Tim träumt

Lite Ratur | Wolf Senff: Tim träumt

Wieso er träumt, fragt sich Tim, denn üblicherweise träumt er nicht. Eine Nacht gab’s, da träumte ihm vom Kambrium, das Kambrium ist ungefähr so weit entfernt wie Beijing, dort hielt er sich einige Monate lang auf. Die Entfernung, zu Fuß gemessen, ist endlos weit, und zum Kambrium ist sie nicht räumlich, sondern zeitlich, so viel müssen wir wissen.

Tim hätte lieber Ruhe, doch was kann er tun. Da stand plötzlich eine Bühne mit der Ankündigung ›Kambrium‹, so richtig altbacken, ein Mädchen in einem albern kurzen Rock lief mit einem albern großen Pappschild vor einem schweren Brokatvorhang entlang, und wäre es kein Traum gewesen, hätte Tim das Theater stante pede verlassen, doch da hing er nun drin in seinem Traum, er ließ ihn nicht raus.

Kambrium. Vorausgesetzt er würde nicht träumen, würde er sich erinnern: Gondwana war damals ein riesiger südlicher Kontinent, heute ist Gondwana ein Teil im Leipziger Zoo, eine Dschungelwelt mit Bootstour, die man nicht auslässt, die Zeiten ändern sich.

Nein, der Mensch war noch nicht präsent im Kambrium. Längst nicht. (Auf der Bühne steht ein schmales Männchen, das diese Sätze mit seiner schmerzhaft näselnden Stimme über ein Megaphon in den Traum spricht.) Als das Kambrium einzieht, erwärmt sich die Erde, diese ›kambrische Explosion‹ liegt knapp sechshundert Millionen Jahre zurück. (Das Männchen legt eine Pause ein.)

Der Sauerstoffgehalt in der Atmosphäre steigt, das Leben blüht auf, es entstehen gänzlich neuartige Lebewesen wie zum Beispiel die die Meere bewohnenden Trilobiten. (Das Männchen setzt einen Beamer in Gang, die Bilder sind bunt und lebhaft. Tim sieht diverse vielbeinige Gliederfüßler, einer Kellerassel nicht unähnlich, ekelhaft anzusehen und bis zu siebzig Zentimeter lang.)

Das geht natürlich alles sehr schnell, so ein Traum, heißt es, dauere Sekunden oder nur Bruchteile davon. Tim fühlt sich gelangweilt, er würde am liebsten abschalten, aber, wie gesagt, niemand kommt raus aus einem Traum, ein Traum kann unerbittlich sein.

Hat er etwas versäumt? Eben noch sieht er das alberne Mädchen eilig die Bühne verlassen, auf ihrem Pappschild steht diesmal ›Perm‹, und Perm, fällt ihm ein, beginnt mehr als zweihundert Millionen Jahre nach dem Ende des Kambrium, das ist viel, viel Zeit, er will noch darüber nachdenken, doch der Traum lässt das nicht zu, das magere Männchen, das das Geschehen moderierte, ist verschwunden, die Bühne scheint sich aufzulösen, von allen Seiten flammt Feuer auf, es brennt lichterloh.

Er hat die Kamera nicht dabei oder wenigstens das Smartphone, Bilder wären jetzt schön. Doch die Aufnahme kommt ihm bekannt vor, sieht sie nicht genauso aus wie das Flammenmeer in Alberta, das es vor zwei Wochen jeden Tag gab, und sind das nicht sogar die Aufnahmen von Alberts, in Träumen ist nichts unmöglich.

Ihm wird heiß, unerträgliche Hitze kommt auf, normal wachst du auf, wenn es in einem Traum eng wird, nun fühlt er sich laufen, verzweifelt laufen, es ist kein Entrinnen, läuft er im Kreis, normal wacht einer auf, wenn es eng wird, Tims Kleidung fängt Flammen.

Da steht er am Meer, atemlos, nein, die Langeweile ist hin, ein entsetzliches Schreien dringt ihm ins Ohr, tödliche Bedrängnis; eins dieser riesigen Ungeheuer, das man bei Tage in niedlichen Plastikversionen kauft oder als Holzbausatz zusammensteckt, es ist dem Flammenmeer entkommen und wälzt sich im Todeskampf, will die Glut des Rückenpanzers ersticken, welch entsetzliche Zeiten, in welchen Alptraum ist er geraten, die Erde bebt, es nimmt kein Ende, eine App blendet sich ein, Perm, die Szene spielt in einem schmalen Fenster nur.

Das Perm sei mit einem rapiden Klimawandel zu Ende gegangen, der Temperaturzuwachs von zunächst fünf Grad innerhalb von tausend Jahren habe die Erde von Grund auf verändert. Wie angenehm: ein Traum, der sich erklärt.

Beim Aufwachen erinnert sich Tim, dass vulkanische Aktivitäten sich über mehrere hunderttausend Jahre erstreckten, ständige Beben und Vulkanausbrüche hätten den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre erhöht, vorgestern erst las er davon. Die Ozeane seien übersäuert gewesen, erwärmt und hätten Methan freigesetzt, niemand hält diese Prozesse auf, die Temperaturen seien nochmals um mehrere Grad gestiegen.

Fünfundneunzig Prozent der Meeresbewohner und fünfundsiebzig Prozent der Landlebewesen seien durch den Kollaps des Klimas zu Tode gekommen, zehn Millionen Jahre habe es gedauert, dass Land und Ozeane sich erholt hätten, das ist eine Menge Zeit, Tim dreht sich auf die Seite und wartet, dass Tag wird.

| WOLF SENFF

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