Von kleinen und von großen Gaunern

Roman | Jim Nisbet: Welt ohne Skrupel

Klinger ist ein kleiner Ganove in San Francisco. Mit Überfällen auf Minimärkte und dem Abziehen betrunkener Fremder auf der Straße »generiert« er sein Einkommen. Um es gleich darauf in der nächstbesten Bar wieder unter die Leute zu bringen. Als er bei einem nächtlichen Raubzug, bei dem schiefgeht, was nur schiefgehen kann, zufällig in den Besitz eines Smartphones gerät, ahnt er nicht, welche Probleme mit dem kleinen technischen Wunderwerk da auf ihn zukommen. Von DIETMAR JACOBSEN

Jim Nisbet: Welt ohne Skrupel Viel ist nicht los mit dem Helden von Jim Nisbets Roman aus dem Jahr 2013. Klinger, wie er heißt, ist ein kleiner Ganove, der sich an Amerikas Westküste mehr schlecht als recht durchschlägt. Nie ist seine Brieftasche wirklich gut gefüllt. Wenn ein kleiner Coup ihm ein paar Dollar in die Hände gespielt hat, gönnt er sich gelegentlich ein Bett in einer billigen Absteige – bis der letzte Cent ausgegeben ist und er sich nach Kumpanen für das nächste Ding umsehen muss.

Ansonsten sind die Straßen von San Francisco sein Zuhause – sie und ein paar verrauchte Kneipen wie die Hawse Hole Bar, in denen man ihn kennt und wo er mit Gleichgesinnten über die Dinge des Lebens, wie er es sieht, bis in die Morgenstunden schwadronieren kann.

Der Handy-Mann

Bis wieder einmal einer von Klingers Plänen schiefgeht, der Ganove, mit dem er die Sache durchziehen wollte, tot auf der Straße liegen bleibt und der betrunkene App-Entwickler Phillip Wong, den man sich als leichtes Opfer ausgesucht hatte, im Krankenhaus landet. Nur das Smartphone des gut vernetzten IT-Experten bleibt im Rinnstein liegen und wird von Nisbets Helden gefunden. Der weiß allerdings wenig anzufangen mit dem ihm unvertrauten Ding. Zudem dessen Besitzer, ein begabter Tausendsassa, der all seine Erfindungen auf dem Gerät gespeichert hat, den Zugang zu den Dateien, die eine Menge Geld wert sind, natürlich gesperrt hat.

Anrufen kann man das Teil freilich immer noch. Und so lernt Klinger wenig später Marci Kessler kennen, die Frau, die hinter Wongs Erfindungen her ist und dessen Smartphone mit Hilfe einer raffinierten Software auf den Meter genau geortet hat. Über die notwendigen Zugangsdaten zu all den von ihr begehrten Schätzen verfügt die taffe Dame aus der Dotcom-Welt freilich nicht. Dafür aber besitzt sie einen teuflisch-hinterhältigen Charme und die nötigen Finanzen, um Klinger schnell zu übertölpeln und mit dem Versprechen einer reichen Belohnung ans Krankenbett seines Opfers zu schicken, damit er Wong die nötigen Informationen abschwatzt.

Im Netz der Verführung

Klinger, der sich mühsam durchschlagende Kleinkriminelle, und Marci, die raffinierte Verführerin aus einer gewaltige Summen bewegenden, ihrem Gegenüber völlig fremden Welt – mit den beiden Helden seines Romans hat Jim Nisbet eine klassische Thriller-Konstellation aufgegriffen und in unsere Gegenwart transponiert. Auf der einen Seite die schöne Frau, die in einem Dilemma steckt und Hilfe sucht – auf der anderen der mit allen Wassern gewaschene Held, ein Sam Spade oder Philip Marlowe, so männlich-lässig wie von Melancholie umweht.

Allein in der durchtechnologisierten Gegenwart, in die Nisbets Roman uns versetzt, besitzt ein Loser wie Klinger längst nicht mehr das Charisma jener Männer. Alle Coolness, die denen vor sechzig, siebzig Jahren wie selbstverständlich zu eigen war, findet sich nun bei der technisch versierten und gut vernetzten Geschäftsfrau Marci. Sie hält die Fäden in der Hand, während Klinger ihr hilflos ausgeliefert ist und bereits vom Klingelton eines fremden Smartphones aus der Fassung gebracht wird.

Und so stellt sich auch an keiner Stelle von ›Welt ohne Skrupel‹ die Frage, wer am Ende wohl als Sieger aus dem ungleichen Duell hervorgehen wird. Denn natürlich hat die clevere Marci Keller die Nase vorn. Die Sympathie des Autors dieses sprachlich funkelnden Romans – und hier muss wieder einmal die Leistung der beiden Pulpmaster-Übersetzer Ango Laina und Angelika Müller hervorgehoben werden – aber gehört eindeutig dem armen Kerl, der sich mit ein paar warmen Worten und einer lächerlichen Geldsumme abspeisen lässt, die ihn freilich letzten Endes auch nicht retten können. Denn gefangen werden in der Welt, wie Jim Nisbet sie sieht, immer nur die Kleinen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Jim Nisbet: Welt ohne Skrupel
Berlin: Pulp Master 2019
234 Seiten. 14,80 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zwischen Apokalypse, Dystopie und Mummenschanz

Nächster Artikel

Hier möchten wir leben

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Der Tod spielt Trompete

Roman | Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka »Inmitten der zusammengestürzten Welt – menschliche Skelette mit Musikinstrumenten. Der Tod spielt Trompete. Felix erwacht. Er schwitzt. Er zittert.« Sätze, die wie Nadelstiche unter die Haut gehen und beinahe ähnliche Schmerzen bei der Lektüre von Hans-Joachim Schädlichs neuem Roman Felix und Felka bereiten. Der inzwischen 82-Jährige, der oft (und nicht zu Unrecht) als Meister der sprachlichen Reduktion gefeiert wurde, hat wieder einmal unter Beweis gestellt, dass er mit knappen, schlanken Sätzen auf wenigen Seiten mehr auszudrücken versteht, als in vielen opulenten Romanwälzern steckt. Von PETER MOHR

Aus der Bahn getragen

Roman | Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null

»Manche Menschen wirken auf den ersten Blick wie Verlorene. Als hätte ein Ereignis in ihrem Leben sie aus der Bahn getragen und als hätten sie trotz aller Bemühungen nicht wieder Fuß gefasst«, lautet der einleitende Satz im neuen Roman Die Erfindung der Null des Alfred-Döblin-Preisträgers Michael Wildenhain. Von PETER MOHR

Leg dich nicht mit den Wheelers an!

Roman | Richard Osman: Wir finden Mörder

Vier Bände umfasst gegenwärtig jene Romanreihe, mit der Richard Osman weit über die Grenzen seiner britischen Heimat hinaus bekannt wurde, den Fällen des Donnerstagsmordclubs. Ist viermal schon genug? Offensichtlich nicht, denn ein fünfter Band rund um die vier Damen und Herren, die sich von ihrer komfortablen Seniorenresidenz Coopers Chase aus so gern in das Handwerk der Polizei einmischen, soll bereits im nächsten Jahr erscheinen. Aber gelegentlich braucht man halt ein bisschen Abwechslung. Und so liegt mit Wir finden Mörder jetzt der erste Band einer neuen Serie vor. Und auch der dürfte nicht lange ohne Fortsetzung bleiben. Von DIETMAR JACOBSEN

Escher und der Einserschmäh

Roman | Wolf Haas: Wackelkontakt

Seine Brenner-Romane haben längst Kultstatus erreicht, sein Hang zur Sprachkapriolen begeistert Leserschaft wie Kritik. Nun setzt der österreichische Autor Wolf Haas auch die Protagonisten seines neuen Werks Wackelkontakt gehörig unter Strom. Ein morbider Mafiaroman aus wechselnden Erzählperspektiven und Zeitebenen umwickelt das Geschehen wie ein Möbiusband. Von INGEBORG JAISER

Wer ich bin? Wer bist du?

Roman | Jürgen Bauer: Was wir fürchten Wie schon in seinem Debüttext aus dem Jahr 2013 Das Fenster zur Welt stellt Jürgen Bauer in seinem neuen Roman Was wir fürchten die Frage nach dem Urgrund des Menschen. In seinem Erstling fand er die Antwort noch ganz zielgerichtet in einem anderen Menschen, einem Gegenüber, einem Mitspieler und dessen Geschichte, Erfahrungen und Vergangenheit. Diesmal jedoch verunsichert er sein Lesepublikum stark. Denn den jungen österreichischen Autor interessieren nicht die Typen, die auf der Erfolgswelle des Lebens schwimmen oder zumindest nach außen hin die Fassade des Glücks und Erfolgs aufrecht halten können. Jürgen Bauer