//

Kollaps

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kollaps

Schwierig, sagte Wette, die Situation sei ungemein schwierig.

Zugegeben, sagte Farb, die gewachsene Ordnung breche ein, während der Dekaden neoliberaler Politik hätten sich hochsensible ökonomische Strukturen etabliert, wir nähmen das an diversen Details wahr, Abläufe seien rationalisiert, etwa mit dem Transport per Container, dem weitgehenden Verzicht auf Lagerhaltung, etc.

Wie gehabt, sagte Wette, Habgier sei ein Grundzug dieser Ökonomie, und wo immer möglich, suche man Gelder einzusparen.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf, er hatte das Blech aus der Küche mitgebracht, der Kuchen war noch warm, und die Schlagsahne, die er sorgfältig auf seinem Stück verteilte, begann sogleich an den Rändern zu verlaufen.

Ein riesiger, stiller See, der die ruhige Landschaft widerspiegelt. Sein Wasser hat jedoch eine unnatürliche, kränkliche grüne Farbe und ist an den Rändern dick und schaumig. Skelettartige Bäume, die durch die giftigen Dämpfe entlaubt wurden, säumen das Ufer.Auf dieser Grundlage, sagte Farb, seien in Deutschland die sogenannten Lieferketten gesetzlich reguliert, auch der Schutz der Umwelt und der Menschenrechte sei verbessert, das gelte für diverse Produkte, wichtig seien die sogenannten Seltenen Erden, deren  Vorkommen vor allem in China, Australien und Grönland ausgebeutet würden.

Das Gespräch stockte, da wurde plötzlich laut Hilfe! gerufen, und noch einmal: Hilfe!Farb erschrak.

Wette schien amüsiert.

Hilfe! Hilfe!

Nichts von Bedeutung, sagte Wette, es handle sich um eine namenlose Figur, sagte er, sie sei auf der Flucht und spuke bald hier, bald dortdurch Erzählungen, wir müssen unsere Leser um Nachsicht bitten, und sei bald wieder verschwunden, sogar am Toten Meer sei sie gesehen worden, sie habe dort mit Sergej aus Murmansk Backgammon gespielt, und nein, kein Walfänger, und niemand wisse, woher sie komme und wann sie wieder erscheinen werde, sagte er, man habe sich an sie gewöhnt, zumal die Flucht einahe Normalzustand auf dem Planeten sei, ob nun die Flucht vor den Gewaltausbrüchen der Natur oder vor den Zerstörungen des Menschen.

Welch ein Durcheinander, mokierte sich Annika.

Der Bedarf an einer Nutzung der Seltenen Erden, sagte Farb, sei noch im zwanzigsten Jahrhundert gering gewesen und erst durch die Digitalisierung von Gerätschaften und Steuerungsprozessen um die Jahrtausendwende rasch angewachsen.

Wette lachte. Das höre sich so nüchtern dahergesagt an, sagte er, emotionsloser Nachrichtensprech, aber die Gewinnung dieser Metalle verursache massive Umweltschäden, dabei entstehe ein überaus giftiger Schlamm, der in künstlichen Teichen gelagert werden müsse.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte.

Tilman rückte näher zum Couchtisch, um eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Skandalös, sei, sagte Farb, daß in den westlichen Medien darüber nur selten berichtet werde.

Der mit zehn Quadratkilometern weltweit größte dieser Teiche befinde sich in der chinesischen Stadt Baotou im Bayan Obo mining district, sagt Wette.

Weshalb darüber nicht längst eine Reportage geschrieben oder eine Dokumentation gedreht werde, verstehe er nicht, sagte Farb.

Schlimm genug, sagte Wette. Aufgrund seiner enormen Gefahren für alles Leben in seiner Umgebung werde dieser Ort als ›Hölle auf Erden‹ bezeichnet. Wo Umweltauflagen fehlten oder ihre Einhaltung nicht kontrolliert werde, stellten diese Absetzbecken zugleich eine Gefahr für das Grundwasser dar.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Mut zum Wandel

Nächster Artikel

Überraschendes

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Eskalation

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eskalation

Weshalb im März ein Ventilator in Betrieb war, das sollte einmal jemand erklären. Erst im Mai würde es heiß, so viel stand fest, die auch preislich noch einmal angehobene Saison begann im Mai, und wenn überhaupt, wäre das die geeignete Zeit für Ventilatoren. Die Abläufe im Lager, kein Zweifel, waren lückenhaft organisiert.

Oder waren Ventilatoren neuerdings schick? War ein Boom angesagt? Sollte man Aktien kaufen? War der Bürokrat aus Uelzen eingetroffen?

Integration

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Integration

Er hat sich sehr aufgeregt, sagte Farb, du hättest ihn erleben sollen.

Tilman nickte.

Annika schlug ihre Reisezeitschrift zu und legte sie beiseite.

Cheyne Beach liegt an der südwestlichen Ecke Australiens, nicht weit von Albany, sagte Tilman, fünfundsechzig Kilometer westlich, und wurde zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts Stützpunkt der Walfänger, dort vor der Küste wurde immer schon dem Wal nachgesetzt, anderthalb Jahrhunderte lang war es eine einträgliche Industrie, und Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dort eine Station zur Verwertung der Walkadaver eingerichtet, die Cheyne Beach Whaling Company, die allerdings nicht besonders ertragreich war.

Annika lächelte. Das, sagte sie, war schon die Folge der ersten Jahre der weltweiten Proteste gegen den Walfang.

Die Proteste waren höchst wirksam, sagte Tilman, der Einsatz war allerdings lebensgefährlich, den Walfangbooten wurde mit wendigen Schlauchbooten in die Parade gefahren, so daß eine geordnete Jagd kaum möglich war, die Fangquoten gingen zurück, und im November 1978, alles gut, wurde die Walstation aufgelöst.

Blutrausch

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Blutrausch

Die zivilisierte Welt sei auf dem Rückzug, ultimativ, sagte Annika und schenkte Tee ein, Yhin Zhen, sie hatte das Drachenservice aufgedeckt, die Temperaturen waren mild.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Ob es nicht stets dasselbe sei, fragte er, die einen würden in Luxus oder wenigstens ohne finanzielle Sorgen leben, die anderen, bei weitem die Mehrheit, seien barbarischen Zuständen ausgeliefert, es würden Kriege geführt, zu Millionen irrten die Menschen auf dem Planeten umher, und wer es sich leisten könne, suche in friedfertigen Regionen unterzukommen.

Er nahm einen Löffel Schlagsahne und strich sie sorgfältig auf seiner Pflaumenschnitte glatt.

Dabeisein

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Dabeisein

Wie es sich anfühle, fragte Bildoon, am eigenen Untergang teilzunehmen.

Vergiß es, sagte Touste.

Blöde Frage, sagte Crockeye, als Seemann bin ich jederzeit darauf gefaßt, daß mein Schiff sinkt und ich mit, da fühlt sich nichts an.

Bildoon spricht nicht von der Seefahrt, sagte Pirelli.

Sondern, fragte Rostock.

Kurzgeschichten für Kurzstrecken

Kurzprosa | Klaus Wagenbach (Hrsg.): Störung im Betriebsablauf. 77 kurze Geschichten für den öffentlichen Nahverkehr Störung im Betriebsablauf: 77 kurze Geschichten für den öffentlichen Nahverkehr – dieses Buch hat die praktischen Maße eines Smartphones und passt in jede Hosen-, Hemd- und erst recht Handtasche. Als kleiner Literaturhappen für Nahverkehr, Überlandfahrten und Wartezeiten am Bahnsteig. Selbst eine Störung im Betriebsablauf wird dank Klaus Wagenbach noch zum Leseerlebnis. Von INGEBORG JAISER