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Sonne

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sonne

Er wüßte schon gern mehr darüber, sagte Farb, am Toten Meer sei ihm jemand begegnet, der behauptet habe, die Sonne sei sein Gott, und das nicht so dahergesagt, sondern mit innerer Überzeugung, allen Ernstes, und nachzufragen, zu einem Gespräch zu kommen, dazu war keine Gelegenheit.

Ob ihn das interessiere, fragte Wette.

Er verstehe das, sagte Farb, am Toten Meer herrschten andere Bedingungen, es liege vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel, und die Sonneneinstrahlung sei extrem intensiv, ein Kulturschock, eine andere Welt, viele Gäste hielten sich aus gesundheitlichen Gründen dort auf.

Farb nickte. In der ägyptischen Antike, sofern wir sie richtig verstünden, sei die gesamte Kultur auf den Lauf der Sonne gegründet, und zur Zeit der Ramessiden – im dreizehnten bis zum elften Jahrhundert bzw. während der zwanzigsten und neunzehnten Dynastie v. Chr. – habe sich eine eigene Sonnentheologie ausgebildet.

Wen wundere das, sagte Wette, unsere Sonne sei nun einmal das zentrale Gestirn, um das sich die Planeten gruppierten.

Das Gespräch stockte.

Annika legte ihr Reisemagazin beiseite.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Er erinnere sich, sagte Farb, daß die Ägypter ihre Zivilisation am Umlauf der Sonne ausgerichtet hätten, vierundzwanzig Stunden sorgsam aufgeteilt in zwölf Stunden bei hellem Tag und zwölf bei tiefer Nacht, und, er lachte, er habe sich lange gefragt, wie das denn wohl passen solle.

Weshalb, fragte Farb, die Diskrepanz entstehe, und antwortete: weil der helle Tag im Laufe des Jahres seine Dauer verändere, und ebenso die Nacht, und sie würden trotzdem stets gleichbleibend mit zwölf Stunden gemessen.

Das bedeute, sagte Wette, daß zum Tag der Wintersonnenwende hin sich die zwölf hellen Stunden in einen kürzer werdenden Tag drängten, und sobald der helle Tag länger dauere, zur Sommersonnenwende im Juni hin, nähmen die zwölf Stunden wieder längere Zeit in Anspruch.

Kompliziert, sagte Annika.

Wie solle das im Alltag möglich sein, fragte Farb, da müsse die Stunde teils länger, teils kürzer dauern.

Sich das vorzustellen, reiche seine Phantasie nicht aus, sagte Wette, und ob man nicht Ramses einladen solle.

Unmöglich, sagte Farb.

Die Archäologie halte sich bei diesem Thema auffällig zurück, sagte Tilman, und man könne allenfalls überlegen, ob vielleicht in Bereichen des Alltags wie etwa dem Handel eine andere, pragmatische Systematik genutzt worden sei, es gäbe dann eben zwei Ordnungen, den Tagesablauf wahrzunehmen.

Ob es möglich sei, einmal wieder Ramses als Gast zu begrüßen, sagte Annika, er würde es erklären können.

Oder unsere eigene Sichtweise sei falsch, spottete Farb, wir zählen und rechnen, die Gleichung müsse aufgehen, ohne daß ein Rest bleibe, und schon stünden wir auf der falschen Seite des Geschehens, es gehe eben nicht darum, präzise zu zählen und rechnen, sondern sich angemessen in der Realität zu bewegen und die falsche grundsätzliche Perspektive zu revidieren.

Und das wäre, fragte Wette.

Wir müssen wieder lernen, sagte Farb, die Natur zu verehren, die eine Grundlage für das Leben anbiete.

Wie dein Gesprächspartner am Toten Meer, sagte Wette.

Der Mann stehe ja nicht allein da mit seiner Haltung, sagte Farb, auch die indigenen Völker lebten in enger Gemeinschaft mit der Natur.

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