//

Schweigen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Schweigen

Als seine Mutter Mitte siebzig war, sagte Wette, habe sie aufgehört zu reden.

Wie – aufgehört zu reden.

Sie habe nichts mehr gesagt, null, von einem Tag auf den anderen.

Unmöglich, sagte Farb, wie komme einer durch den Tag, ohne ein einziges Wort zu sagen, vielleicht daß er keinen Guten Morgen wünsche, das könne man vergessen, aber ohne Sprache durch einen ganzen Tag, wie könne das sein.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne.

Und, fragte er, wie lange habe sie das durchgehalten.

Kein Wort, sagte Wette, sie habe in ihrem Leben kein Wort mehr geredet.

Wette schenkte Tee nach, Yin Zhen, sie hatten wieder das Drachenservice aufgedeckt, rostrot, das Tilman von Beijing mitgebracht hatte, wo er auf der Großen Mauer einen Halbmarathon gelaufen war, nein, natürlich nicht die gesamte Strecke auf der Mauer, sie war schmal und bot kaum Platz zum Überholen, ich erwähnte das.

Farb aß ein Stück von der Pflaumenschnitte.

Annika warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Sie lächelte. Ohne zu sprechen durch einen ganzen Tag, nein, das sei sicher kein Zeichen von Bequemlichkeit, und ob sie das durchhielte, fragte sie sich, wohl kaum, so etwas erfordere höchste Konzentration, und dennoch entstehe immer einmal ein Moment, in dem man abgelenkt sei und unwillkürlich zu reden beginne, das sei einfach eine Gewohnheit, es gebe immer einen Anlaß, so oder so, der Mensch sei von Natur aus geschwätzig.

Einfach, sagte Farb, nein, einfach sei das nicht, denn auf eine Weise verwurzele ihn sein Reden ja im Dasein, er müsse sich doch verständigen, die Anker auswerfen, um Halt zu finden, und seine Sprache biete ihm diesen Halt an, sie inszeniere ihm die Welt, welchen Grund hätte er denn, sich dem zu verweigern.

Wette lachte und griff zu einem Marmorkeks. Das, sagte er, sei eben die Frage.

Das Gespräch stockte.

Tilman rückte näher an den Couchtisch und nahm eine schmerzfreie Sitzposition ein.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Tilman vermutete, der Mensch wolle auf die Inszenierung verzichten, sie werde ihm zu schrill, zu laut, zu bunt, sie sei lästig, aggressiv, tödlich, der Mensch verliere die Orientierung, er drohe erstickt zu werden, die vertraute Umgebung entgleite ihm und werde zu einer Kulisse.

Er suche nach Stille, sagte Annika, nach einem Ort jenseits aller Inszenierung, und sie frage sich, ob etwa Stille ein Rückzugsort sei.

Farb tat sich ein zweites Stück von der Pflaumenschnitte auf.

Annika griff nach ihrem Reisemagazin.

Er habe selbst einmal überlegt, sagte Tilman und reichte Farb einen Löffel Sahne, sich für ein Wochenende anzumelden, wie es von diversen Klöstern angeboten werde, mit alltäglichen Beschäftigungen wie Laubharken, Essensvorbereitungen, Gartenpflege, und generell gelte ein Schweigegebot.

Er stelle sich das schwierig vor, sagte Farb.

Es sei auch eine Typfrage, sagte Wette.

Vermutlich werde das Schweigen durch die innere Dynamik einer Gruppe bestärkt, sagte Annika.

Ein solches Wochenende werde ein intensives Erlebnis, sagte Wette, und mehr noch, sagte er, Stille sei eine Konfrontation, in der Stille bist du allein mit dem, was du bist, du kannst nicht länger ausweichen, nicht davonlaufen hinein in den Lärm und dich fallen lassen in das verführerische Getöse der Welt, und nein, keineswegs, die Stille sei nicht leer, sondern du stößt auf all jene Stimmen, auf die Ängste, denen du bis jetzt angestrengt ausgewichen bist.

Der Mensch fürchte die Stille, sagte Farb, denn sie zwinge ihn, die Augen auf sich selbst zu richten, die Außenwelt trete zurück, und der Mensch, der aufhöre zu reden, werde plötzlich zugänglich für das, was ihm seine Seele mitzuteilen habe.

Die Erfahrung der Stille öffne den Zugang zur Seele, sagte Wette.

Annika warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Die Seele, sagte Tilman, sei real, sie sei, heiße es, ein feinstoffliches Organ, das man noch nicht lokalisiert habe, es werde schwierig, der Mensch verirre sich in der Sprache, die notwendige Begrifflichkeit sei nicht vorhanden.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die letzte Chance der Ozeane

Nächster Artikel

Wenn die Haustür zur unüberwindbaren Grenze wird

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Im Lauf der Zeit

Kalender | Literaturkalender 2021

Alles fließt (dahin) – Wochen, Monate, Jahreszeiten. Was könnte uns verlässlicher Halt und Orientierung bieten als Kalender? Unterlegt mit der passenden Dosis Literatur, mit anregenden Zitaten, aufmunternden Gedichten und spannenden Ausblicken auf bislang Unbekanntes erscheint das kommende Jahr schon greifbar nah. INGEBORG JAISER stellt einige empfehlenswerte Literaturkalender vor.

Der Meister des Film noir

Kurzprosa | Christoph Haas: Eine Nacht im Juli, eine Nacht im Dezember

In den kurzen Geschichten scheint ein romantischer Grundton mitzuschwingen, eine Sehnsucht, der Blick auf etwas Vertrautes – eine erste Stimmung, die jedoch nach wenigen Zeilen bereits wieder durchbrochen wird. Der kleine Band mit Erzählungen von Christoph Haas Eine Nacht im Juli, eine Nacht im Dezember sammelt alltägliche Szenen, die es in sich haben. Nichts Dramatisches und Extravagantes, aber dennoch gibt es kleine Unregelmäßigkeiten in der scheinbaren Normalität. Ein bemerkenswertes Debüt findet HUBERT HOLZMANN

Unaufhaltsam

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Unaufhaltsam

Und gesetzt den Fall, es nähme ein Ende mit dieser Zivilisation, ausweglos, wir säßen mittendrin und sähen zu, wie die Bastionen einbrächen, Risse knirschten im Gefüge, die tragenden Pfeiler stünden unter Wasser, sie wankten, was, Tilman, was wäre zu tun.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman griff zu einem Marmorkeks, er hatte Marmorkekse gekauft anstatt der Kipferl, die ihm im Geschmack zu fade geworden waren, seitdem die Preise für Vanille so schamlos angezogen hatten.

Popeye und Zuchtperlen

Kalender | Niklaus Gelpke (Hrsg.): mare Kulturkalender 2021
So viel hat mit dem Meer zu tun, Herman Melville meinte sogar einmal, dass es noch nie einen großen Mann gegeben hätte, der sein Leben lang auf dem Festland gelebt hätte. So weit muss man nicht unbedingt folgen, aber das Meer hat seine Faszination nie verloren. Vom Meer und der Kultur, die zum Meer gehört, erzählt auch der Kulturkalender aus dem mare Verlag. Von GEORG PATZER

Auf Fang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Auf Fang

Sie waren bei Tagesanbruch in die Lagune aufgebrochen, in zwei Schaluppen, Pirelli und Mahorner im Bug, Eldin hatte mit der ersten Harpune getroffen, es wurde ein erbitterter Kampf, die übliche blutrünstige Routine, der Ausguck würde sich an derartige Bilder gewöhnen.