Zwischen Apokalypse, Dystopie und Mummenschanz

Roman | Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön

Christopher Ecker zieht in ›Der Bahnhof‹ von Plön mit schwerem Geschütz auf. Beängstigend konsequent bohrt sich der Kieler Autor in die Abgründe menschlicher Albträume. Der Protagonist, der sich im jüngsten Roman seinen Handlungsspielraum nur mit sich selbst teilen muss, mäandert als eine Mischung aus Superheld, Massenmörder und Oberstudienrat durch Raum und Zeit. VIOLA STOCKER stürzt sich ins Verderben.

Ecker - Bahnhof von PlönJemand verfasst seine Memoiren. Christopher Ecker beginnt ›Der Bahnhof von Plön‹ im Bereich des Beliebigen. Memoiren sind für alte Männer und noch auf den ersten eineinhalb Seiten belässt der Autor seine Leser im harmlosen Stillleben eines Kindes mit Hamster. Das gefällige und abgedroschene Bild eines Lebens im Hamsterrad steht in starkem Kontrast zum Rest des Werks. Selbiger ist von einem bildgewaltigen, cineastischen Stil geprägt.

Monumentale Gemälde

Zwar überzeugt Ecker seit jeher mit seiner Wortgewalt, diesmal jedoch gliedert er seinen Roman wie ein Regisseur. Vom anfänglichen Fokus auf einen Hamster im Laufrad schwenkt die Kamera im Laufe des Werks auf ein bombastisches Gemälde, dessen Eindrücklichkeit und Beklemmnis zwischen Hieronymus Bosch, Pieter Bruegel und Peter Paul Rubens wechselt. Sofort wird man in den Bann eines Antihelden gezogen, der versagen muss, scheitert und zum Schlächter wird.

Dabei spielt Ecker mit Metaphern, wie sie aus Agentenromanen, Fantasyepen und kafkaesken Dystopien bekannt sind. Weder aber legt er sich auf ein Genre fest, noch verfolgt er konsequent ein Ziel. Letztendlich endet sein Roman dort, wo er beginnt, oder er findet einen Weg, das Fantastische gegen die Realität zu tauschen oder er stellt ein neues Rätsel. Was ist der Mensch?

Vergangenheit und Zukunft eines Geschlechts

Schließlich bleibt der Autor im Vagen. Ein Held, nicht näher benannt, benimmt sich wie ein Geheimagent, ein Auftragskiller, der für obskure Personen, denen er sich verpflichtet fühlt, Aufträge ausführt, die sinnlos sind. Tötet er sein eigen Fleisch und Blut? Der Auftraggeber, »Lotse« genannt, führt den Protagonisten wie eine Marionette an Fäden durch die Handlung, die zwischen ekelerregend und fantastisch schwankt.

Dabei bedient sich Ecker gekonnt aus vielen Genres, wobei die einzelnen Schilderungen überaus plastisch geraten. Die Aufgaben, die der Antiheld bewältigen muss, gleichen denen der griechischen Sagen oder des nordischen Sagenkreises. Wie Beowulf, der sein eigenes Monstrum gebiert, schleppt der Held, der sich als Prinz eines niedergehenden Geschlechts entpuppt, die verwesenden Leichen seiner mörderischen Aufträge von einem Stockwerk ins andere.

Ein Konglomerat der menschlichen Erinnerungen

Zeitweise wähnt man sich bei »Game of Thrones«, ein andermal bei ›James Bond‹ oder dem ›Herr der Ringe‹. Ein Prinz, begleitet von einem trollähnlichen, treuen Diener, reist durch die Zeit, um den Untergang seines Geschlechts zu verhindern. Geführt von seinen Feinden, die ihm seine ureigene Begabung, nämlich durch Zeit und Raum zu gleiten, entreißen wollen.

Was macht ein Held, der zwischen Trollen, Zauberern und untreuen Vasallen kämpft, um sich selbst zu retten? Was hat eine Wohnung in New York, unterkellert mit magischen Katakomben, mit dem Bahnhof von Plön zu tun? Es ist eine Rundreise, angestachelt von Eckers Fantasie, die an den archäologischen Entdeckungen des Plöner Sees beginnt, die Gedanken parallel zu unserer eigenen Menschheitsgeschichte weiterspinnt und in der Jetztzeit eines Kieler Gymnasiums endet.

Karikatur des Übermenschlichen

Letztendlich wird der Antiheld auf einem Parforceritt durch die menschliche Entwicklungs- und Kulturgeschichte begleitet. Mündliche Überlieferungen und magische Verwicklungen spielen dabei eine große Rolle. Ebenso die endlosen Fragen nach der Zukunft der Menschheit und der Kapazität menschlichen Denkvermögens. Ecker beantwortet sie mit einem sarkastischen Schmunzeln.

Denn wenn ein zeit- und raumreisender, übermenschlicher Prinz eines aussterbenden, magischen Zauberergeschlechts, dessen Diener Trolle und Magier sind, den unsagbaren Qualen der Folter unterzogen wird, infolge derer er die überragenden Fähigkeiten seines Geistes verliert, entsteht daraus – oh Wunder – ein Oberstudienrat für Deutsch und Philosophie. Was also ist der Mensch?

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön
Halle: Mitteldeutscher Verlag 2016
400 Seiten. 22,95 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Im Übergang

Nächster Artikel

Von kleinen und von großen Gaunern

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Trügerisches Paradies

Roman | Bernhard Aichner: John

Mit Yoko hat Bernhard Aichner vor einem knappen Jahr einen Thriller vorgelegt, der ganz in der bewährten Manier dieses Osttiroler Autors den blutigen Rachefeldzug einer von Mitgliedern einer chinesischen Triade aufs Korn genommenen Frau gegen ihre Peiniger thematisierte. Nun folgt mit John die Fortsetzung der Abenteuer dieser sich schließlich in eine neue, männliche Identität flüchtenden Figur. Auf einer griechischen Insel hat sich Yoko unter dem naheliegenden Namen John in Sicherheit vor all ihren Verfolgern gebracht. Doch nicht nur die Polizeihauptkommissarin Katrin Liebermann, die Yoko seit Jahren auf die Spur zu kommen versucht, sondern auch eine zweite Frau aus ihrer alten Heimat erkennen in John die von Polizei wie Triaden Gesuchte. Beide haben je eigene Pläne mit der Enttarnten. Und Yoko muss, ob sie will oder nicht, auch als John wieder töten. Von DIETMAR JACOBSEN

Am Abend Schatten hacken

Kurzprosa | Martin Walser: Sprachlaub

Martin Walser, der Grandseigneur der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, schreibt unaufhörlich und mit einer bewundernswerten Energie. Noch immer gibt es jedes Jahr ein neues Büchlein aus der Feder des Großmeisters vom Bodensee, der am 24. März seinen 94. Geburtstag gefeiert hat. Von PETER MOHR

Im Abseits lebt es sich gefährlich

Roman | Mick Herron: Slough House

Zum siebenten Mal lässt Mick Herron seine Leserinnen und Leser hinter die Fassaden von Slough House blicken. Dort übt man sich unter der Leitung von Jackson Lamb, dem nichts wirklich unangenehm zu sein scheint, in der Kunst des Als-ob. Als ob man noch dazugehörte. Als ob die britischen Geheimdienste ohne die Slow Horses verloren wären. Als ob man nicht jeder Herausforderung freudig entgegensähe. Denn nichts kann trister sein als ein Leben im geheimdienstlichen Abseits. Aber ist das wirklich so? Stellt nicht die kleine Truppe, die in einem heruntergekommenen vierstöckigen Gebäude an der Aldersgate Street im Londoner Stadtteil Finsbury mehr vegetiert denn residiert, jenen patriotischen Glutkern dar, an dem sich jeder Angreifer des Königreichs letztendlich die Finger verbrennt? Von DIETMAR JACOBSEN

Hetzjagd auf die Puppe

Roman | Richard Flanagan: Die unbekannte Terroristin Der australische Autor Richard Flanagan ist im deutschsprachigen Raum einem breiteren Publikum erst 2014 durch seinen mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman ›Der schmale Pfad durchs Hinterland‹ bekannt geworden – ein bedrückendes Werk über die Grausamkeiten in einem japanischen Kriegsgefangenenlager im Grenzgebiet zwischen Thailand und Birma. Nicht minder dramatisch und bedrückend geht es im nun in deutscher Übersetzung erschienenen Roman ›Die unbekannte Terroristin‹ zu, der im Original bereits zehn Jahre alt ist, aber dessen Handlung aktueller denn je wirkt. Von PETER MOHR

Mit dem Pony durch den Tulpenwald

Roman | Martin Walser: Gar alles Martin Walser schreibt und schreibt – mit nach wie vor atemberaubendem Tempo und bemerkenswerter formaler Brillanz. In seinem neuen Briefroman lässt der Grandseigneur der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, der seinen 91. Geburtstag feierte, einen auf bemitleidenswerte Weise gescheiterten Mann mittleren Alters Briefe an eine unbekannte Frau schreiben. Von PETER MOHR