Man nehme …

Jugendbuch | Kat Yeh: Kirschen im Schnee

Der Lippenstift ›Kirschen im Schnee‹ ist für die zwölfjährige Gigi etwas ganz Besonderes. Er ist die Erinnerung an ihre Mutter. Viel mehr ist nicht geblieben. Von ANDREA WANNER

KirschenEs gibt noch eine andere Erinnerung: die berühmte Kirschtorte ohne Backen, für die man Löffelbiskuits braucht und Frischkäse, Wackelpudding mit Kirschgeschmack und Zucker, Sahne und Butter. Und Maraschinokirschen. Daraus wird der weltbeste Kirschkuchen, der für GiGi untrennbar mit Ma verbunden ist Statt der verlorenen Mutter macht ihn DiDi, GiGis ältere Schwester. DiDi duldet dabei keinerlei Abweichung und Variation: alles muss genauso nachgekocht und nachgebacken werden, wie es das Originalrezept vorsieht.

Überhaupt achtet DiDi streng auf die Einhaltung aller Regeln. Sie selbst arbeitet, wie zuvor die Mutter, als Friseurin. Aber die kleine Schwester soll mehr lernen. »Was du im Köpfchen hast, hast du allein von Ma geerbt. Sie mag vielleicht nur eine einfach Friseurin gewesen sein, aber sie war genauso clever wie du, und sie hatte große Pläne.«, schärft sie ihrer Schwester ein. Und so verlassen die beiden nachdem sie eine Million Dollar gewonnen haben die Wohnwagensiedlung in South Carolina, in der sie miteinander gelebt hatten, und wagen in Long Island , New York, einen neuen Anfang. DiDi in einem Friseursalon und GiGi unter ihrem neuen Namen Leia an der »Hill on the Harbor Preparatory School«, einer ausgezeichneten Privatschule.

Es soll ein Neustart in jeder Hinsicht werden. GiGi träumt von einer Freundin. Sie wünscht sich, den alten Spitznamen »Doppel-G«, der für eine BH-Größe – »und zu allem Überfluss auch noch GIGANTISCHE Größe« – steht, loszuwerden. Sie will sich in jeder Hinsicht neu erfinden, am sozialen Leben in der Klasse teilhaben, dazugehören. Aber so einfach ist das nicht, zwölf Lebensjahre einfach abzustreifen und hinter sich zu lassen. Und eigentlich ist GiGi ja auch ein toller Name, der schließlich für Galileo Galilei steht. Und GiGis Zukunftspläne haben eine Menge mit dem italienischen Philosophen, Mathematiker, Physiker und Astronom und dessen bahnbrechenden Entdeckungen zu tun.

In der Küche sind Rezepte hilfreich, Erfolgsrezepte fürs Leben taugen meist nicht so viel. Das Leben mit allerlei kulinarischen Köstlichkeiten zu versüßen, ist dagegen keine schlechte Idee. So ziehen sich Rezepte wie ein roter Faden durch die Geschichte, immer passend zur jeweiligen Situation. Es gibt eine Schnappschildkrötensuppe ohne Schnappschildkröte mit dem einladenden Namen „Vielleicht-sogar-besser-als-das-Original“-Suppe, »Quetschkartoffeln gegen Stinkwut«, „Noble Tee-Sandwichs für besondere Anlässe“, da wird ein »Unmöglicher Kuchen« gebacken oder eine »Mogelpackung« fabriziert. Die Autorin Kat Yeh, die selbst auf Long Island lebt, erzählt die Geschichte der beiden Schwestern, die von Seite zu Seite mehr Rätsel aufgibt. DiDi ist die aufopferungsvolle Große, die alles zusammenzuhalten versucht. Die Million liegt auf der hohen Kante, damit soll GiGis Ausbildung finanziert werden. GiGi revanchiert sich durch Fleiß und gute Leistungen in der Schule. Die beiden brauchen einander und ihre Beziehung scheint harmonisch und belastbar. Scheint.

Es wird sich alles verändern und beide müssen damit klarkommen. Dabei gibt es neue Freunde, die wie Katalysatoren wirken. Die Dinge verändern sich: Leserinnen dürfen sich auf Überraschungen gefasst machen. Währenddessen kann man vielleicht den »Geheimen Schichtsalat« nachmachen oder den »Ruckzuck-Pudding« ausprobieren. GiGi ist am Ende noch immer auf der Suche nach sich selbst, aber ein Stück weit hat sie sich schon gefunden. Und es gibt ein ›Kirschen im Schnee‹-Rezept am Ende der Geschichte, das beweist, dass Änderungen nicht immer schlecht sein müssen.

Ach ja: es gibt ihn tatsächlich, den »Revlon Super Lustrous Lippenstift Creme, Kirschen im Schnee«. Es ist ein leuchtendes Rot, vielleicht mit einer Spur Pink.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Kat Yeh: Kirschen im Schnee
(The Truth About Twinkie Pie, 2015). Aus dem Englischen von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
Bamberg: Magellan 2015
352 Seiten, 16,95 Euro
Jugendbuch 13 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Herzschlag

Nächster Artikel

Widerstreit der Gefühle

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Lauter Lügen

Jugendbuch | Jesús Cañadas: Die Bibliothek der wahren Lügen

Oskar wächst ohne seinen Vater auf. Was ihn für immer mit ihm verbindet, ist die Begeisterung für die fantastischen Abenteuer in den Büchern des Schriftstellers Simon Bruma. Da kann das Leben noch so grässlich sein: Oskar vergräbt sich in die Lektüre, lässt in seiner Fantasie Brumas Helden lebendig werden – und schreibt selbst Geschichten für diese Helden. Doch dann bietet sich ihm eine ungeahnte Möglichkeit. Von ANDREA WANNER

Einschneidende Veränderung

Jugendbuch | T.A. Wegberg: Meine Mutter, sein Exmann und ich Die Familie ist nicht der stabile Bau, für den man sie gern hält. Veränderungen durch Trennung bis hin zum Tod gehören dazu. Was aber geschieht, wenn ein Familienmitglied das bisher gelebte Geschlecht ablehnt und ein anderes annimmt? Diese Veränderung geht tief. Von MAGALI HEISSLER

Ein unschlagbares Duo

Jugendbuch | Jonathan Stroud: Bartimäus

Es nimmt kein Ende mit den Zauberer- und Hexenbüchern – aber wenn jemand mal wirklich eine gute, neue Idee hat wie der Engländer Jonathan Stroud im ersten Buch seiner Bartimäus-Trilogie, stürzt man sich voller Eifer auch gern mal wieder in ein Zauberabenteuer. Von ANDREA WANNER

Wenn die Haustür zur unüberwindbaren Grenze wird

Jugendbuch | Ludovic Lecomte: Hundertsiebenundachtzig Tage

Schuhe an, Jacke schnappen, Tür auf. Ein Handgriff, den wir tausendmal machen, ohne nachzudenken. Doch was, wenn die eigene Haustür plötzlich zur unüberwindbaren Grenze wird? Eine Angststörung, bei der die Furcht so intensiv auftritt, dass sie den Alltag und die Lebensqualität massiv einschränkt, ist für Außenstehende oft schwer vorstellbar. Ludovic Lecomte macht genau dieses beklemmende Gefühl in seinem Buch greifbar. Von ANDREA WANNER

Die Träume der Erwachsenen

Jugendbuch | Elisabeth Schmied: Der Penner im Pyjama ist mein Papa »Wir wissen, was für dich gut ist.«, »Du sollst es einmal besser haben.«, »Das wirst du verstehen, wenn du älter bist.«, sind Sätze, die Heranwachsende nur zu gut kennen. Eltern richten ihnen das Leben ein, damit alles in geordneten Bahnen läuft. Ein elterlicher Traum wird Wirklichkeit. Doch was geschieht, wenn ein Elternteil plötzlich einen anderen Traum verwirklichen will und die geordneten Bahnen verlässt? Elisabeth Schmied, junge Autorin aus Österreich, jagt in »Der Penner im Pyjama ist mein Papa« eine Musterfamilie in einen Albtraum, unter dem vor allem die beiden