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Big trouble in little Lawrence

Roman | Sara Paretsky: Altlasten

V.I. Warshawski heißt die Detektivin, die die US-amerikanische Autorin Sara Paretsky seit 1983 in bisher 19 Romanen auftreten ließ. Altlasten ist ihr 18. Abenteuer. Diesmal zieht es die Großstädterin in die Provinz des Mittleren Westens. Von DIETMAR JACOBSEN

In Lawrence, einer Kleinstadt im östlichen Kansas – Paretsky ist dort geboren, ihr Vater hat als Zellbiologe just an jener Universität gearbeitet, die auch im Roman eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt –, sucht sie nach einem jungen Schwarzen, den man in Chicago zur Fahndung ausgeschrieben hat. Doch schon bald findet sie sich in Dinge verwickelt, denen gegenüber der Einbruch in ein Sportstudio, dessen man den jungen Mann beschuldigt, mehr als lächerlich ist. Große Literatur von einer Autorin, die in der Ariadne-Reihe des Hamburger Argument Verlags eine neue Heimat gefunden hat.

»Machen Sie August Veriden ausfindig!«, lautet der Auftrag für die Chicagoer Detektivin V.I. Warshawski am Beginn ihres 18. Abenteuers. Der Mann, um den es geht, arbeitet als Trainer in einem Sportstudio und versucht, sich nebenbei als Filmemacher einen Ruf zu erwerben. Mehr als Party-, Hochzeits- und Kindergeburtstagsvideos hat er freilich noch nicht zustande gebracht.

Jetzt, nach einem Einbruch in die Mucki-Bude, die ihn beschäftigt, verdächtigt die Polizei den Farbigen, der Täter zu sein. Das aber glaubt niemand, der ihn kennt. Und nachdem Paretskys Heldin festgestellt hat, dass nicht nur in die Räume des Arbeitgebers von August Veriden eingebrochen, sondern auch Veridens Wohnung auf den Kopf gestellt wurde, schwant ihr Schlimmes. Also lässt sie für dieses eine Mal ihr Prinzip – Ermittle immer nur da, wo dir die Regeln bekannt sind! – sausen und macht sich auf ins ländliche Kansas.

Eine Fahrt in die Vergangenheit eines Filmstars

Lawrence heißt der Ort, an dem Veriden zusammen mit der farbigen Ex-Schauspielerin Emerald Ferring zu finden sein soll. Die frühere Heldin in schwarzen Independent-Filmen hat im Alter offenbar noch einmal Lust bekommen, vor die Kamera zu treten. Lange musste sie ihren jugendlichen Begleiter offenbar nicht überreden, dabei als ihr persönlicher Kameramann mitzumachen. Denn der ist vom Ehrgeiz getrieben, in der Filmbranche als dem ihm einzig entsprechenden Metier, wie er glaubt, zu landen. Kaum am Ort ihrer Kindheit und Jugend angekommen, stellt sich allerdings schnell heraus, dass August zwar als Filmemacher gebraucht wird, aber anderes ablichten soll als die Stationen einer nostalgischen Erinnerungsfahrt der bei den meisten Kinogängern längst in Vergessenheit geratenen Aktrice.

Als V.I. Warshawski am Ort des Geschehens eintrifft, sind die beiden, auf deren Spur sie gesetzt wurde, allerdings schon wieder weg. Jeder, bei dem sich Paretskys Detektivin erkundigt, hat die auffälligen Reisenden zwar wahrgenommen, über ihren aktuellen Aufenthaltsort erfährt man jedoch nichts mehr bis fast zum Ende des Romans. Bis dahin findet die Detektivin ein paar Leichen, aber auch neue Freundinnen, eckt bei den örtlichen Ordnungsmächten gewaltig an und merkt schnell, dass in einer Kleinstadt zwar viel unter den Teppich gekehrt wird, aber nichts wirklich für immer dort bleibt. Und bekommt langsam eine Ahnung davon, was Emerald Ferring wirklich nach Lawrence zog: die Vergangenheit, die auch in Kansas alles andere als vergangen ist, sondern die Gegenwart mit ihren »Altlasten« zu überschwemmen droht.

Ein Thriller für unsere Zeit

Denn die Gegend rund um ein altes, von der Armee inzwischen aufgegebenes Raketensilo am Stadtrand scheint immer noch hochgefährlich zu sein. Wo ein in den 80er Jahren gewaltsam aufgelöstes Protestcamp einst gegen Reagans atomare Aufrüstungspläne Front machte, nehmen Aktivisten von damals ein Vierteljahrhundert später unter den misstrauischen Blicken von Militärs und Geheimdienstleuten Bodenproben, die schnell wieder verschwinden. Ein Kinderskelett wird ausgebuddelt und ein geheimnisvolles Virus scheint just jene schnell dahinzuraffen, die sich allzu eifrig dafür interessieren, was hier einst geschah – oder vielleicht noch immer geschieht.

Altlasten ist ein souverän komponierter, hochaktueller Spannungsroman jener Autorin, mit der – nach Else Laudan, Verlegerin und Co-Übersetzerin des vorliegenden Buches – die »feministische Erschließung« des Thriller-Genres begann. Inzwischen sind Sara Paretsky – und das nicht nur in der englischsprachigen Literatur – auf diesem Wege etliche andere Schriftstellerinnen gefolgt. Was die Romane um die Chicagoer Detektivin V.I.Warshawski aber immer noch so einzigartig erscheinen lässt, ist die in ihnen zum Ausdruck kommende Kunst, gesellschaftliche Zusammenhänge, die in diesem Roman allesamt um den Themenkomplex »Altlasten«– der Originaltitel Fallout trifft nicht ganz das, was der Titel der deutschen Übersetzung beinhaltet, besitzt aber ebenfalls die Mehrdeutigkeit, die wohl in der Intention der Autorin lag – kreisen, über eine spannende Handlung und Figuren, die im Gedächtnis bleiben, transparent zu machen. Fürwahr ein Thriller, der wie kaum ein anderer in unsere Zeit passt.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Sara Paretsky: Altlasten
Deutsch von Laudan & Szelinski
Hamburg: Ariadne 1244 im Argument Verlag 2020
540 Seiten. 24.- Euro
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