Von-Eicken-Park

Lite Ratur | Wolf Senff

Du merkst das nicht, nein. Du siehst es ja gar nicht. Nein, ich zähle nicht, wie oft ich hier entlanggehe, weshalb auch, ich führe keine Strichliste, ich wusste lange nicht, wie der Baum heißt, keine Ahnung, Namen sind Schall und Rauch.

_012Nein, ich denke darüber nicht nach, er ist schön anzusehen, sehr hoch, geschätzt fünfzehn Meter, die Krone ist wenig ausgeprägt, kegelförmig, gerade gewachsen mit leichter Neigung zum Teich hin, die kräftige Rinde ist eingekerbt, im unteren Bereich ziehen sich schmale Wülste aufwärts, hell rötlichbraun. Nein, er hat keine Blätter, sondern Nadeln, Nadelblätter, die er im Herbst, an zierlichen Zweigen noch, abwirft, im Schein der Abendsonne glühen sie rötlich wie ein letzter Glanz des scheidenden Sommers, du kannst sie auflesen, in eine Vase stellen.

Seine Gestalt wirkt zierlich, geschmeidig, voll verhaltener Kraft, ein stärkerer Ast streckt sich zum Teich hin in einem markanten, feinen Bogen, seine Anmut drängt sich nicht auf, verstehen Sie, er kommt weder auf Pfennigabsätzen daher noch fällt er mit der Tür ins Haus.

Nein, es geht mir nicht um diesen Baum, nicht allein. Zirka zehn Meter davor, ebenfalls rechtsseits des Weges unmittelbar am Teich, steht ein Ensemble von Erlen, ich vergewissere mich jedes Mal, sie sind zu siebt und gruppieren sich an den Wurzeln zu einem Kreis von knapp anderthalb Metern Durchmesser, die Stämme und Kronen formen ein hohes, schlankes Oval. Die Erle ist ein geselliger Baum, diese sind ebenso hochgewachsen wie der vorerwähnte, eine Sumpfzypresse, und werfen während der letzten Oktobertage ihr Blätterkleid ab.

Es dauert seine Zeit, bevor sich das Bild einstellt, dass die Bäume gemeinsam mit der faszinierenden Eiche zur linken einen Dom bilden, verstehen Sie, ein Haus der Stille, der lebensspendenden Besinnung. Man hält inne, bevor man einen solchen Ort betritt.

Nein, einen Baum wie diese Eiche finden Sie kein zweites Mal, nirgends. Gleich vor ihr, dem Teich zugewandt, lädt eine Bank zum Aufenthalt ein. Ihr mächtiger Stamm teilt sich nach knapp einem Meter und wächst sich zu einer gewaltigen Krone aus, knorrig, vielfach verzweigt, ein Ausbund mühsam gezügelter Leidenschaft. Zwei starke Äste, waagerecht, in sich närrisch verzweigt und den vertrauten Regeln der Statik hohnlachend, ragen zehn Meter weit nach vorn quer über den Weg und tasten sich an die erwähnte Sumpfzypresse heran.

Sie ist in diesen Breiten, erwähnte ich das, ein Exot, sie fremdelt, sie ist in Florida zu Hause, wächst im Bayou vor New Orleans, wo der Golf von Mexiko sich das Mississippi-Delta zurückerobert, man sieht ihr an, dass sie von weither kommt, sie fügt sich widerstrebend in das Bild des Doms, eine Attitude, damenhaft, ein vornehmer Gestus wie von altem Adel.

Die Bank steht neben dem Stamm der Eiche am äußeren, rückwärtigen Rand dieses Doms, und es sind die erwähnten gewaltigen Äste, ausgestreckte Hände, die mit ihrer Geste das hohe Rund der Kuppel vollenden. Gelegentlich setze ich mich auf die Bank und blicke zum Teich und auf die kleine Insel, wo im Frühjahr ein Graureiher brütet.

Vor den Erlen, knapp zehn Meter, gab es vor Jahren eine mächtige Buche, nein sie war nicht Teil des erwähnten Ensembles, sie war ein Respekt gebietender Solitär, ein Türhüter, und eines Tages war sie verschwunden; eine Krankheit, wurde erzählt, sie habe gefällt werden müssen. Einige Monate sah man den Stumpf, jedoch der wurde weggefräst, die Buche existiert nun lediglich in der Erinnerung.

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