//

Leben

Ob der Planet lebendig sei, sagte Farb, das wüßte er gern.

Eine spannende Frage, sagte Anne, hielt ihre Tasse in der Hand und blickte nachdenklich auf den zierlichen lindgrünen Drachen, sie war fasziniert, allein was ihr mißfiel, war die gegabelte obere Verankerung des Henkels, es gab gefälliger geformte Tassen, sie erinnerte sich an Mon Ami von Roerstrand, doch was wäre ohne Fehl und Tadel, sie schenkte Tee ein, sie warf einen Blick auf das Gohliser Schlößchen.

Selbstverständlich, führte sie fort, auf ihm gediehen Pflanzen, er biete dem Getier eine Heimstatt.

Das sei nicht seine Frage gewesen, erinnerte Farb, sondern er habe wissen wollen, ob der Planet lebendig sei, ja, gewiß, er nickte bekräftigend, dieser Planet.

Anne lächelte. So gesehen, sagte sie, sei darauf nicht leicht zu antworten, der Mythos der Gaia sei zwar bekannt, in Kreuzworträtseln werde bisweilen nach einer griechischen Erdgöttin gefragt, doch spiele sie in der öffentlichen Debatte bislang keine Rolle, das Thema berge jedoch Weiterungen, und niemand wolle ein Faß öffnen.

Und, sei der Planet nun lebendig, wiederholte Farb und legte die Stirn in Falten.

Schwierig, sagte Anne, die Worte sind uns abhanden gekommen, schon bei den Griechen blieb Gaia seltsam blaß, auf dem Parthenonfries siehst du sie in Kämpfe verwickelt, als ob den Göttern nichts wichtiger wäre als die Rangordnung, man wüßte gern genauer Bescheid, sie wurde vor allem als Muttergöttin verehrt, ihr wurden Opfer gebracht: Getreide, Früchte oder Honig und vereinzelt Tiere, in der Ilias tritt sie als rächende Göttin auf, weshalb, nein, wir wissen es nicht, vor dem Gefecht zwischen Paris und Menelaos wird ihr ein schwarzes Lamm geopfert, in Attika zu Hochzeiten und Begräbnissen, weshalb, gibt es Zusammenhänge, und wer erklärt sie uns, nein wir wissen es nicht, vermutlich waren Gewicht und Bedeutung einzelner Götter regional verschieden, bei Trockenheit wurde meistens Gaia anstatt der Vegetationsgöttin Demeter zu Zeus gerufen, die Griechen, so hat es den Anschein, hinterlassen eine desorientierende Götterwelt, anarchisch, blutrünstig, Episoden ohne Zusammenhang.

Farb lächelte. Gesetzt den Fall, sagte er, nur als ein Gedankenspiel, sagte er, denn wozu verfüge der Mensch über Phantasie, gesetzt also den Fall, die Dinge lägen dennoch anders, die Götter seien real, unwandelbar und immer schon gewesen, allein der Mensch, megaloman, in seinem hoffährtigen Wahn gefangen, habe sie aus seinem Alltag verbannt, wer benötige denn Götter, habe sie aus seiner Welt eliminiert und versage ihnen weiterhin ihre Existenz.

Homo sapiens, spottete Anne und lachte: Jemand throne da auf hohem Roß.

Und, insistierte Farb, der Planet, sei er lebendig, vielleicht daß sich auf ihm zahllose Götter jahrhundertelang ausgelassen tummelten, der Mensch eine ignorierbare Größe, doch fühlten sie sich seit neuestem belästigt, der Planet ist angegriffen, beschädigt, vertraute Territorien sind eingebrochen, die Götterwelt ist erzürnt, sie formiert sich zum Widerstand, die Dinge haben unversehens ihren Charakter verändert.

Gaia hat eine Engelsgeduld bewiesen, sagte Anne, das ist wahr, oder handelte es sich um Pan, den Großen Pan, wir sind überfragt, und sie sah tatenlos zu, wie der Mensch den Planeten plünderte, seine Goldvorkommen abgebaut wurden, seine energetischen Ressourcen ausgebeutet, seine Gewässer getrübt, seine Ozeane übersäuert, seine Böden vernutzt, seine Lüfte verunreinigt.

So wird es vollständig, sagte Farb, das Narrativ der Götter, und atmete befreit.

Genug ist genug, vorbei, der seidene Faden reißt, sagte Anne, die Götter ergreifen Partei gegen einen gewalttätigen Menschen, ein für allemal, er hat ausgespielt, Gaia führt die Freiheit an, oder ist es doch Pan, der Große Pan, wir wissen es nicht, wir tappen im Dunkeln, sie tobt und wütet mit Feuersbrünsten, mit Überflutungen, mit Orkanen – sie ist enttäuscht, verzweifelt, sie empfindet tiefen Schmerz, ist sie betäubt, ist sie ohne Bewußtsein, oder doch eine rächende Göttin, wir wissen es nicht.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Das Verhängnis einer Liebe

Nächster Artikel

Die faszinierende Welt der Erfindungen

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Sandgemälde

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sandgemälde

Der Sinn der Sandgemälde, so werde erzählt, sagte Gramner, liege darin, die dämonischen Kräfte zu bannen.

Dämonische Kräfte?

Eine andere Sicht auf die Welt, Harmat, das zu erklären müssen wir weit ausholen, verstehst du, wir sind mit dieser indigenen Zivilisation nicht vertraut und wissen von den Sandgemälden erst, seitdem Termoth in der Walfängermannschaft ist, wir sehen ihn hin und wieder am Strand an einem seiner Werke arbeiten.

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit und setzte sich dazu

Treffen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Treffen

Wie lange das schon anhalte.

Jetzt?

Sicher jetzt.

Nein, Farb, er zähle nicht nach, sagte Wette, aber sie würden einander stets sonntags besuchen, und das seit einigen Jahren.

Transfer

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Transfer

Vor Jahren war es üblich gewesen, vom Ben Gurion via Jerusalem zu fahren, Lassberg war Mitte dreißig gewesen, sein erster Aufenthalt, damals führte die Strecke am Ölberg entlang, die Jericho Road am östlichen Hang des Kidrontals, im Rückspiegel die Mauern der Altstadt, das Goldene Tor, steinübersäte Gräberfelder.

Gesetzt, fragte Lassberg, das Tote Meer trockne aus?

Das sei eine Gefahr, versicherte der Fahrer. Jedoch habe es immer Perioden gegeben, da seien die Ufer zurückgewichen, und wiederum andere, da sei der Pegel gestiegen. Solle er sich aufregen, fragte er entrüstet, weil das Meer sich während des vergangenen Jahrzehnts zurückgezogen habe, einen Meter pro Jahr? Einen Meter? Dieses Meer habe Jahrtausende überdauert, es sei ein Juwel auf dem Planeten.

Erzählen im freien Fall

Kurzprosa | Alice Munro: Himmel und Hölle Die kanadische Nobelpreisträgerin Alice Munro schreibt ganz gewiss keine Frauenliteratur, ihre Kurzgeschichten enttarnen, variieren das Spiel zwischenmenschlicher Beziehungen, überzeugen durch ihre Virtuosität. HUBERT HOLZMANN hat den neu aufgelegten Band mit neun Kurzgeschichten Himmel und Hölle mit Bewunderung gelesen.

Sprechender Affe in der Schwefelquelle

Kurzprosa | Haruki Murakami: Erste Person Singular

Seit vielen Jahren wird der inzwischen 72-jährige japanische Erfolgsautor Haruki Murakami als heißer Nobelpreisaspirant gehandelt. Im letzten Herbst war sein opulentes Erzählepos Die Chroniken des Aufziehvogels in einer neuen Übersetzung erschienen. Hierzulande erfreut er sich seit dem Sommer 2000 enorm großer Popularität. Damals war es im »Literarischen Quartett« des ZDF über Murakamis Roman Gefährliche Geliebte zum öffentlichen Zerwürfnis zwischen Marcel Reich-Ranicki und Sigrid Löffler gekommen. Fortan waren die in deutscher Übersetzung erschienenen (und neu aufgelegten) Werke von Murakami echte Verkaufsschlager: Wilde Schafsjagd, Hard-Boiled Wonderland, Tanz mit dem Schafsmann und 1Q84. Von PETER MOHR