Bis zur Unsichtbarkeit

Comic | Frankfurter Buchmesse 2015

Auf der Frankfurter Buchmesse hat sich ANDREAS ALT umgesehen, wie immer mit besonderem Augenmerk auf Comics. Dieser in den vergangenen gut zehn Jahren sehr auffällige Bereich schrumpft gerade so sehr, dass er durch die Ritze zu fallen droht.

fbm15 ComicDer Comic-Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse ist Geschichte. Auch wenn mit viel Getöse der neue, 36. ›Asterix-Band vorgestellt wurde und die Deutsche Cosplay-Meisterschaft wieder Massen verkleideter Manga-Fans aufs Messegelände lockte, spielte das Thema Comics in diesem Jahr alles in allem nur eine sehr untergeordnete Rolle.

Schon 2014 hatte es den Messeschwerpunkt »Faszination Comic« nicht mehr gegeben, aber ein Großteil der Aussteller war noch am alten Platz anzutreffen. Viele sagten schon damals, sie überlegten, ob sie noch einmal wiederkommen sollten; Messestände sind teuer, wegen des Verkaufsverbots auf der Buchmesse kaum zu refinanzieren, und das Publikum wurde auch spärlicher, je weniger es geboten bekam. Diesmal war tatsächlich nur noch eine Handvoll kleinerer Comicverlage übrig geblieben – die Stände gingen nun in der Masse der Kinderbuchverlage unter. Das frühere Comiczentrum war nun, wie sich das im vergangenen Jahr schon abgezeichnet hatte, vom Thema e-Books sowie zudem vom Bereich Self-Publishing besetzt.

Das war offenbar Teil eines großen Messerelaunchs. Im Kern wurde eine der bisher fünf Hallen eingespart, nämlich Halle 8, in der die angelsächsischen Verlage untergebracht waren. Die Buchmesse wollte damit nach eigener Aussage die Wege zwischen Ausstellern und Besuchern verkürzen. Im vergangenen Jahr hatte es jedoch große unbelegte Flächen auf der Messe gegeben, die notdürftig zu Aufenthaltszonen umfunktioniert oder einfach abgesperrt wurden. Jetzt rückte alles enger zusammen. Mag sein, dass damit für die Comicverlage kein Platz mehr war und sich die Messe um diese Gruppe nicht mehr bemühte.

Ausländische Comicverlage sind weiter präsent

Nach wie vor gab es die großen Stände von Carlsen und Egmont im Kinderbuchbereich. Beide Verlage hatten schon seit vielen Jahren auf einen separaten Comicstand verzichtet. In den Hallen der ausländischen Aussteller traf man nach wie vor auf Comicverlage: An der Präsenz von DC, Dark Horse, Glenat, Dargaud, Humanoides Associes oder Lombard hat sich nichts geändert. Das Gastland Indonesien informierte auch über seine Comictradition. Aber ein übergeordnetes Thema Comic war nicht mehr wahrnehmbar. Veranstaltungen zum Thema waren äußerst rar.

buchmesse2015 013aManche waren auch im Bereich der allgemeinen Belletristik anzutreffen, etwa Avant, die Edition Moderne und Reprodukt. Sie hatten sich zum Teil schon vor einigen Jahren aus dem Comiczentrum verabschiedet. »Hier treffen wir ein gemischteres Publikum, vielseitig Interessierte und Leute, die sich erst mal nicht für Comics interessieren«, sagt dazu Reprodukt-Pressesprecherin Jutta Harms. Der Umzug in den Kreis der unabhängigen Verlage hat sich in ihren Augen gelohnt. Reprodukt-Comics werden zu einem nicht unwesentlichen Teil in Buchhandlungen verkauft, und auch Buchhändler trifft sie hier eher an als im ehemaligen Comiczentrum, das in seinen guten Zeiten von Comicfans überlaufen war.

Unzufrieden ist Harms in diesem Jahr allerdings mit dem Messebesuch an den Fachbesuchertagen. Vielleicht habe es daran gelegen, dass in Hessen, aber auch anderen Bundesländern gerade Herbstferien waren. Sie will aber auch nicht ausschließen, dass der Messebesuch für manche Händler zu aufwendig geworden ist. Allerdings, fügt sie gleich hinzu, tue die Messe einiges, um Fachbesucher anzulocken, etwa durch die Einführung eines Gutscheinhefts. An den Messeständen können sie damit PR-Geschenke einlösen, bei Reprodukt zum Beispiel bedruckte Stoffbeutel, gestaltet von Mawil – was durchaus funktioniert habe.

Buchhändler müssen vom Medium überzeugt werden

Ein kleiner Verlag wie Reprodukt muss sich in zweierlei Hinsicht engagieren, um den Buchhandel verstärkt als Absatzweg zu gewinnen. Zum einen müssen die Buchhändler von Comics überzeugt werden; traditionell würden sie in dieser Branche noch immer als minderwertig betrachtet. Aber andere Probleme sind laut Harms überhaupt nicht comicspezifisch. So müsse der Verlag die Ware oft 60 bis 90 Tage lang vorfinanzieren. Er muss den Läden mit Schaufensteraktionen helfen, mit Signiertouren von Comiczeichnern oder Comic-Workshops für Kinder. Der Verlag tue das, erläutert sie, weil er bei der Flut von Neuerscheinungen schon froh sei, wenn Buchhändler sich entscheiden, ein Reprodukt-Comicalbum ins Sortiment aufzunehmen.

In Leipzig wird mehr für Sprechblasen-Literatur getan

Positiv fand Harms an der diesjährigen Messe, dass sie zahlreiche Treffen mit Vertretern von Literaturbüros und Literaturhäusern hatte. Sie helfen durch Lesungen oder Literaturtage mit, auch Comics populärer zu machen. Ihrer Ansicht nach wird aber auf der Leipziger Buchmesse mehr für eine vielfältige Verlags- und Buchhandelslandschaft getan als in Frankfurt. Dort werde der Begegnung von Autoren und Lesern deutlich mehr Raum gegeben; eine Messehalle ist in Leipzig allein den Comics, vornehmlich Mangas, gewidmet. Dass das Frankfurter Comiczentrum weggefallen ist, tangiert Reprodukt im Grunde genommen nicht. Harms bedauert aber sehr wohl, dass sich damit klassische Comicverlage auf der Messe nicht mehr präsentieren können und so auf den Comichandel verwiesen sind.

Für den durchschnittlichen Besucher in Frankfurt werden Comics im Moment nahezu unsichtbar. Wenn man davon ausgeht, dass die Messe die Gegebenheiten im Markt widerspiegelt, dann würde das bedeuten, dass die große Zeit der Graphic Novels fürs erste vorbei ist und Impulse eher aus ganz anderen Literaturbereichen zu erwarten sind. Das kann sich freilich auch wieder ändern. Die meisten Comicverlage haben es jedoch nicht im Kreuz, das Ruder herumzureißen.

| ANDREAS ALT

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

TITEL schließt seine Pforten …

Nächster Artikel

Liebe bis über alle Grenzen hinweg?

Weitere Artikel der Kategorie »Comic«

Knollennasen und gebrochene Identitäten

Comic | Matthias Lehmann (Texte und Zeichnungen): Die Favoritin In hoher Frequenz ist inzwischen auch die Kunstszene dazu gezwungen, laut »Gender« zu rufen und mit einem kruden Konstruktivismus respektive der ›political correctness‹ dem Publikum auf die Nerven zu gehen. Umso erfreulicher ist es, wenn eines der Werke, die sich mit dem Geschlecht und seinen sozialen Konstruktionen beschäftigen, einmal unaufgeregt, vielschichtig und mit viel Phantasie der Thematik annimmt und unter den Genderisten vor allem deswegen positiv hervorsticht, indem auch andere soziale Konfliktlinien behandelt werden. Die Rede ist von Matthias Lehmanns neuem Comic ›Die Favoritin‹, der von einer isolierten Kindheit in der

Im Blick der Halbakte

Comic | Luz: Zwei weibliche Halbakte

Mit ›Zwei weibliche Halbakte‹, benannt nach Otto Muellers gleichnamigem Gemälde, entführt der ehemalige ›Charlie Hebdo‹-Zeichner seine Leser ins Deutschland der Zeit der Machtergreifung der Nazis. Der Clou der grandiosen Erzählung: Er ist konsequent aus der Sicht der abgebildeten Damen geschildert. In deutscher Übersetzung erschien der Band jüngst bei Reprodukt. CHRISTIAN NEUBERT hat ihn sich angesehen.

Untot am Hindukusch

Comic | Ennis/Wolfer: Stitched Band 1: Die lebenden Toten Garth Ennis hat es wieder getan. Diesmal frönt er seiner dritten Leidenschaft nach Rachephantasien und Religionskritik: Soldatengeschichten. In Stitched lässt er eine Truppe ISAF-Soldaten in Afghanistan auf grausige Untote treffen. Was sich nach politisch unkorrektem, spaßigem Splatter anhört, ist zwar auch Splatter, nimmt sich dabei aber überraschend ernst und scheut jede Satire. BORIS KUNZ über einen Comic, über den man sich weder richtig freuen noch richtig aufregen kann.

China, China, China!

Kulturbuch | Jing Liu: Chinas Geschichte im Comic Die internationalen Beziehungen verändern sich rasant. Was gestern noch unverrückbar erschien, bricht heute zusammen, das betrifft vor allem die globalen Machtzentren: eine zerstrittene EU, eine sich zerlegende USA, ein bedrängtes Rußland und ein noch immer eher rätselhaftes, aber kontinuierlich aufstrebendes China. Von WOLF SENFF

»Comics nur für den deutschen Markt – das geht nicht«

Comic | ICSE 2016 Spezial: Interview mit ›Cross Cult‹ Verleger Andreas Mergenthaler Die Podiumsdiskussion ›Abenteuer Made in Germany‹ beim 17. Internationalen Comic Salon Erlangen hat auf eine Entwicklung der jüngeren Zeit im deutschen Comicmarkt aufmerksam gemacht: Statt ausländische Lizenzen einzukaufen, lassen Verlage professionelle Abenteuercomics selbst produzieren, vor allem auch von internationalen Künstlern, die sich den Marktregeln anpassen. Diese Titel rechnen sich dann umgekehrt durch Verkäufe ins Ausland. Zum Beispiel CrossCult in Ludwigsburg geht diesen Weg. Auch wenn nur Verleger Andreas Mergenthaler und die Zeichner Peter Snejbjerg und Nic Klein sowie Autor Ivan Brandon (alle CrossCult) auf dem Podium saßen und