/

Sehnsucht und Illusion

Menschen | Toni Morrison zum 85. Geburtstag

»Die Sehnsucht nach einem Zuhause existiert zwar nach wie vor, aber es handelt sich dabei lediglich um eine Illusion. Und natürlich gibt es in Amerika nicht eben wenige, die ihr ganzes Leben auf diese trügerische Sehnsucht bauen, die niemals Realität werden kann«, hatte Toni Morrison, Nobelpreisträgerin des Jahres 1993, vor zwei Jahren in einem Interview mit der Welt als Auskunft über ihr disparates Verhältnis zu ihrem Heimatland gegeben. Sie ist umstritten und streitbar, aber nach ihr wurde keinem US-Autor mehr die bedeutendste Auszeichnung der literarischen Welt zuteil. Gratulation von PETER MOHR

MorrisonIhr Meisterwerk habe sie noch nicht geschrieben. Es komme noch, hatte die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison vor knapp zehn Jahren ziemlich kokett erklärt und damit große Erwartungen bezüglich ihrer folgenden Romane Gnade (2010) und Heimkehr (2014) geweckt. Doch keiner der beiden jüngsten Romane konnte dieser Erwartungshaltung gerecht werden.

Thematisch knüpfte Gnade an den mehr als 25 Jahre alten Vorgängerroman Menschenkind an und lieferte so etwas wie eine temporeiche, leicht überladene erzählerische Vorgeschichte, in deren Mittelpunkt vier Frauen am Ende des 17. Jahrhunderts stehen. Ihre höchst unterschiedlichen Lebenswege kreuzen sich in der gesetzlosen Welt von Sklavenhandel, aufkommendem Rassismus und ersten kapitalistischen Auswüchsen. Gnade kam im amerikanischen Original eine Woche vor Barak Obamas Wahl auf den Markt und liest sich einfühlsam, bedrückend und abenteuerlich zugleich, doch die Qualität von Menschenkind mit seinem ungleich längeren erzählerischen Atem blieb unerreicht.

Nicht wesentlich anders war es um Toni Morrisons zehnten Roman Heimkehr bestellt, der auch Fragmente aus der eigenen Familiengeschichte aufgriff. Der Protagonist Frank Money nahm (wie Morrisons Bruder) mit einigen Freunden als Freiwilliger am Korea-Krieg teil und kehrte als einziger aus diesem Kreis heim – schwer traumatisiert ob des Verlustes seiner Freunde und der erlebten Verbrechen im Namen seines Vaterlandes. Auch diese dramatische »Story« um den heimatlosen Koreakämpfer war nicht das avisierte, späte Meisterwerk.

»Sklavenhandel und Sklaverei sind Themen, an die sich niemand erinnern will. Weder die Schwarzen noch die Weißen. Ich meine, es herrscht eine nationale Amnesie«, erklärte Toni Morrison im Zusammenhang mit ihrem 1988 erschienenen Erfolgsroman Menschenkind, für den sie mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde und der 1999 (Regie: Jonathan Demme, Hauptdarstellerin: Oprah Winfrey) auch in den deutschen Kinos zu sehen war.

Das Schicksal der Farbigen in den USA ist eines der ständig wiederkehrenden Themen in Toni Morrisons Werk. Für ihr Frühwerk Salomons Lied (1977) – die Erforschung der Familiengeschichte eines einfachen Milchmannes – erhielt sie bereits den Preis der amerikanischen Literaturkritiker, die dieses Werk auf eine Stufe stellten mit Alex Haileys Roots.

Toni Morrison im Jahre 2008. Abb: Angela Radulescu
Toni Morrison im Jahre 2008. Abb: Angela Radulescu
Toni Morrison, die am 18. Februar 1931 unter dem bürgerlichen Namen Chloe Anthony Wofford in Lorain/Ohio geboren wurde, schloss ihr Studium an der renommierten Cornell University mit einer Arbeit über den Selbstmord in den Werken von William Faulkner und Virginia Woolf ab. Danach arbeitete sie zunächst als Lektorin bei Random House und später als Professorin in Princeton.

Unter dem Einfluss von James Baldwin hatte Toni Morrison bereits 1960 zu schreiben begonnen, doch bis zur Veröffentlichung ihres ersten Romans dauerte es zehn Jahre. »Spracharbeit ist das Maß eines gelungenen Lebens«, erklärte sie in ihrer Stockholmer Dankesrede, als sie 1993 als erste farbige Autorin den Nobelpreis erhielt.

Sprachlich und kompositorisch hat sich Toni Morrison von ihren Anfängen bis heute gewaltig weiter entwickelt. Geblieben sind aber ihr ungebremster Aufklärungswille und ihr leidenschaftliches emanzipatorisches Grundmotiv. »Rassismus ist heute so virulent wie zur Zeit der Aufklärung«, erklärte Toni Morrison vor einigen Jahren.

Sie ist nicht nur gegen die Unterdrückung der Farbigen schreibend zu Felde gezogen, sondern hat auch immer für die Rechte der Frauen gestritten – zuletzt im 1999 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman Paradies. Ihr bis heute gelungenstes, weil formal anspruchsvollstes Werk ist die Ballade Jazz (1992), die von amerikanischen Kritikern als »eine Mischung aus Duke Ellington, William Faulkner und Maria Callas« bezeichnet wurde. In diesem postmodernen Sprachspiel hat Toni Morrison, die 2011 zur Ritterin der französischen Ehrenlegion geschlagen wurde, aus jazzartigen Versatzstücken ein blutiges Beziehungsgeflecht zwischen drei Frauen und einem Mann komponiert.

Toni Morrison, die international anerkannte Stimme der farbigen US-Bevölkerung, feiert heute (*am 18. Februar) in Princeton ihren 85. Geburtstag. Dort lebt sie seit mehr als 20 Jahren – seit sie bei einem Wohnungsbrand in Nyack wertvolle Originalmanuskripte verloren hat.

| PETER MOHR

Reinschauen
Toni Morrison: Heimkehr
Reinbek: Rowohlt 2015
160 Seiten. 18,95 Euro
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Rückkehr des Alptraumjägers

Nächster Artikel

Barrikaden, Hindernisse

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Egotrip mit Kulissen

Menschen | Andreas Altmann: Verdammtes Land Palästina und die Palästinenser erleben augenblicklich einen Boom. Zahlreiche Bücher und Medienberichte sprechen plötzlich aus, was zumindest in Deutschland und auf Deutsch lange Zeit tabu gewesen war. So wichtig und begrüßenswert das ist, so liegt doch ebenso auf der Hand, dass nicht alle Resultate eines Booms befriedigend ausfallen. Gerade hat der bekannte Reisejournalist Andreas Altmann seine Sicht der Dinge unter dem Titel ›Verdammtes Land‹ veröffentlicht. Von PETER BLASTENBREI

Großer Erzähler und kritischer Geist

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Martin Walser

Er hat bis zuletzt unermüdlich geschrieben. Seine Texte waren zwar deutlich kürzer geworden, aber seine dichterische Fantasie schien nicht zu versiegen. Zuletzt war zum 95. Geburtstag von Martin Walser ein Band mit Traumtexten erschienen, die durch Zeichnungen von Cornelia Schleime mehr als nur begleitet werden. »Mühelos führt der Traum ganz verschiedene Räume durcheinander, ohne dass sie einander verletzen oder auch nur stören«, schrieb Walser. Von PETER MOHR

Der süße Dylan

Menschen | Nachruf auf den Schauspieler Luke Perry Der Schauspieler Luke Perry verstarb am 4. März unerwartet an einem Schlaganfall. Für viele Teenies war er in den 90ern das Idol schlechthin. MONA KAMPE blickt 19 Jahre zurück. Ein ungewöhnliches Briefporträt

Ekstatischer Pessimist

Menschen | Zum Tod des Literaturnobelpreisträgers Czeslaw Milosz

»Ich bin wie ein Sehender, doch selbst nicht vergänglich, /ein Luftgeist, trotz grauen Hauptes und Altersgebrechen«, heißt es in dem in diesem Jahr erschienenen Sammelband ›DAS und andere Gedichte‹ (Carl Hanser Verlag), in dem lyrische Arbeiten aus sechs Jahrzehnten versammelt sind und der einen repräsentativen Querschnitt durch das poetische Oeuvre des »ekstatischen Pessimisten« (so ein Selbstzeugnis) Czeslaw Milosz bietet. Von PETER MOHR

Aus Widersprüchen Energie geschöpft

Menschen | Zum 75. Todestag des Schriftstellers Franz Werfel (am 26. August)

Franz Werfel war Österreicher und Prager, Jude und Christ, Konservativer und Avantgardist, traditioneller Erzähler, pathetischer Lyriker und utopischer Romancier. Aus diesen teilweise selbst auferlegten Widersprüchen schöpfte Werfel seine literarische Energie, die ihm in 35 Jahren dichterischer Tätigkeit ein ebenso erfolgreiches wie umfängliches Oeuvre ermöglichte. »Erfolg ist für mich mit Glück identisch«, erklärte Werfel, der vor allem während des Exils in den USA von vielen Kollegen ob seiner Verkaufserfolge beneidet, aber auch polemisch geschmäht wurde. So sprach Brecht etwa vom »heiligen Frunz von Hollywood, dem Geschwerfel«. Von PETER MOHR