Pluralitätsdiskurs aus der Knopfkiste

Kinderbuch | Franck Prévot: Alles lief gut…

Wie ist das denn mit den Fremden, die irgendwie anders sind? Verhält sich man sich da nicht am besten eher abwartend und mit einer gewissen Distanz? Schließlich sind »die« ja »anders«. Manchmal lassen sich komplizierte Dinge durchaus einfach erklären, findet ANDREA WANNER.

AllesliefgutFranck Prévot braucht für sein Bilderbuch nicht mehr als eine Kiste volle Knöpfe. Und alle, die schon mal einen Blick in eine Kopfkiste geworfen haben, wissen, das die voller ganz unterschiedlicher Knöpfe steckt: große und kleine, bunte und einfarbige, solche mit vier Löchern und solche mit zwei, runde und eckige, gemusterte und einfarbige – eigentlich ist damit schon alles klar, oder? Aber Prévot hat sich ein Bilderbuch für alle jene überlegt, die sich noch nicht mit dem Recht auf Differenz als Merkmale einer postmodernen, globalisierten Gesellschaft beschäftigt haben, und beginnt ganz einfach.

Am Anfang gibt es nur rote Knöpfe. Prévot präsentiert zwölf von ihnen auf einem beigen Leinenstoff. Sie unterschieden sich ein bisschen in der Größe – es gibt acht größere und vier etwas kleinere von ihnen -, sie haben alle zwei Löcher und einen parallel zum Knopfrand einen kleinen weißen Rand. Niedlich sehen sie aus. Auf der linken Buchhälfte ist der Text in rotem Garn mit Großbuchstaben auf das Leinen gestickt. ›ALLES LIEF GUT.‹ Nein, stopp, da ist kein Punkt am Ende des Satzes. Da sind drei Punkte. Und sie signalisieren, dass es einmal gut lief, dass sich jetzt aber etwas verändert. Was das ist? Ein blauer Knopf. So groß wie die großen roten, auch mit zwei Löchern und auch mit einem kleinen weißen Dekorand. Der taucht ganz plötzlich auf. Sofort drängen sich die zwölf Roten in einer Ecke zusammen, einsam steht der blaue Knopf ihnen gegenüber. Der Text setzt den begonnenen Satz fort: » … als etwas Sonderbares ankam!“ Und das »ETWAS« hebt sich so wie der blaue Knopf dadurch ab, dass es mit blauem Faden gestickt wurde. Die folgenden Doppelseiten schildern die aufkeimenden Ängste. Dieses »Etwas« ist »anders«, es wirkt »bedrohlich«; und als es sich einem der kleinen roten Knöpfe nähert, ist die Aufregung riesengroß. Ganz klar, der Blaue will den Kleinen »verschlingen«.

Wer sich die Geschichte anschaut, sieht Knöpfe. Knöpfe, die sich so ähnlich sind, dass es total albern wirkt, wenn die Roten in Panik geraten wegen eines Knopfes in anderer Farbe. Die Roten bauen Barrieren, hinter denen der Blaue »nicht störte«. Wir bleiben unter uns, wir wollen keinen, der anders ist als wir. Nun gut, es bleibt nicht bei dem einen. Die blauen Knöpfe werden mehr. Sie kommen hinter ihrer Absperrung vor. Aber irgendwie ist das auf einmal gar nicht mehr so schlimm. Es gibt rote und blaue Knöpfe, die bunt gemischt nebeneinander zu sehen sind. »Es ist gewachsen«, wird berichtet. Und »Alles lief gut.«, wobei die Buchstaben abwechselnd rot und blau sind. Aber stopp: Am Ende sind es wieder drei Punkte. Tja, und dann beginnt es von vorne. Ein neuer, andersartiger Knopf kommt ins Spiel und der Rest der Geschichte bleibt offen. Nur hinten auf dem Vorsatz gibt es wie auf dem Umschlag das wunderbare Knopfdurcheinander mit den verschiedensten Knöpfen. Mehr nicht. Aber das ist unglaublich viel.

Ob so eine Geschichte von Knöpfen wohl den Weg in die Köpfe findet? Ob die Menschen, egal ob große oder kleine, irgendwann verstehen, dass kulturelle, sprachliche und nationale Differenzen nur einen Ausschnitt aus der Gesamtheit der Heterogenität darstellen und Unterschiede in sozialem Status, Geschlecht, Alter, psychische und physische Gesundheit und andere Themen noch dazu kommen? Das uns alle vieles trennt und vieles verbindet? Sind wir nicht letztlich alle nur Knöpfe aus einer riesigen, bunten Knopfkiste?

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Franck Prévot: Alles lief gut…
(Tout allait bien…, 2003) Aus dem Französischen von Julie Cazier
Mit Fotografien von Catherine Large
Köln: Tintentrinker 2016
42 Seiten, 10 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren
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