Der alte Herr Updike lässt grüßen

Roman | Michael Kleeberg: Vaterjahre

Da ist er wieder, der bieder-selbstzufriedene Langweiler Charly (Karlmann) Renn aus Michael Kleebergs Roman Karlmann  (2007). Den »Karlmann« aus den 1980er Jahren, auf diesen altfränkischen Vornamen hatte ihn sein hanseatischer Vater einst taufen lassen, hat Renn längst hinter sich gelassen. Er ist älter geworden, hat das von seinem Vater geerbte Autohaus versilbert, ist in zweiter Ehe mit einer fürsorglichen Ärztin verheiratet und inzwischen Vater von zwei Kindern. Nun legt Michael Kleeberg den neuen Roman ›Vaterjahre‹ vor. Von PETER MOHR

Vaterjahre von Michael KleebergDie »gesunde, schützende Hornhaut der jugendlichen Egozentrik« hat Charly zu Beginn des 21. Jahrhunderts längst verloren. Sein Leben hat sich verändert, er ist von der Haupt- in die Nebenrolle gewechselt, die Protagonisten sind nun die Kinder. Verbirgt sich hinter Charlys Bekenntnissen auch eine unausgesprochene Midlife-crisis?

Michael Kleeberg, wie sein Charly Renn 1959 geboren, präsentiert uns eine Hauptfigur, die in ihrer exponiert zur Schau gestellten Durchschnittlichkeit kaum zu toppen ist und frappierend an die Protagonisten aus John Updikes Romanen erinnert. Die stilisierte Normalität wird zu einer latenten, vielleicht unbewussten Lebensidee erhoben. Was Charly Renn von den Updike- und auch von den Walser-Figuren unterscheidet, ist das hohe Maß an Selbstzufriedenheit, das Einverständnis mit dem eigenen Dasein.

Und Michael Kleeberg versteht es meisterlich, mit dieser Figur und deren Lebensumständen zu spielen. Er begegnet Renn mit Ironie, stattet ihn mit etlichen Klischees aus, doch er gibt ihn nie der Lächerlichkeit preis. Charly Renn ist von allem ein klein wenig, aber nichts so richtig. Er hat bescheidenen Erfolg im Beruf, er ist ein wenig sportlich (spielt mit Vorliebe Golf), hat eine einigermaßen intakte Familie im Rücken, doch richtig groß rausgekommen ist er nicht.

Als Geschäftsführer einer Kautschuk-Firma, die regen Fernosthandel betreibt, residiert er im Chile-Haus mit Blick auf den Hamburger Hafen – »dieses steinerne Schiff, dieser backsteinrote Klipper, dieser den Asphalt durchpflügende Eisbrecher des Handelsgeistes, dieser gotisch-avantgardistische Nautilus des Kommerzes, diese futuristische Kathedrale der beschleunigten Linien.« Da möchte man am liebsten die stilistische Reißleine ziehen und Kleeberg (bzw. seinem Protagonisten) in die Parade fahren.

Doch das hanseatische Denken, die Neigung zu Kühle und Arroganz, die vor allem bei einem Berlin-Besuch zum Ausdruck gebracht wird (»Gott, ist das hässlich«) und Kleebergs ständiger Wechsel der Erzählperspektive fügen sich prächtig zueinander. Mal spricht ein allwissender Ich-Erzähler zu uns, mal Charly selbst, dann seine Frau und ein philosophisch-räsonierender Meta-Erzähler. Durch diese Polyphonie gelingt es, den überhaupt nicht spektakulären Rennschen Alltag aufzupeppen und das Erzähltempo dementsprechend zu variieren.

Die Balance zwischen Pathos und Ironie wird von Kleeberg fein austariert. Zu Beginn fährt er gleich schwerstes poetisches Geschütz auf, als Charly vom Anblick seiner schlafenden Tochter Luisa fasziniert ist. Ist diese Ergriffenheit, die Kleeberg wortreich inszeniert, emotional authentisch, oder ist es nur ein Potpourri des Kitsches, eine stilistische Pirouette, mit der uns der Autor aufs Glatteis führen will?

Wer bei diesem opulenten Erzählwerk bereit ist, auch auf die Zwischentöne zu lauschen, dem wird auch der feine Humor dieses Autors, nicht entgehen. Charly Renn, der unintellektuelle und gar nicht kunstinteressierte Liebhaber kostbarer Weine und teurer Uhren, der immer gern etwas höher hinaus wollte, erleidet ausgerechnet auf der Köhlbrandbrücke, die in luftiger Höhe den Hamburger Hafen überspannt, einen Schwächeanfall.

Da wird man vehement zurück geworfen zu den vermeintlich kleinen Dingen des Lebens, zu den privaten Schicksalsschlägen, die sich simultan zu den schockierenden Katastrophen in der Welt ereignen. Ausgerechnet am 11. September 2001 wird der Hund der Familie Renn begraben, und Charly steht vor der schwierigen Aufgabe, dies seiner kleinen Tochter beibringen zu müssen. Auf den ersten Blick wirkt dies banal an einem Tag, an dem die Welt aus den Fugen zu geraten drohte.

Bisweilen sind es aber diese simplen Dinge, die unser Leben maßgeblich prägen. Michael Kleeberg hat einen klugen und wohltuend leise erzählten Roman vorgelegt und darin viel über die Denkweise und die Mentalität seiner Generation eingefangen.

Renns ›Vaterjahre‹ sind alles andere als ein Zuckerschlecken – Harry Angstrom, der Protagonist aus John Updikes ›Rabbit‹-Romanen, lässt ein wenig grüßen. Und gespannt sein darf man schon jetzt auf Kleebergs Fortsetzung. Erleben wir dann Charly Renn beim Seniorentanz?

| PETER MOHR

Titelangaben
Michael Kleeberg: Vaterjahre
München: Deutsche Verlags-Anstalt 2014
512 Seiten. 24,99 Euro

Reinschauen
| Michael Kleeberg interviewt Karlmann

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Werden, was man sein soll

Nächster Artikel

Ein Superheld im Spiegel der Zeit

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Überleben in Kanadas Wäldern

Roman | Ulla Scheler: Acht Wölfe

Es sind acht abenteuerlustige junge Menschen – vier Frauen und vier Männer –, die sich im Spätherbst zu einer dreiwöchigen Wanderung durch den im Nordwesten Kanadas gelegenen Wood Buffalo Nationalpark aufmachen. Man ist aus unterschiedlichen Gründen unterwegs. Die reichen von Abenteuerlust über die Verarbeitung persönlicher Traumata bis dahin, dass der mehrwöchige entbehrungsreiche Trip in die Einsamkeit einem der Teilnehmer als Strafe von seinem schwerreichen Vater auferlegt wurde. Begleitet wird die Gruppe von dem erfahrenen einheimischen Reiseführer Nick. Eigentlich kann bei solchen Touren kaum etwas schiefgehen und es entstehen, wenn man sich an sämtliche Vorgaben hält, bleibende Erinnerungen. Doch diesmal ist alles anders. Denn als man nach wenigen Tagen das erste Verpflegungsdepot erreicht, wird aus einer besonders herausfordernden Form von Urlaub plötzlich ein Kampf ums Überleben. Von DIETMAR JACOBSEN

Anfang und Ende

Kurzprosa | Barbara Honigmanns: Chronik meiner Straße »Wenn wir sagen, dass wir in der Rue Edel wohnen, antwortet man uns meistens, ach ja, da haben wir am Anfang auch gewohnt.« So lautet der erste, beinahe programmatisch anmutende Satz in Barbara Honigmanns autobiografischer Skizze über jene Straße im Osten Straßburgs, in der sie seit ihrer Übersiedlung aus Ost-Berlin im Jahr 1984 lebt. Barbara Honigmanns Chronik meiner Straße – in einer Rezension von PETER MOHR

Wenn der Eismann zweimal klingelt

Live | 41. Tage der deutsch-sprachigen Literatur in Klagenfurt »Germanisten-Porno« nannte es die ehemalige Preisträgerin Nora Gomringer, »Beachvolleyball-Turnier für Literatur« der Juror Klaus Kastberger: den jährlichen Wettbewerb um den begehrten Ingeborg-Bachmann-Preis, zu dem zur besten Sommerfrischezeit die Stadt Klagenfurt in diesem Jahr eingeladen hatte. Von INGEBORG JAISER

Kreolische Walzer

Roman| Mario Vargas Llosa: Die große Versuchung

In dem Roman »Die große Versuchung« befasst sich der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa mit der Musik seines Heimatlandes. Von BETTINA GUTIERREZ

Zeit der Reue

Roman | Arnaldur Indriðason: Tiefe Schluchten

Zum dritten Mal macht sich Arnaldur Indriðasons pensionierter Polizist Konráð auf die Suche nach einem verschwundenen Menschen. Wie in den beiden Vorgängerromanen der Reihe - Verborgen im Gletscher (2017, deutsch 2019) und Das Mädchen an der Brücke (2018, deutsch 2020) – wird er auch diesmal von seiner Ex-Kollegin Marta unterstützt. Die ist meist wenig begeistert, wenn sich Konráð in ihre Arbeit einmischt. Doch weil sie diesmal am Schauplatz eines Mordes einen Zettel mit seiner Telefonnummer findet, versucht sie natürlich herauszufinden, was dahintersteckt, ohne zu ahnen, in welche Tragödie ihr Anruf sie und ihren ehemaligen Kollegen verwickelt. Von DIETMAR JACOBSEN