Regen

Lite Ratur | Wolf Senff: Text für eine szenische Lesung

(Regentropfen, Dauer ca. eine Minute, bis die Lesung einsetzt, im Dialog entstehen Pausen, auch lange Pausen)
Es regnet.
Niemand zwingt uns, das Gespräch fortzusetzen.
Eben stand ein Regenbogen am Himmel.
Wer aufmerksamem zuhört, merkt, dass hier kein Gespräch geführt wird.

(Eine dreiviertel Minute lang Stille, Regentropfen)
Hat der Regen zugenommen?
(Keine Antwort, wieder Stille bis auf die Regentropfen)
Der Regen hat zugenommen, nicht wahr? Es wird wieder Wasser in den Keller laufen, wenn nichts geschieht.
(Keine Antwort, wieder Stille bis auf die Regentropfen)
Hörst du, wie es schüttet?
Die Lichtschächte vor den Kellerfenstern sind abgedeckt.
Es kann kein Wasser in den Keller fließen?
Nein.
(Stille bis auf die Regentropfen)
Wenn es so gießt, wird sich kein Regenbogen mehr bilden.
Es gibt Kulturen, die eher geizig mit ihrer Sprache umgehen.
(Stille bis auf die Regentropfen)
Wie meinst du das?
(Stille bis auf die Regentropfen)
Regentropfen sind Äußerungen der Natur.
Der Klang des Wassers? Ein Gebirgsbach?
Gut, gut.
Ein Wasserfall?
Es reicht.
Stromschnellen?
Genug jetzt.
(Wieder Stille, die Regentropfen klingen ab)
Der Regen lässt nach?
(Keine Antwort, Stille)
Der Regen hat nachgelassen.
(Keine Antwort, Stille)
Es ist kein Wasser in den Keller gelaufen?
Unmöglich.
Sicher?
(Keine Antwort, wieder Stille)
Wasser kann ein Haus zugrunde richten.
(Keine Antwort, wieder Stille)
Der Regen hat aufgehört.
(Keine Antwort, Stille)
Du hast recht. Jeder Mensch hat sein Lebtag ein endliches Repertoire an Worten. Seine Worte sind die Schwerkraft, die ihn am Boden hält.
Ein origineller Gedanke.
Mit jedem Wort, das er verliert, nimmt sie ab. Meine Großmutter stellte im hohen Alter das Reden gänzlich ein. Zwei Jahre darauf schied sie von uns.
(Keine Antwort, Stille)
Die Sonne kommt durch.
Andere Kulturen übertragen das auf Atemzüge. Jedem ist von vornherein eine endliche Anzahl Atemzüge zugeteilt.
(Stille)
Ich verstehe.
(Keine Antwort, Stille)
Wir könnten spazieren gehen.
(Stille)
Wir könnten spazieren gehen.

| WOLF SENFF

2 Comments

  1. Die Sonne kommt durch, – das passt gerade.
    Unmöglich diese Form der Darbietung nicht zu mögen.
    Was sagt unser Durs nur dazu. Der Grünbein.
    Enstanden in der Grauzone, nachts, vermutlich.
    Preisver-dächtiger Lesespass.
    während der Kaffee
    perlt
    mittags

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Into the Heart of Dub: An Interview with Salz

Nächster Artikel

Pluralitätsdiskurs aus der Knopfkiste

Weitere Artikel der Kategorie »Lite Ratur«

Herzschlag

Lite Ratur | Wolf Senff: Herzschlag Nein, weshalb solle er sich Sorgen machen, er sei nicht hysterisch. Dass sein Arzt sich schwertue, seinen Puls zu finden, sei nicht sein Problem. Die in chinesischer Medizin spezialisierten Ärzte übertrieben ihre Diagnose am Puls, einer wie der andere. Sie würden bekanntlich an drei verschiedenen Positionen messen, alle drei am Handgelenk, nein, sage er sich, er habe keinen Grund, sich zu sorgen, kein bisschen.

Stichwunden

Liter Ratur | Wolf Senff: Stichwunden …dreiundzwanzig, wer zählte sie? Antonius? Lief er kreuz und quer im Getümmel, die Einstiche zählend, die Schwerter, die Dolche, wie stellen wir uns das vor?

Sehnsüchte

Lite Ratur | Wolf Senff: Krähe   Schwierig, Krähe, schwierig. Nein, niemand weiß, wie einer da jemals rauskommt. Verstehst du, das ist, als wollte ein Planet aus seiner Bahn ausbrechen, wie stellen wir uns das vor. De facto ist das unmöglich, Krähe.

Der Holzschuh- und der Spitzentänzer

Lite Ratur | Roth und Tucholsky, Avignon und Marseille. Und Laura Der Publizist Klaus Jarchow wies vor einiger Zeit in seiner ›Besichtigung literarischer Werkstätten‹ darauf hin, Kurt Tucholsky würde Joseph Roth häufig vorgezogen. Er hielt das für ungerechtfertigt, sei Roth doch als politischer Schriftsteller genau so gewichtig. Als gewichtig charakterisiert THIERRY PORTULAC Roth denn tatsächlich, im Vergleich zur Leichtigkeit des sich nicht minder politisch äußernden Tucholsky. Am Beispiel des Frankreich-Bildes beider Autoren nimmt er eine Gegenüberstellung vor.

Vertreibung

Lite Ratur | Wolf Senff: Vertreibung Absurd, dass er das immer noch nicht peilt. Wo er doch stets so hochleistungsorientiert auftritt. Krähe blickte spöttisch herab von dem Querbalken, der die Filmleinwand trug, es war ein angenehm sommerlicher Abend, sie sah auf das Publikum, das vom Alsteranlieger aus die Szenen auf der Leinwand verfolgte, knapp hundert Leute mochten dort versammelt sein.