Eine außergewöhnliche Liebesgeschichte

Jugendbuch | David Leviathan: Letztendlich sind wir dem Universum egal

Wer wären wir ohne Körper? Kann es ein Ich geben, wenn dieses Ich Tag für Tag in einer anderen Erscheinung lebt, jeden Morgen aufs Neue in einem fremden Körper aufwacht? David Leviathan beginnt seine Geschichte mit einer aufwühlenden Idee. Denn A, der genau so lebt, ohne in seinem 16-jährigen Leben je etwas anderes erlebt zu haben, hat sehr wohl eine eigene Persönlichkeit, eine unverwechselbare Identität. ANDREA WANNER ließ sich von diesem Gedankenspiel faszinieren.

UniversumAuch am 5994. Tag seines Lebens, an dem die Geschichte beginnt, wacht A auf und muss erst vorsichtig die Lage sondieren. Ist der Körper an diesem Tag weiß oder schwarz, männlich oder weiblich, sportlich durchtrainiert oder vernachlässigt? A hat alles schon erlebt, steckte in den unterschiedlichsten Körpern, mit denen er sorgsam umzugehen versuchte. Er? Ist er wirklich ein »Er«? Eine schwierige Frage, denn was an Identität bleibt uns ohne unseren Körper? »Jeden Tag bin ich jemand anders. Ich bin ich – so viel weiß ich – und zugleich jemand anders. Das war schon immer so«, berichtet der Ich-Erzähler als Einstieg in einen Einblick in sein Leben, der vom 5994. Bis zum 6034. Tag dauern wird.

Der Tag, der alles ändert

Auch für A wird diese Frage plötzlich drängend, denn der 5994. Tag wird der werden, der sein Leben ändert. In der Gestalt von Justin, einem Jungen, von dem A schon beim Aufwachen weiß, dass er ihn nicht mag, verliebt er sich unsterblich in dessen Freundin Rhiannon. Für das Mädchen ist die unerwartet freundliche und zugewendete Art ihres Freundes überraschend. Sie genießt den Tag in vollen Zügen, nicht ahnend, dass sie ihn eigentlich mit einem anderen verbringt. Und A weiß am Ende dieses Tages, dass Rhiannon das ist, was er sich immer gewünscht hat. Die Liebe seines Lebens, mit der er alle Tage verbringen will – wie das bei Liebenden eben so ist. Aber in diesem speziellen Fall wird es schwierig. Er kann Rhiannon lieben, weil er sie wiedererkennen wird. Aber sie? Wie soll das Mädchen sich täglich auf eine neue Person einlassen, die in ihrem Inneren A ist, aber ihr in immer anderen Erscheinungen begegnet? Ist so eine Liebe möglich? Oder ist sie nicht von vorneherein zum Scheitern verurteilt? Was lieben wir an dem Menschen, den wir lieben? Und über was können wir hinwegsehen?

Das Leben von A hat für ihn plötzlich einen Sinn. Und wie sieht es mit Rhiannon aus? Zunächst muss er sie mit seiner Geschichte konfrontieren, sie dazu bringen, dass sie ihm glaubt. Bereits daran droht er zu scheitern. Aber schließlich gelingt es ihm, das Mädchen zu überzeugen. Es kommt zu weiteren Treffen, A steckt bei jedem Mal in einem anderen Körper. Er nutzt alle Möglichkeiten, Rhiannon zu treffen und wird dabei sich selbst untreu. Er, der immer versucht war, den Körper, den er bewohnt, so schonende wie möglich zu behandeln und sich im Leben des anderen Menschen an diesem einen Tag so unauffällig wie möglich zu verhalten, hat nun nur ein Ziel: zu Rhiannon zu gelangen. Das verfolgt er, egal ob es in das Leben des anderen passt oder dort zu Missverständnissen, Ärger oder gar Katastrophen führt. Und Rhiannon? Nein, es ist ihr nicht egal, in welcher Gestalt ihr A gegenübersitzt. Sie ist irritiert, wenn er ein Mädchen ist. Oder übergewichtig. Oder eben nicht so, wie sie sich ihren Freund wünscht.

Leviathan spitzt diese Liebesgeschichte systematisch zu. Er stellt A und Rhiannon vor moralische Fragen und Dilemmata, die auch der Leser beantworten muss. Er lässt sie sich immer wieder neu begegnen, das Problem ihrer Liebe immer drängender werden. Wie weit darf man für sein persönliches Glück gehen? Ist es sogar einen Pakt mit dem Teufel wert? Davis Leviathan meint, dass dieses Buch für ihn viel von einer Entdeckungsreise hat, und wünscht sich, dass es seinen Leserinnen und Lesern ebenso ergeht. Garantiert.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
David Leviathan: Letztendlich sind wir dem Universum egal. (Every Day, 2012)
Aus dem Amerikanischen von Martina Tichy
Frankfurt/Main: Fischer Verlag 2014
400 Seiten. 16,99 Euro.
Jugendbuch ab 14 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Bloß keine Skrupel

Nächster Artikel

Der vierfache Christof

Neu in »Jugendbuch«

Radikal

Jugendbuch | Lisa Bjärbo: Alles, was ich sage, ist wahr Wenn einer der Ist-Zustand unerträglich vorkommt, muss sie etwas ändern. Manchmal auch mehr als nur etwas. Wenn man allerdings knapp siebzehn ist, neigt man zu radikalen Schnitten. Alles ändern ist entschieden radikal. Alicia tut es. Die schwedische Autorin Lisa Bjärbo läßt sie in Alles, was ich sage, ist wahr erzählen, wie das Leben nach radikalen Schnitten aussieht. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Remember how to love

Jugendbuch | Hansjörg Nessensohn: Mut. Machen. Liebe.

Beim Wandern durch Italien trifft ein junger Mann auf eine alte Frau. Beide sind aus unterschiedlichen Gründen unterwegs und könnten verschiedener nicht sein. Schritt um Schritt kommen sie sich näher. Von ANDREA WANNER

Bindungswillig

Jugendbuch | Arne Svingen: Die Ballade von der gebrochenen Nase Das stolze Individuum, ein Held, der allem trotzt und am Ende in den Sonnenuntergang trabt, aufrecht und ungebrochen in seiner emotionalen Genügsamkeit, scheint als Vorbild zu verblassen. »Kein großer Verlust«, kann man nur sagen, vor allem, wenn man sieht, was statt seiner kommt. Menschen nämlich, die bereit sind, sich auf andere einzulassen, sich zu binden. Einer von ihnen heißt Bart. Der norwegische Autor Arne Svingen erzählt uns die wild-schöne Geschichte. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Postmoderne Alltagswirren

Jugendbuch | Anke Stelling: Erna und die drei Wahrheiten Entscheidungsfreiheit, Verantwortlichkeit, Selbstverantwortung sowie Gerechtigkeit und Fairness jederzeit und überall – so soll es sein. Klingt schön. Es umzusetzen ist alles andere als schön. Von MAGALI HEISSLER PDF erstellen

Hasenkrimi

Kinderbuch | Polly Faber: Fang mich doch! Wer die Möhren aus Nachbars Garten klaut, muss mit dem Schlimmsten rechnen – falls er dabei erwischt wird. So wie Hoppel. Von ANDREA WANNER PDF erstellen