Stark sein

Kinderbuch | Helga Gutowski: Graukatze

Stark sein wollen, ist leicht. Man kann davon träumen, wie man Schwierigkeiten mit eindrucksvollen Muskeln und flotten Sprüchen im Handumdrehen aus der Welt schafft. Die Realität sieht anders aus. Wie man die Stärke entwickelt, die in die Wirklichkeit passt, erzählt Helga Gutowski in ihrem zweiten Kinderbuch ›Graukatze‹. Von MAGALI HEISSLER

Helga-Gutowski-GraukatzeHelen ist zehn, sie lebt bei Oma in der Siedlung. Ihre Mutter ist schon so lange tot, dass sie sich kaum noch an sie erinnert, Helen fühlt sich als Omas Tochter. In der Siedlung wohnen einfache Menschen, es gibt eine Sozialarbeiterin und einen Hausmeister mit einem Schäferhund. Das ist nötig, denn die Probleme werden größer dort. Es wird schmutziger, lauter, unfreundlicher. Die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen das hin. Sie nehmen auch hin, dass eine kleine Gruppe von Jungen sich unter Führung des gerade fünfzehnjährigen Ben zusammenschließt und andere in Angst und Schrecken versetzt. Es geht vor allem um Geld. Nicht nur die kleineren Kinder haben darunter zu leiden. Aber darüber wird geschwiegen.

Helen und Oma verstehen sich nicht nur gut, sie haben sich auch sehr gern. Aber sie haben eine Art stilles Abkommen, Oma spricht nicht über ihre Probleme, Helen verschweigt, was sie bedrückt. Damit kommen sie prima zurecht, glauben sie, bis Helen Zielscheibe der Totenköpfe wird, Bens Bande. Helen hat sich inzwischen so ans Schweigen gewöhnt, dass sie fast vergessen hat, wie es ist, ohne Angst zu leben. Doch tief in ihr steckt noch ein winziges Restchen Mut.

Originelle und eindrucksvolle Figuren

Gutowski hat originelle Figuren geschaffen, die man nicht so leicht vergisst. Allen voran die zehnjährige Helen und ihre Großmutter. Helen ist ein Kind, aber dadurch, dass sie mit jemandem zusammenlebt, die so viel älter ist als sie und wegen ihrer traurigen Familiengeschichte wirkt sie oft reifer. Sie denkt viel nach über sich und andere, stellt Gegebenheiten infrage. Allerdings nur still für sich. Nach außen benimmt sie sich zurückhaltend und defensiv. Dass sie Stärke besitzt, merkt die Leserin zuerst an Helens Durchhaltevermögen und daran, dass sie es trotz ihrer wachsenden Angst versteht, offen für andere zu sein. Helen liebt es, wenn andere sich mögen, sie hätte gern eine Freundin, sie hilft gern, sie hat Freude an schönen Dingen. Sie kann aber auch Launen haben. Ein normales Kind eben.

Der schmale Grat zwischen einfachen Launen und Bissigsein, weil man sich bedrängt fühlt und hilflos, ist dabei immer spürbar. Ebenso die inneren Konflikte, weil Helen mit Oma ziemlich ärmlich leben muss, aber doch so einige Wünsche hat. Sparsam und präzis formuliert zeichnet Gutowski Helen und ihr Gegenstück, die Großmutter, die man immer aus Helens Augen sieht. Weil die Kleine so aufmerksam ist, sieht und berichtet sie nicht selten mehr, als sie versteht. Die Leserin kann sich darüber umso mehr Gedanken machen.

Bei den anderen Figuren fällt vor allem die liebevolle Zeichnung auf, sogar bei den jungen Rowdys. Es sind Gestalten, bei denen deutlich wird, dass ihnen etwas fehlt, ein Halt, ein klares Wort, auch Gutes von anderen. Sie sind weder das personifizierte Böse noch Clowns. Sie sind Jungen auf Abwegen, denen die Autorin auch zumutet, die Folgen ihrer Taten in vollem Umfang zu tragen.

Konsequenzen

Die Lektüre macht deutlich, dass Wegsehen und Schweigen das große Problem ist in solchen Fällen von Gewalt. Jede und jeder will nur Ruhe, was aber auch bedeutet, dass niemand die Folgen tragen will. Erklären, Anzeige erstatten, Untersuchungen, etwas öffentlich machen ist ebenso mühsam, wie den Müll hinunter zu den Tonnen zu tragen und nicht einfach im Flur abzustellen.
Auch die private Insel der Seligen, die sich Oma und Helen gebaut haben, nützt nichts, wenn Gewalt in den Alltag einbricht. Gespiegelt wird das immer wieder an Nebenfiguren. Gezeigt wird auch Hilflosigkeit und schließlich, sehr deutlich, die Folgen von Gewalt. Gutowski gelingt dabei das Kunststück, Schlimmes deutlich zu machen, ohne es so zu beschreiben, dass das junge Zielpublikum nur erschreckt wird und mit Hilflosigkeit reagieren muss.

Wichtig sind Freundschaft, Zuneigung, die Unterstützung durch andere. Das ist der Boden, auf dem Positives gedeiht und weitergegeben werden kann. Am wichtigsten aber ist, über Ängste zu sprechen und laut zu sagen, was man nicht will. Helen wird als mutig beschrieben, weil sie ihre Angst benennt und Konsequenzen einfordert.

Ihre Art, gegen Angst anzugehen, ist es, Zorn zu zeigen. Sie sagt Schimpfwörter laut. Es sind tolle Wörter, aber nicht unbedingt elternfrei und es brauchte Mut von Autorin und Verlag, sie genauso abzudrucken. Aber sie sind wesentlich.

Eingebaut ist die schlimme Geschichte in viele kleine Tagesereignisse, die liebevoll beschrieben werden. Die Nachbarn, das Abenteuer eines Kanarienvogels, die beginnende Freundschaft zwischen Helen und Antonia, der Neuen in der Klasse. Sprachlich ist es hin und wieder etwas hakelig, etwa, wenn jemand grinst »wie ein gehemmter Wurm« oder »müde Augen das Teppichmuster umwandern«.

Großartig sind die Illustrationen von Kerstin Meyer, schlicht auf den ersten Blick, aber ebenso gefüllt mit Bedeutung, wie der Text, der so einfach daherkommt. Die Szenen, die gezeigt werden, sind oft unerwartet, aus überraschenden Perspektiven. Die titelgebende Katze taucht immer wieder auf, sie ist ein bindendes Element und am Ende das versöhnende. Eine wunderbare Idee, bildlich wie erzählerisch.

Auch wenn die dargestellte Welt ein wenig anmutet, wie aus der Zeit gefallen, wenig Fernsehen, keine Handys, keine Computer, kein Small Talk über Oberflächliches, ist Helens Geschichte ein aktuelles Buch. Nichts von dem wichtigen Thema ist abgedroschen, nichts bieder, an Kritik wird nicht gespart. Helen ist eine Siegerin, ohne Muskeln und flotte Sprüche. Einfach eine ganz normale Zehnjährige, die ihre Probleme mutig lösen kann. Schön!

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Helga Gutowski: Graukatze
Mit Illustrationen von Kerstin Meyer
Hamburg: Rowohlt Rotfuchs 2015
170 Seiten, 9,99 Euro
Kinderbuch ab 9 Jahren

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