Undank ist der Welten Lohn

Roman | Larry Law: Die wahre Geschichte von Captain Misson und der Republik Libertatia

»Es wäre ja auch ein Witz, wenn wir Untertanen von Leuten würden, die noch größere Schurken als wir selbst sind!« – STEFAN HEUER hat für TITEL die deutsche Übersetzung von Die wahre Geschichte von Captain Misson und der Republik Libertatia von Larry Law gelesen.

Larry LawWenn man die generationsübergreifend präsentierten Schönlinge (von Douglas Fairbanks über Errol Flynn bis hin zu Johnny Depp) und die mit ihnen verbundene Hollywood-Romantik außer Acht lässt, so sind die Assoziationen mit der klassischen Piraterie für gewöhnlich recht düstere: schwarze Zahnstumpen, Augenklappen und Holzbeine und shanghaites Kanonenfutter, das sich unter einer totenkopf-bewährten Flagge und einem diktatorischen, von Gier und/oder Rachsucht getriebenen Kapitän abzurackern hatte, was nicht eben selten mit Peitschenhieben oder Kielholen, einer Meuterei und dem Aussetzen auf einer einsamen Insel, dem königlichen Schafott oder dem Galgen endete …

Alles Quatsch, erstunken und erlogen – wenn man dem von Larry Law verfassten und seit 2015 erstmals in deutscher Übersetzung von Axel Monte vorliegenden Roman »Die wahre Geschichte von Captain Misson und der Republik Libertatia« glauben darf. Er erzählt die Geschichte eines intelligenten, in Geisteswissenschaften und Logik geschulten jungen Mannes, der sich, anstatt den für ihn vorgezeichneten Dienst bei den Musketieren anzutreten, dazu entschloss, als Freiwilliger auf dem von einem Verwandten befehligten Kriegsschiff »Victoire« anzuheuern.

Meuterei auf der »Victoire«

Während eines Landgangs in Rom lernte er nicht nur die dekadenten Zustände am päpstlichen Hofe, sondern auch den Priester Caraccioli kennen, der die Selbstsucht und Verdorbenheit des Klerus satt hatte und deshalb beschloss, Misson (eben jenen jungen Mann, dessen richtiger Name nicht überliefert ist) auf die »Victoire« zu begleiten. Während der gemeinsamen Zeit auf dem Schiff reifte die Idee, sich selbständig zu machen. Vor Martinique kam es zu einem Gefecht mit einem englischen Kriegsschiff, bei dem der Kapitän und die gesamte Führungscrew der »Victoire« getötet wurden, wodurch Misson und Caraccioli die Kontrolle über das Schiff erlangten. Misson verkündete, dass er ein Leben in Freiheit führen wolle, woraufhin die Mannschaft ihn zu ihrem Kapitän ernannte.

Als der gewählte Schiffsrat unter schwarzer Flagge auf Beutezug gehen wollte, erhob Caraccioli Einspruch und riet nicht nur zu einer weißen Flagge mit dem Schriftzug »Liberté!«, sondern auch dazu, künftig als Hüter der Rechte und der Freiheit der Menschen aufzutreten. Und so kam es. Nichtsdestotrotz verstanden sie sich als Piraten – wenn auch der Umgang mit ihren Gefangenen freundlich und mehr als fair war (so wurden erbeutete Sklaven nicht etwa verkauft, sondern eingekleidet und in die eigene Mannschaft integriert).

In der Folge liefen immer mehr Seeleute erbeuteter Schiffe zu Misson über, der auf Madagaskar eine kleine Stadt für alte und versehrte Crewmitglieder errichtete. Die Piraten tauften ihre neue Heimat »Libertatia«, legten alle nationalen Bezeichnungen ab und nannten sich fortan »Liberi«.

Captain Charles Johnson – alias Daniel Defoe

Von Madagaskar aus wurden neue Ziele ins Auge gefasst, und es hätte wohl ewig so weitergehen können, wenn nicht eines Tages das passiert wäre, was Misson insgeheim befürchtet hatte: Libertatia wurde von fünf portugiesischen Kriegsschiffen angegriffen. Wie sich herausstellte, befanden sich unter den Angreifern auch Seeleute, die kurz zuvor unter Eid freigelassen worden waren, niemals gegen Libertatia zu kämpfen – Undank ist der Welten Lohn!

Als Misson selbst dafür noch Gnade vor Recht ergehen lassen wollte, wandten sich seine Anhänger gegen ihn. Die Versammlung drängte auf eine formelle Regierung … das Erlassen von Gesetzen und die Umwandlung des Gemeinschafts- in Privatvermögen – kaum einen Monat nach dem Angriff der Portugiesen waren in Libertatia Todesstrafe, Geld, Privatbesitz und Lohnarbeit eingeführt: der Anfang vom Ende.

Ein mehr als lehrreiches, mit allen Stärken und Schwächen des menschlichen Seins behaftetes Drama der Weltgeschichte – oder doch nur Fiktion?

Die wahre Geschichte von Captain Misson und der Republik Libertatia wurde 1980 erstmals vom britischen Situationisten Larry Law veröffentlicht. Als Hauptquelle der Misson-Legende gilt das Buch A General History of the Robberies and Murders of the Most Notorious Pyrates aus dem Jahre 1724, verfasst von einem gewissen Captain Charles Johnson – bei dem es sich jedoch um ein Pseudonym von Daniel Defoe gehandelt haben soll, der mit Misson eine Phantasiefigur erschuf, der er seine eigenen (zur damaligen Zeit) gesellschaftspolitisch-radikalen Ansichten ungestraft in den Mund legen konnte.

Eine dokumentarische Erzählung mit dem Wahrheitsgehalt einer Buddel voll Rum, oder doch ein Knäuel des berüchtigten Seemannsgarns? Wie auch immer: Eine interessante, den Geist anregende Lektüre ist Die wahre Geschichte von Captain Misson und der Republik Libertatia allemal!

| STEFAN HEUER

Titelangaben
Larry Law: Die wahre Geschichte von Captain Misson und der Republik Libertatia
Aus dem Englischen von Axel Monte, Nachwort von Martin Chlada
Duisburg: Trikont 2015
50 Seiten, 6.- Euro

Reinschauen
| Buch-Trailer

 

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Was heißt erwachsen werden?

Nächster Artikel

Allein in den Anden

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Der Tod zweier Brüder

Roman | Christoffer Carlsson: Wenn die Nacht endet

Mit schöner Regelmäßigkeit schreibt Christoffer Carlsson in seiner schwedischen Heimat Bestseller. Auch in Deutschland beginnt sich das langsam herumzusprechen. Mit Wenn die Nacht endet liegt auf Deutsch jetzt der siebente Roman des 1986 geborenen promovierten Kriminologen vor. Es ist der dritte, in dem der Halstader Ermittler Vidar Jörgensson eine Hauptrolle spielt, auch wenn er diesmal erst nach etwas mehr als 200 Seiten den Schauplatz betritt. Und wie seine beiden Vorgänger baut auch Wenn die Nacht endet vor allem auf die Beziehungen zwischen dem halben Dutzend junger Menschen, die im Mittelpunkt des Buches stehen, statt auf krachende Action. Von DIETMAR JACOBSEN

Der Vater und das Boot

Roman | Kenzaburo Oe: Der nasse Tod Eigentlich wollte er mit 60 Jahren aufhören zu schreiben, doch kurz vor Erreichen dieser selbst gesetzten Altersgrenze kam ihm der Nobelpreis »dazwischen«. »Kenzaburo Oe hat mit poetischer Kraft eine imaginäre Welt geschaffen, in der Leben und Mythos zu einem erschütternden Bild der Lage des Menschen in der Gegenwart verdichtet werden«, lobte das Nobelkomitee den Preisträger des Jahres 1994. Oe selbst wertete seine Ehrung stets als Auszeichnung für die gesamte japanische Literatur. Von PETER MOHR

Ein Dorf will den Krieg vergessen

Roman | Jürgen Heimbach: Vorboten

Ein kleiner rheinhessischer Ort kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Wieland Göth, der zweite Sohn des Dorfschullehrers, kehrt nach Hause zurück. Doch der Frieden, in dem man seit Kurzem lebt, ist trügerisch. Und Wieland findet sich im französisch besetzten Rheinland plötzlich an einer neuen, gefährlichen Front wieder: der zwischen denen, die genug haben vom Hass, der Völker gegeneinanderhetzt, und jenen, die im Verborgenen bereits den nächsten großen Krieg vorbereiten. Dabei war es vor allem der Gedanke an Rache, der Jürgen Heimbachs Helden zurück in sein Elternhaus führte. Doch nun muss er sich entscheiden. Von DIETMAR JACOBSEN

Detektivduo Mann & Müller

Roman | Tilo Eckardt: Gefährliche Betrachtungen

Goethe, Schiller oder Storm – sie alle haben bereits Rollen in aktuellen Kriminalromanen gespielt. Jetzt gesellt sich zu der Reihe ein weiterer Großschriftsteller hinzu – der in diesem Jahr seinen 150. Geburtstag begehende Thomas Mann. Als der im August 1929 mit seiner Frau von Königsberg aus einen Ausflug auf die Kurische Nehrung unternahm, machte die dortige Landschaft auf ihn einen solch spektakulären Eindruck, dass er beschloss, sich hier ein Sommerhaus zu bauen. Gut, dass ihm kurz vorher in Stockholm der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. Denn dadurch war die Finanzierung des kleinen Anwesens kein Problem. Rund um das schmucke Häuschen auf dem »Schwiegermutterberg« in Nidden sowie um die fiktive Villa Bernstein der Witwe Bryl lässt Tilo Eckhardt seinen »Fall Thomas Mann« spielen. Und er präsentiert einen Literaturtitanen, der in jenen Jahren ganz und gar nicht so unpolitisch war, wie er gern von sich selbst behauptete. Von DIETMAR JACOBSEN

Zwei Freunde – ein Verbrechen

Roman | Bernhard Aichner: Bösland

Tote gibt es noch in Bernhard Aichners neuem Thriller – aber keine Totengräber(innen) mehr. Stattdessen lässt der Tiroler Autor in Bösland zwei Männer aufeinander los, deren Freundschaft einst ein Verbrechen auseinanderbrachte. Aber hat sich die brutale Ermordung der damals dreizehnjährigen Matilda tatsächlich so abgespielt, wie es die ganze Welt aus den Nachrichten erfuhr? Von DIETMAR JACOBSEN