Wer ich bin? Wer bist du?

Roman | Jürgen Bauer: Was wir fürchten

Wie schon in seinem Debüttext aus dem Jahr 2013 Das Fenster zur Welt stellt Jürgen Bauer in seinem neuen Roman Was wir fürchten die Frage nach dem Urgrund des Menschen. In seinem Erstling fand er die Antwort noch ganz zielgerichtet in einem anderen Menschen, einem Gegenüber, einem Mitspieler und dessen Geschichte, Erfahrungen und Vergangenheit. Diesmal jedoch verunsichert er sein Lesepublikum stark. Denn den jungen österreichischen Autor interessieren nicht die Typen, die auf der Erfolgswelle des Lebens schwimmen oder zumindest nach außen hin die Fassade des Glücks und Erfolgs aufrecht halten können. Jürgen Bauer wählt für seine Texte Protagonisten, die am Rande der Existenz stehen, als Außenseiter der Gesellschaft gelten, grundlegend gescheitert scheinen. Im neuen Roman Was wir fürchten ist es der Protagonist Georg, der sich eine eigene, merkwürdige Welt geschaffen hat und auf die wesentlichen Fragen eigene Antworten gibt. Von HUBERT HOLZMANN

Was wir fuerchten CoverJürgen Bauer, Jahrgang 1981, wohnhaft in Wien, wählt in seinem neuen Roman Was wir fürchten – in seinem Debüt gab es noch das Gegensatzpaar der alten Frau und des jungen, arbeitslosen Schauspielers, die zusammen eine Reise in die Vergangenheit unternehmen – wieder einen besonderen Typen, der erneut als Extremist gelten kann. Georg, so heißt der junge Mann, lebt in ständiger Angst vor seinen Mitmenschen und deutet alles in seiner Umwelt, seine Erlebnisse und Eindrücke als mögliche Bedrohung.

Glaubt man zu Anfang noch einen ironischen Ton herauszuhören, wird man jedoch spätestens nach den ersten Seiten eines Besseren belehrt. Georg meint es ernst. Die Kornkreise, die der Vater im Feld nebenan zieht, die Löcher, die sich plötzlich in der Hauswand finden, und die Episode am Wiener Naschmarkt, in der ein Mädchen von einem mysteriösen Autofahrer beinahe angefahren wird, machen klar, hier gibt es eine ziemliche Schräglage in der Wahrnehmung des Helden. Das Bedrohliche dabei – der Held ist ein Mensch wie du und ich.

Kontrollverlust in einer modernen Welt

Bereits die beiden Motti des Romans – eine Zeile aus dem Song Total Control der Motels und ein Zitat von William S. Burroughs – legen die virtuelle Zwangsjacke bereit, die dem Helden vielleicht mehr als einmal während eines Klinikaufenthalts angelegt wurde. Paranoia, so heißt der medizinische Terminus, mit dem man wohl Georgs Krankheit bezeichnen muss. Paranoia ist auch das Zauberwort und der Schlüssel, womit Georgs Fantasie seit seiner frühesten Kindheit angeregt und gefüttert wurde. »Ich dachte an jene Worte, die [der Vater] mir vor nicht allzu langer Zeit im Kornfeld zugeflüstert hatte: ’Zu Hause ist nur Gift.’«

Da erscheint das Bombenattentat von Bologna im Jahr 1980 nur als Hintergrund für die unzähligen Bedrohungen durch und in der Familie, in der Georg lebt. Der Konflikt zwischen Mutter und Vater, die Übertragung der Mutter auf den Sohn – all das muss der Junge aushalten und verarbeiten. »Bomben und Gift, das waren die beiden Gedanken, die jetzt durch meinen Kopf rasten. Mein Vater aber ignorierte, dass ich mir meine Nase an der Scheibe blutig schlug, und brüllte nur: ’Halt endlich den Mund, sonst explodiere ich!’«

Georgs Ausweg – ein Rückzug ins Ich, die Sicherheit in seinem Kinderzimmer, hier gibt es eine Nachttischlampe: »Es war eine Glaskugel, an deren Innenwand diverse Märchenfiguren durch eine Mechanik im Kreis bewegt wurden, die Schatten an die Wände meines Zimmers warfen.« Mit ein bisschen Proust’scher Ästhetik geht Georg also direkt den Weg in die Krankheit. Das eigenartige Spiel mit dem Nachbarjungen und der Lieblingsplatz mit dem sicheren Versteck im Kellerschrank zeigen ihn als frühen Sonderling.

Durchaus ironisch reflektiert Georg 1986 den Super-GAU von Tschernobyl: »Angst war das bestimmende Gefühl aller Menschen geworden, ich dachte sogar an das eine Wort: Paranoia. Nach all den Jahren fand ich ausgerechnet dieses Gefühl überall in der Umgebung vor. Bisher hatte es mich isoliert und in die Einsamkeit getrieben, doch nun wurde genau jene Emotion, die schon immer ihre Wellen durch meinen Körper geschickt hatte, zur vorherrschenden Stimmung aller Menschen.«

Und doch ein Gegenüber?

Trotz all dem Rückzug, der Isolierung und der Einsamkeit sucht Georg dennoch das Gespräch. Er sucht jedoch keinen Analytiker auf, sondern wählt einen anderen: Gesprächspartner wird der Agent, den Georgs verstorbene Frau einst beauftragt hat, Informationen über ihren seltsamen Mann herauszubekommen. »Meine Überwachung war nie zu Ende gegangen, sie war als Band zwischen mir und meiner Frau all die Zeit erhalten geblieben.« Diesem Privatermittler erzählt Georg bei einer Partie Schach sein gesamtes Leben – vielleicht mehr als nur eine Anspielung auf Stefan Zweig. Jürgen Bauer und sein Held Georg drehen jedoch am Schluss den Spieß um. Jetzt wollen sie zuhören.

| HUBERT HOLZMANN

 

Titelangaben
Jürgen Bauer: Was wir fürchten
Wien: Septime Verlag 2015
264 Seiten. 21,90 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Rede an die Nation

Nächster Artikel

Auf High Heels durch den Zombiemob

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Sommer ohne Balkon

Roman | Elena Fischer: Paradise Garden

Den vielversprechenden Debütroman einer bislang unbekannten Autorin schickte der renommierte Diogenes Verlag ins Rennen um den Deutschen Buchpreis. Mit guten Gründen, denn Elena Fischers Paradise Garden kommt so hinreißend frisch und unverbraucht daher, dass man das Buch nicht mehr aus den Händen legen mag, trotz der im Grunde tieftraurigen Thematik. Doch mehrfach heißt es im Verlauf der Geschichte: alles auf Anfang. Von INGEBORG JAISER

Es ist nicht vorbei

Krimi | Horst Eckert: Wolfsspinne Zum dritten Mal lässt der Düsseldorfer Autor Horst Eckert in Wolfsspinne seinen Kommissar Vincent Ché Veih ermitteln. Der kommt aus einer tief in die deutsche Geschichte verstrickten Familie. Der Großvater ein unbelehrbarer Nazi, die Mutter eine RAF-Terroristin, der Vater – wie man erst in diesem Roman erfährt – zunächst linksextrem, dann zur extremen Rechten konvertiert und ein Cousin aus dem thüringischen Jena als V-Mann des Verfassungsschutzes in die NSU-Affäre verstrickt. Kein Wunder, dass sich Veih mit Vorliebe in Fälle stürzt, die einen politischen Hintergrund besitzen. Auch diesmal dauert es nicht lang, bis er sich mit

Der Drucker als einziger Freund

Roman | Fien Veldman: Xerox

Der Romanerstling der jungen niederländischen Autorin Fien Veldman ist gleich ein großer literarischer Wurf. Mit geradezu sezierendem Blick und anspruchsvoller Komposition betritt die 34-Jährige mutig und voller Elan die literarische Bühne. In ihrem schmalen Roman thematisiert sie viele zeitgenössische, gesellschaftlich relevante Sujets. Es geht in Xerox um die Vereinsamung der Individuen, um Veränderungen in der Arbeitswelt und um die Reduzierung der verbalen Kommunikation und der sozialen Interaktion auf ein Minimum. Von PETER MOHR

In den Träumen lesen

Roman | Peter Høeg: Durch deine Augen Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, die Gedanken anderer Menschen lesen und sichtbar machen zu können und durch deren Augen zu sehen. Genau darum und um den schmalen Grat zwischen subjektiver Erinnerung und faktischer Realität geht es im neuen Roman Durch deine Augen des dänischen Schriftstellers Peter Høeg. Von PETER MOHR

Kleinvieh macht manchmal auch großen Ärger

Roman | Liza Cody: Die Schnellimbissdetektivin

Nach einer Ex-Polizistin, einer Catcherin, der Witwe einer respektablen Rocklegende, einer Schriftstellerin, die das Leben einer ermordeten Sängerin recherchiert, einer Tochter indischer Einwanderer und einer obdachlosen Alkoholikerin überrascht Liza Cody in ihrem siebzehnten Roman die Leserinnen und Leser mit einer weiteren, aber ganz gut in die Reihe passenden Hauptfigur. Denn auch Hannah Abram war einmal bei der Polizei, hat sich allerdings mit einem Vorgesetzten angelegt – und das ziemlich handgreiflich. Deshalb arbeitet sie inzwischen im »Sandwich Shack« am Rande des Londoner Volksparks, hantiert gekonnt mit Toastscheiben, Würstchen und Speck und wird von Digby, ihrem cholerischen Chef, periodisch entlassen und kurz darauf wieder eingestellt. Weil ihr schmaler Verdienst weder hinten noch vorne ausreicht und ihr Ruf als Polizistin noch ein wenig nachhallt, verdient sie sich ein paar Pfund mit Detektivaufträgen dazu – nichts Großem, sondern nur Sachen, bei denen die Polizei  von vornherein abwinkt. Aber auch kleine Fälle haben gelegentlich so ihre Tücken. Von DIETMAR JACOBSEN