Ein kleiner Junge vermisst seine Katze. Georg begleitet ihn schon, seit er denken kann, doch jetzt ist er plötzlich verschwunden. Gemeinsam mit seinem Vater macht sich der Junge auf die Suche – eine Suche, bei der Gedanken aufkommen, die alles andere als schön sind, versteht ANDREA WANNER
Dass Katzen hin und wieder verschwinden, ist nicht ungewöhnlich; sie sind eigenwillige Wesen, die ihre Freiheit einfordern. Entsprechend ist der Junge zunächst kaum beunruhigt – man wird das Tier schon finden. Doch dann rücken beunruhigende Details ins Blickfeld: Bremsspuren auf der Straße; die Erzählungen des Vaters über Dachse, die in der freien Natur auch vor Katzen nicht haltmachen. Plötzlich steht der furchtbare Satz im Raum: Vielleicht ist Georg tot. Der Junge reagiert mit der typischen Mischung aus Unverständnis und Unsicherheit: Was bedeutet »tot« eigentlich? Und was kommt danach?
Ragnar Aalbu konfrontiert hier kindliche Unschuld mit der fast schonungslosen Realität der Erwachsenwelt. Während der Text bedrohliche Szenarien heraufbeschwört, bewahrt Aalbus minimalistischer Zeichenstil eine schützende Distanz. Diese grafische Ruhe verhindert, dass die Erzählung ins Kitschige oder Melodramatische abgleitet. Seine zarten, beinahe schemenhaften Bilder lassen viel Raum für eigene Gedanken, dennoch mutet er seinem jungen Publikum zu, sich mit dem Tod als unumkehrbarem Verlust auseinanderzusetzen. Es ist genau jener Wendepunkt, an dem aus dem Ungewissen des »Vermisstseins« die Endgültigkeit des Sterbens wird. »Niemand weiß, wann der Tod kommt«, sagt der Vater.
Die reduzierten Stadt- und Naturkulissen lassen mit ihrem großzügigen Weißraum Platz, um eigene Gefühle und Unsicherheiten in die Geschichte zu projizieren. Dabei bricht immer wieder Aalbus charakteristischer trockener Humor die Schwere auf – etwa wenn der Junge über seine verstorbene Großmutter nachdenkt: »Oma war superalt, bestimmt schon vierzig oder so.«
»Der Tod ist doof. Er macht alles kaputt«, fasst es der Junge für sich zusammen. Man kann ihn verstehen. Wer erlebt den Tod anders? Sie kehren von ihrer ergebnislosen Suche zurück, mit hängenden Schultern und der Aussicht darauf, am nächsten Tag doch noch weiterzusuchen. Und daheim wartet die Überraschung: ein quietschlebendiger Georg. Nach diesem Exkurs über Tod und Sterben ist das ein wunderbares Ende für ein Bilderbuch, das behutsam an ein schweres Thema herangeführt hat, ohne die Leichtigkeit zu verlieren. Ragnar Aalbu beweist hier einmal mehr, dass man Kindern philosophische Fragen zutrauen darf – und dass am Ende eines langen Tages voller Sorgen manchmal eben doch ein schnurrendes Happy End stehen kann.
Titelangaben
Ragnar Aalbu: Auf der Suche nach Georg
(Georg er borte, 2021). Aus dem Norwegischen von Katrin Frey
Berlin: Kraus Verlag 2026
48 Seiten, 18 Euro
Bilderbuch ab 4 Jahren

