Die fremde Freundin

Hans Löffler hat mit ›Letzte Stunde des Nachmittags‹ einen grandiosen Roman vorgelegt, der an Dichte und Intensität kaum zu überbieten ist und zuweilen wie ein Gedicht anmutet. Findet FRANK THOMAS GRUB

Die letzte Stunde des Nachmittags›Letzte Stunde des Nachmittags‹ erzählt in zwölf Kapiteln die Geschichte der Solveig Anderson, einer Frau mittleren Alters, die isoliert im 48. Stock eines Wohnblocks lebt. Mit ihrer Außenwelt ist sie einzig durch Telefon und Anrufbeantworter verbunden: Wenn sie mit gezielten Anrufen keinen Erfolg hat, wählt sie irgendwelche Nummern, scheint den Kontakt zu suchen, bricht jedoch nach kurzer Zeit ab, wenn sie ihn findet. Sie gibt sich klassischer Musik hin, vor allem der Klaviermusik von Bach, gespielt von Glenn Gould, und Bellinis Oper ›Norma‹ mit Maria Callas in der Titelrolle.

Nachts fährt sie in ihrem alten BMW durch die Stadt, gleitet an erleuchteten Schaufenstern, Cafés und Restaurants vorbei und beobachtet – aus der sicheren Distanz des Autos – Paare, Passanten und das um sie herum pulsierende Leben. Einen Kontrast zu den nächtlichen Ausflügen ins Stadtleben bilden Fahrten ans Meer, doch auch dort kommuniziert sie nur via Handy. Das einzige Lebewesen, dessen Nähe sie zulässt, ist ihr Setter Jean, mit dem sie ein erotisches Verhältnis verbindet – für andere bleibt die attraktive Frau unnahbar, geheimnisvoll.

Nachdem sie am Telefon Bruno kennen gelernt hat, nimmt Solveigs Leben eine Wendung. Die Mauern, die sie um sich herum errichtet hat, werden für kurze Zeit durchlässig. Bruno, der zu Solveigs Vertrautem geworden ist, schlägt – entgegen ihrer festen Abmachung – vor, sich zu treffen: ein Wunsch, dem sie sich nicht entziehen kann. Diesen Wunsch bezahlt er mit dem Leben, denn nach dem Treffen beauftragt Solveig einen Killer, der sein Opfer nicht nur ermorden, sondern es auch in seiner Todesangst filmen soll. Bei der Betrachtung des Videofilms spürt sie eine bizarre Befriedigung. Ihr Umgang mit Männern scheint zwangsläufig zu einem tödlichen Spiel zu werden…

Hans Löffler, der 1946 in Berlin-Spandau geboren wurde und zunächst als Gärtner und Grafiker tätig war, hat mit ›Letzte Stunde des Nachmittags‹ seinen bisher besten Text vorgelegt. Ihm ist ein grandioser Roman gelungen, der an Dichte und Spannung kaum zu überbieten sein dürfte. Seine Protagonistin, die zwischen dem Wunsch nach Kontakt und der Unfähigkeit dazu zerrissen wird, zeichnet er mit einer selten anzutreffenden Intensität und Präzision.

Nirgends verfällt der Autor in Oberflächlichkeiten oder Klischees. Löffler geht es bei weitem nicht nur um das literarisch häufig verarbeitete Thema der Anonymität und der Isolation in der Großstadt, zumal Solveig eine Figur ist, die nicht unbedingt Mitleid erregt. In dieser, aber auch in manch anderer Hinsicht, erinnert sie an die Ärztin Claudia in Christoph Heins 1982 erschienener Novelle ›Der fremde Freund‹.

Die knappe und doch sinnliche Sprache, die ganz eigene, an filmische Sehweisen erinnernde Form und die außergewöhnliche Motivik des Romans sind bereits in der 1993 erschienenen Erzählung ›Die Stille unter dem Meer‹ und den 1996 veröffentlichten Gedichten ›Nach dem Krieg‹ angelegt, werden aber konsequent gesteigert und zu einer vollkommenen Einheit verwoben. Immer wieder wird der Aspekt der Zeit thematisiert, dem Meer kommt innerhalb der Bildsprache die Schlüsselrolle zu. Insofern ist es am wenigsten die Handlung selbst, die das Buch zu einem Meisterwerk macht.

»Sie liegt im Bett. Im achtundvierzigsten Stockwerk des Hauses, das die anderen ringsum alle überragt.
Zum weiten Rand der Stadt hin ballen sich noch höhere Häuser zu einem Gebirge: dunkel, glitzernd, stumm.
Von draußen fällt ein wenig Licht auf ihre bloße Schulter.
Obwohl der Mond noch hinter dem Haus steht; Vollmond.
Dumpf schwebt Parfum im Raum.
Wie leicht sie atmet.«

Nicht nur angesichts der Kapitelüberschriften (›Kindlich der Nachthimmel‹, ›Der Schmerz des Meeres‹, ›Kostbar die strengen Abendflügel‹) glauben Leserin und Leser bisweilen, eher ein Gedicht als einen Roman vor sich zu haben: »Der Killer sieht auf die Wanduhr. Auf der Kunstblume in seiner Hand ruht das Neonlicht: wie dünner Schnee. Er legt die Blüte auf die Tischplatte und schaut sie sich an. Er liest ruhig in ihr. Er sieht in ihr etwas wie Tanz.«
Ein unbedingtes muss innerhalb der Vielzahl der Neuerscheinungen!

»Sie liegt im Bett. Im achtundvierzigsten Stockwerk des Hauses, das die anderen ringsum alle überragt.
Zum weiten Rand der Stadt hin ballen sich noch höhere Häuser zu einem Gebirge: dunkel, glitzernd, stumm.
Von draußen fällt ein wenig Licht auf ihre bloße Schulter.
Obwohl der Mond noch hinter dem Haus steht; Vollmond.
Dumpf schwebt Parfum im Raum.
Wie leicht sie atmet.«

| FRANK THOMAS GRUB

Titelangaben
Hans Löffler: Letzte Stunde des Nachmittags
München/Wien: Carl Hanser Verlag 2001
254 Seiten

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