Der vierfache Christof

Roman | Jordi Punti: Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz

»Wir reduzieren unser Leben auf ein paar Worte, wir vereinfachen es unentwegt, dabei liegt sein wirklicher Sinn in der Komplexität, Widersprüchlichkeit, Ungewissheit« – der katalanische Autor Jordi Punti in einem Interview mit einem richtungsweisenden Fingerzeig für seinen jüngsten Roman Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz. Von PETER MOHR
B Punti irre Fahrten
In Jordi Puntis Roman Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz handelt es sich tatsächlich um ein komplexes Erzählgeflecht, das um einen höchst widersprüchlichen Protagonisten kreist, der seine nächsten Angehörigen jahrzehntelang in absoluter Ungewissheit leben lässt.

Der 46-jährige Jordi Punti, der schon mit seinem 2007 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman Erhöhte Temperatur auf sich aufmerksam gemacht hatte, erzählt die aufregende Lebensgeschichte des Umzugshelfers Gabriel Delacruz. Ein Mann mit vielen charakterlichen Facetten – ein treuer Freund, aber auch ein lasterhafter Frauenheld und trickreicher Falschspieler.

Mit seinen Arbeitskollegen Bundo und Petroli bildet er ein fest verschweißtes Freundestrio. Sein großes Laster sind die Frauen und das Kartenspiel. Er lügt und betrügt, wie es schlimmer kaum sein könnte. In jedes Sakko hat er Spielkarten eingenäht, und mit seiner Treue zu Frauen ist es auch nicht weit her.

Dieser leicht märchenhaft anmutende Roman von Jordi Punti, der sich auch als Übersetzer von Paul Auster und Amélie Nothomb einen Namen gemacht, kreist um die vier Söhne des Protagonisten, die zunächst voneinander nichts wussten und in London, Paris, Frankfurt und Barcelona lebten. In vier verschiedenen europäischen Metropolen hat Gabriel Delacruz einst einen Sohn gezeugt, hat die Mütter schmählich im Stich gelassen, aber (und hier wird es dann sehr märchenhaft!) irgendwie dafür gesorgt, dass alle Söhne den Namen Christof bekommen – in den abgewandelten Varianten der jeweiligen Landessprache.

Irgendwann hat der in Barcelona lebende Sohn Christòfol einen Zettel mit den Namen seiner Halbbrüder (alle inzwischen um die vierzig) gefunden und sich mit ihnen verbündet, um den gemeinsamen Vater finden zu wollen, der seit einem Unfall auf der Fahrt von Hamburg nach Barcelona spurlos verschwunden zu sein scheint.

»Fürs Erste haben wir kein Interesse, ihn zu verdammen – sondern wir wollen herausfinden, wo er ist. Wer er ist«, verkünden die Brüder unisono. Obwohl hinter ihren »vaterlosen« Biografien auch noch die Schicksale von vier verlassenen, betrogenen Müttern stehen, wird das Christof-Quartett keineswegs von Hassgefühlen angetrieben. »Ist euch klar, dass euer Vater ein passiver Don Juan war? In Liebesdingen konnte er schlicht und einfach nicht Nein sagen«, wirbt Petroli, der Freund und Arbeitskollege um Verständnis für die Hauptfigur.

Man wird bei der Lektüre hin- und hergerissen, schwankt zwischen tiefer Abneigung und stiller Sympathie für den Lebenskünstler, Falschspieler, Betrüger und Dieb Gabriel Delacruz. Jordi Punti erzählt extrem schwungvoll und mit einer gehörigen Portion augenzwinkerndem Humor: ein modernes Märchen mit überbordender südeuropäischer Lebenslust ausstaffiert. An einem Pokertisch endet dieses fantasievolle »Schurkenstück« etwas überraschend. Im Märchen ist eben (fast) alles erlaubt.

| Peter Mohr

Titelangaben:
Jordi Punti: Die irren Fahrten des Gabriel Delacruz
Aus dem Katalanischen von Michael Ebmeyer
Köln: Kiepenheuer & Witsch
608 Seiten. 19,99 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte

Nächster Artikel

Schatten des Schicksals

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Schwein auf Schwejk

Roman | Vladimir Sorokin: Manaraga. Tagebuch eines Meisterkochs Géza Jasnodworski kocht. Doch nur für die, die es sich leisten können. Denn Géza brutzelt und brät über bibliophilen Erstausgaben. Schnitzel über Schnitzler. Steak auf Joyce. Und Stör auf Dostojewski. Denn niemand liest mehr in der gar nicht so fernen Zukunft, in die Vladimir Sorokin den Leser in seinem neuen Roman entführt. Stattdessen plündert man die Bibliotheken und Museen für ultimative Geschmacksevents. Allein die Konkurrenz der neuen Starköche schläft nicht. Und kommt mit einem Produkt auf den Markt, das Géza und den Seinen das Wasser abzugraben droht. Von DIETMAR JACOBSEN

Wenn Herzchen berichtet

Roman | Dana von Suffrin: Toxibaby

Um es gleich vorwegzunehmen: dieser Roman ist anstrengend, die Figuren stecken voller Klischees und sind paradigmatische Antihelden, und doch ist Dana von Suffrins Toxibaby eine der aufregendsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs. Von PETER MOHR

Allein gegen die CIA

Roman | James Rayburn: Sie werden dich finden James Rayburn ist eines der beiden Pseudonyme, unter denen der bekannte Thrillerautor Roger Smith seit 2013 auch Spionage- und Horrorromane schreibt. In Sie werden dich finden lässt sich eine Ex-CIA-Agentin, die nach dem Tode ihres Mannes zur Whistleblowerin geworden ist, auf einen Kampf mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber ein. Mit ihrer kleinen Tochter flieht Kate Swift um die halbe Welt, gejagt von Feinden, mit denen sie einst Seite an Seite gekämpft hat. Von DIETMAR JACOBSEN

Unter falscher Flagge

Roman | Horst Eckert: Im Namen der Lüge

Den Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Veih kennen die Leser hierzulande bereits aus drei Romanen Horst Eckerts. Nun, in Im Namen der Lüge, tritt mit Melia Khalid eine junge Frau an dessen Seite, die mit ihrem Team für den Staatsschutz in NRW die linke Szene beobachtet. Von DIETMAR JACOBSEN

Was vom Tage übrig bleibt

Wenn die Nacht am stillsten ist, zählt jeder Moment, jeder Ton, jeder Lichtreflex. Arezu Weitholz hat eine gleichermaßen hellsichtige wie melancholische Lebens- und Liebesgeschichte geschrieben – findet INGEBORG JAISER.