erwartet den Leser kein Roman im herkömmlichen Sinn, sondern eine meisterhafte Reise in die unbewussten Sphären der Erzählkunst, die die Untiefen der menschlichen Psyche offen legt. In ›Welche Pferde sind das, die da werfen ihren Schatten aufs Meer?‹ wirft das Schicksal der menschlichen Existenz seine Schatten auf eine alte Kulturlandschaft in Portugal. VIOLA STOCKER taucht in ein Labyrinth einer facettenreichen Vergangenheit ein.

AntunesDona Maria José Natércia liegt auf ihrem Landgut im Sterben. Es ist ein Ostersonntag und die verbliebene Familie geht davon aus, dass die Senhora um achtzehn Uhr das Zeitliche segnen wird. Die Kinder versammeln sich zusammen mit dem Hausmädchen am Bett der Sterbenden, um sie auf ihrem letzten Weg zu begleiten. So könnte man den Inhalt eines vierhundertfünfzig Seiten starken Romans kurz resümieren. Damit wird auch deutlich, wie wenig es dem Verfasser um eine tatsächlich stattfindende Handlung geht.

Sehnsucht nach vergangener Größe

Lobo Antunes singt mit dem Regen ein bildgetränktes Lied auf Hoffnungen, die sich nicht erfüllen. Es geht um resignierte Kinder gefühlsarmer Eltern im Ambiente einer großbürgerlichen Familie aus Lissabon, die auf ihrem Landgut seit Generationen Stiere für die Arena züchtet. Die ländliche Szenerie einer von Steineichen geprägten Landwirtschaft, in der Tiere für einen grausamen Sport gezüchtet werden, steht für eine entmenschlichte Familienhistorie, in der Grausamkeiten vor allem eines offenlegen: die Abwesenheit von Liebe und Wärme zugunsten eines von Standesdünkeln geprägten gutbürgerlichen Daseins.

Die fünf Kinder der Senhora Dona Maria Natércia sind ihrer Ansicht nach missraten. Beatriz, die früh schwanger wird und heiraten muss, Ana, die zwar intelligent ist, doch stiehlt, um ihre Drogensucht zu finanzieren, João, der Liebling der Mutter, der seine Homosexualität im einschlägig bekannten Park auslebt, Rita, die als junge Frau an Krebs stirbt und schließlich Francisco, der seine Familie hasst und sie auszulöschen versucht. Sie alle erhalten ihre Stimme im Roman und schildern in einem beständigen Stream of Consciousness ihr jeweils persönliches Schicksal und ihre wechselnden Gefühle am Bett einer sterbenden Frau.

Kampf auf verlorenem Posten

Die Stierkampfmetaphorik durchzieht Lobo Antunes‘ Werk. Tatsächlich erscheint der Kampf einer Todgeweihten ähnlich dem eines Stieres in der Arena, dem die Spieße in den Leib getrieben werden, bis endlich der schwere Körper über den Knien einbricht. Die Stimmung ist bitter und traurig, denn mit der Mutter stirbt eine ganze Generation von großbürgerlichen Damen, die ihren Platz in einer sich wandelnden Zeit nicht finden können. Eine von Depressionen und Vorwürfen geplagte Senhora blickt sehnsuchtsvoll auf ein Leben zurück, dass sie nie hatte. Der Vater und Ehemann, ebenso gefühlskalt und steif, ruiniert mit seinem rücksichtslosen Lebenswandel und seiner Spielsucht die Familie finanziell und emotional. Sein unehelicher Sohn fristet auf dem Landgut ein trostloses Dasein.

Die Unfähigkeit, dem eigenen Fleisch und Blut mit Zuneigung gegenüber zu treten, sowie das Beharren auf einer standestypischen Etikette in einer Zeit, die dies nicht mehr rechtfertigt, resultiert in einem mehr oder weniger gescheiterten Genpool. Eine Tochter, Rita, stirbt, ihre Stimme ist die eines Geistes, der die eigene Krankheit rekapituliert und der Fremdheit, die die Familienmitglieder füreinander empfinden, aus dem Grab ihre Stimme verleiht. Die Verbleibenden scheinen allesamt degeneriert, sei es moralisch oder physisch. Der einzige integre Erbe darf seine Stimme erst am Schluss erheben, es ist der uneheliche Sohn des Vaters. Er, der als einziger vielleicht die Familientradition weiterführen könnte, ist aus sozialen Gründen gebannt.

Über die Traurigkeit von Häusern

Die inneren Monologe der einzelnen Figuren verdeutlichen die menschlichen Abgründe der Familie. In jeder Generation wurde Macht missbraucht und Abhängige unterdrückt. Uneheliche Geschwister scheinen eine Selbstverständlichkeit genauso wie bigotter Katholizismus. Aus dem Bewusstsein von Macht und Unterdrückung resultiert die profunde Resignation, die alle Kinder der jüngsten Generation erfasst hat. Die lähmende Strenge der Eltern und Großeltern erfüllt selbst die Gebäude, deren schwüle Wucht an den Nachmittagen nach der Siesta traurig auf die Gemüter der Bewohner drückt.

In konsequenter Logik muss die Familiengeschichte der Dona Maria José Natércia mit ihrem Tod enden. Keines ihrer fünf Kinder wird Familie haben. Rita ist verstorben, Francisco ein Misanthrop, Beatriz‘ Sohn offenbar geistig behindert, João ist homosexuell und Anas Körper durch die Drogensucht zerschunden. Sie alle erwarten am Bett der Mutter den Tod. Doch nur der Eintritt des namenlosen unehelichen Kindes vermag selbigen herbeizuführen. Er und das Dienstmädchen Mercilia sind die einzigen, deren Gefühle wahrhaftig und herzlich sind. Bezeichnenderweise müssen sie nach dem Tod der Mutter sofort das Landgut verlassen. Ein letzter Hauch Menschlichkeit weicht dem Walten der Natur. Steineichen und Dornenhecken werden eine zerrissene Dynastie überdauern.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
António Lobo Antunes: Welche Pferde sind das, die da werfen ihren Schatten aufs Meer?
Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann
München: Luchterhand Literaturverlag 2013
448 Seiten. 22,99 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Der vierfache Christof

Nächster Artikel

Wie ein guter Blues

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Das Licht im Dachfenster

Roman | José Saramago: Claraboia Einem wunderbaren Gleichnis begegnen wir in José Saramagos vor fünfzig Jahren fertig gestellten, dann verschwundenen und erst 1999 wieder aufgetauchten Roman Claraboia, über den der 2010 auf Lanzarote verstorbene Autor verfügt hatte, dass er erst nach seinem Tod veröffentlicht werden darf. Zwanzig Jahre brauchte Saramago damals, um die Enttäuschung über die Nichtveröffentlichung zu überwinden. Claraboia – der Nachlassroman des Nobelpreisträgers José Saramago. Von PETER MOHR

Argentinische Welten

Roman | María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten Fantasievoll und voller Wortspiele sind die Romane der argentinischen Schriftstellerin María Cecilia Barbetta, für die sie zu Recht ausgezeichnet wurde. In Nachtleuchten wirft sie einen freundlichen Blick auf das Ende der Ära Perón. Ganz aktuell erhielt sie den neuen Chamisso-Literaturpreis, der von der Wirtschaft und Zivilgesellschaft in Dresden gestiftet wurde. Von BETTINA GUTIERREZ

Frauen am Rande der Gesellschaft in düsterer Zeit

Roman | Anja Kampmann: Die Wut ist ein heller Stern

Der Ort des zweiten Romans von Anja Kampmann ist Hamburg, ihre Geburtsstadt, Ort der Handlung ist die Reeperbahn. Dort hat sich die junge Protagonistin des Romans Hedda mit Anfang zwanzig im berühmten Varieté »Alkazar« ihren Traum als Akrobatin erkämpft. Die Autorin legt in ihrem großartigen Roman einen besonderen Schwerpunkt auf die Varietés, auf die dunklen Hinterhöfe und die Bordelle und die Repressalien und Misshandlungen, denen die Frauen dort ausgesetzt waren, die Prostituierten, Akrobatinnen und Tänzerinnen jener düsteren Zeit. Von DIETER KALTWASSER

Niemand ist unschuldig

Roman | Don Winslow: Corruption Der deutsche Titel von Don Winslows neuem Roman – Warum die anglisierte Schreibweise, wenn es sich bei ›Corruption‹ doch nicht um den Originaltitel handelt? – sagt es sofort: Es geht um Korruption. Und die hat in diesem in New York spielenden Polizeithriller das ganze System erfasst. Sodass in Winslows 500-Seiter keine einzige der vielen auftretenden Personen – vom Streifenpolizisten bis zum Bürgermeister des »Big Apple« – ohne Schuld ist. Und doch wirft einer den ersten Stein. Denn der nächste könnte ihn selbst zum Ziel haben. Von DIETMAR JACOBSEN

Eine Reise ins Nichts

Roman | Michel Houellebecq: Vernichten

Diesmal ist es kein islamistischer Terror, der in Michel Houellebecqs neuestem Roman Vernichten heraufbeschworen wird. Das 600 Seiten starke Buch des »Sehers der Moderne« richtet sich – wie zuletzt auch in Serotonin (2019) – nach innen: diesmal auf den Zerfall der Familie (oder besser gesagt, den vielleicht vergeblichen Versuch, diese zu kitten) und auf den Rückzug des Ichs. Dieser Rückzug des Menschen auf das Private, diese Innenschau wird unterstützt durch die neuesten Apparaturen der medizinischen Diagnose. Es kommt also noch mehr zum Vorschein als der Frust über menschliche Beziehungen. Von HUBERT HOLZMANN