/

Eine gemischte Biografie

Menschen | Monika Maron zum 75. Geburtstag

Zum 75. Geburtstag von Monika Maron (am 3. Juni) erscheint der Band Krähengekrächz. PETER MOHR gratuliert der Schriftstellerin.

Maron»Ich wollte eigentlich keinen Roman über die Umweltzerstörung schreiben, sondern vor allem erzählen, was passiert, wenn jemand, in diesem Fall eine Journalistin, das tut, was sie für richtig hält: die Wahrheit zu schreiben«, erklärte die Schriftstellerin Monika Maron 2009 in einem Spiegel-Interview über das Entstehen ihres in der damaligen DDR verbotenen Romans Flugasche (1981).

Als Stieftochter des Innenministers Karl Maron hatte sie zunächst beste Karrierevoraussetzungen. Doch nach ihrem nicht ganz freiwilligen Engagement in der FDJ, einem Jahr Arbeit als Fräserin, einem Studium der Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften und einem kurzen Intermezzo als Regieassistentin beim DDR-Fernsehen entschied sich Monika Maron für eine Existenz außerhalb des reglementierten Systems und wurde Journalistin und Schriftstellerin.

Die Umwelt der DDR

Nachdem sie in Flugasche die Umweltsünden rund um den Bitterfelder Braunkohletagebau angeprangert hatte, war die heute* (am 03.06.) vor 75 Jahren in Berlin geborene Autorin rasch zu einer Art persona non grata geworden, und auch ihr zweiter Roman Die Überläuferin (1986) konnte im Osten Deutschlands erst nach der »Wende« erscheinen. Die im Westen gefeierte Autorin Monika Maron war für die DDR nicht mehr tragbar, und so wurde ihr 1988 die Ausreise in die Bundesrepublik gestattet.

»Natürlich kann ich nicht sagen, mein Leben fängt erst 1990 an, aber es ordnet sich um einen anderen Mittelpunkt, und die Fragen stellen sich anders. Ich hätte ,Pawels Briefe‘ nicht schreiben können, solange es die DDR noch gab«, bekennt die Schriftstellerin Monika Maron, die im Rückblick auf ihr eigenes Leben von einer »gemischten Biografie« spricht. Deutsch-deutsche Grenzgänge im geografischen wie im politischen Sinn spiegeln sich nachhaltig in Leben und Werk der Kleist- und Hölderlin-Preisträgerin.

Generation »Kriegskinder«

Anders als viele ihrer Weggefährten hat sich die im Berliner Stadtteil Schöneberg lebende Autorin allerdings nicht ideologisch vereinnahmen und zur pauschalen Abrechnung mit der DDR oder zu einer unreflektierten Sozialismusschelte hinreißen lassen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit ihrer »gemischten Biografie« setzte sich auch nach dem Mauerfall fort – mit den Romanen Stille Zeile sechs (1991) und Pawels Briefe (1999), die trotz ihres autobiografischen Fundaments exemplarischen Charakter für die in der DDR aufgewachsene Generation der »Kriegskinder« hatten.

Ihre besten Werke gelangen Monika Maron, die zuletzt mit dem Deutschen Nationalpreis (2009) und dem Lessing-Preis (2011) ausgezeichnet worden ist, wenn sie sich der Fesseln der eigenen Vita und der deutsch-deutschen Politik entledigte und tief in das Innere ihrer Figuren blickte. In Animal triste (1996) erzählt sie auf eindrucksvolle Weise von der unglücklichen Liebe einer Paläontologin, die das Bewusstsein verliert und in einem komatösen Zustand den eigenen Tod vor Augen hat.

Mit dem Problem des Älterwerdens setzte sie sich auch in den späteren Romanen Endmoränen (2002), Ach Glück (2007) und Zwischenspiel (2013) auseinander. Mit der positiveren Grundstimmung ihrer Hauptfigur Johanna Märtin hat sich in Ach Glück auch Monika Marons Tonfall gegenüber Endmoränen verändert. Die Sätze scheinen ihr flüssiger aus der Feder geflossen zu sein, dem Phänomen des Alterns begegnete sie mit einem Augenzwinkern. Stattdessen stellt sich eine wohltuende Mischung aus Gelassenheit und kritischer Selbstbeobachtung ein.

Ein »honiggelber Hund« war im letzten Roman Zwischenspiel (2013) gedanklicher Begleiter der Protagonistin Ruth – eine ähnliche Konstellation gab es zuvor auch schon in den beiden Vorgängerromanen Endmoränen und Ach Glück.

Tiere spielen in Monika Marons Werk eine große Rolle. Kein Wunder also, dass im Vorfeld ihres Geburtstags nun ein schmaler Band erschienen ist, in dem sich die Autorin mit Krähen auseinandersetzt. Darin heißt es: »Vielleicht liegt es am Alter, am allmählichen Verfall und dem nahenden Sterben, das mich das Tier im Menschen so deutlich erkennen lässt.«

| PETER MOHR

Titelangaben
Monika Maron: Krähengekrächz
Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 2016
63 Seiten. 12.- Euro
Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| mehr von Monika Maron in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Karikaturen und Comic-Paraden

Nächster Artikel

Breakbeats, Pop Hooks & Melodies: June’s New Albums Reviewed

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Kollaps

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kollaps

Schwierig, sagte Wette, die Situation sei ungemein schwierig.

Zugegeben, sagte Farb, die gewachsene Ordnung breche ein, während der Dekaden neoliberaler Politik hätten sich hochsensible ökonomische Strukturen etabliert, wir nähmen das an diversen Details wahr, Abläufe seien rationalisiert, etwa mit dem Transport per Container, dem weitgehenden Verzicht auf Lagerhaltung, etc.

Wie gehabt, sagte Wette, Habgier sei ein Grundzug dieser Ökonomie, und wo immer möglich, suche man Gelder einzusparen.

Ausgegrenzt

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ausgegrenzt

Wer der Natur Schaden zufüge, werde selbst Schaden erleiden, sagte Gramner, so einfach sei das.

Bildoon lachte. Wenn du den Hund angreifst, schnappt er nach dir.

Oder so, sagte Gramner, wer wüßte das nicht.

Primitives Volk, sagte London, unverbesserlich, Gramner zeichne den Menschen der sogenannten Moderne.

Wie blind könne man sein, sagte Thimbleman.

Moderne

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Moderne

Weshalb müsse man die Dinge schlechtreden, fragte Breuer.

Ob er wirklich den Eindruck habe, die Dinge würden schlechtgeredet, fragte Farb.

Breuer täusche sich, sagte Wette.

Ob man sie etwa schönrede, spottete Breuer.

Wie er darauf komme, fragte Tilman.

Sonne

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sonne

Unerklärlich, sagte Farb, aus welchen Gründen eine unscheinbare Begegnung tief im Gedächtnis haften bleibt.

Tilman rückte näher an den Couchtisch und suchte eine entspannende Sitzhaltung.

Anne schenkte Tee ein.

Ein alter Mann am Strand von En Bokek, sagte Farb, ein Greis, hoch in den Siebzigern, die Schwefelquellen südlich von En Gedi seien, hatte der Mann erklärt, so hochprozentig wie sonst nirgends auf dem Planeten, er suche sie zweimal wöchentlich auf, sagte er, er habe viele andere Orte kennengelernt, kein Vergleich, sagte er, nicht daß er lange Reden hielt, er wirkte wortkarg, seine Sätze blieben kurz, die Stimme leise, unaufdringlich, und zusätzlich, sagte er, arbeite das besondere Klima, er kenne keinen Ort, der dem auch nur annähernd gleichkomme, der Mann redete nachdenklich, besonnen, und nein, das würde kein Gespräch, nein.

Ordnung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ordnung

Farb war nicht von dieser Welt, nein, diese Welt lief an ihm vorbei, ihr hohes Tempo ließ ihn kalt, ihr verführerischer Glanz und ihre lauthals brüllende Musik hinterließen keinen Eindruck, er war damit zufrieden, an den Nachmittagen in aller Stille einen Tee zu trinken und zu plaudern, nichts lockte ihn fort, ferne Länder durften ferne Länder bleiben.