//

Nahstoll

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Nahstoll

Er habe ihn im Zentrum gesehen, sagte Setzweyn, von woher kommt jetzt Setzweyn, man stelle sich das vor: Setzweyn am Salzmeer, hunderttausend Höllenhunde, er wird ein erbärmliches Durcheinander anzetteln, Hagel und Granaten, und ja, ergänzte Setzweyn, doch, Farb habe sich einige Tage auf der Dachterrasse aufgehalten, die Aufregung um den Suizid im ›Moriah Gardens‹ habe ihm sehr zugesetzt, er sei die dritte Woche am Salzmeer, da hinterlasse die Hitze deutliche Spuren, niemand bleibe verschont, man werde dünnhäutig und stecke so etwas nicht locker weg.

Er werde trinken, vermutete Maurice.

Setzweyn, was schwätzt er daher, wer in drei Teufels Namen ist dieser Setzweyn, möchte das bitte jemand klarstellen, wo habe er gebucht, er sei ein Irrläufer, er gehöre nicht her.

Ein Rückfall, konstatierte Setzweyn.

Nein, ausgeschlossen, was gehe hier vor sich, ein Setzweyn sei hier nicht bekannt, und falls doch, so spiele er in einer anderen Erzählung, falsches Spielfeld, er sei der Zwilling von Nahstoll, und Nahstoll sei eine nicht minder dubiose Existenz, flatterhaft, wenig vertrauenswürdig, ich komme darauf zurück, die Dinge müssen ihre Ordnung haben, Vertrauen  ist ein wichtiges Gut, am Salzmeer ist definitiv kein Platz für Setzweyn und seinesgleichen, Zwilling oder nicht Zwilling, unmöglich, gelte für das Lager etwa keine Einlaßkontrolle und sitze überhaupt ein Pförtner am Eingang, Setzweyn werde sich eingeschlichen haben.

Man müsse sich kümmern um Farb, erinnerte der Schachspieler und richtete sich auf seiner Liege auf, daß Farb nicht etwa sich ziellos durch die verbliebenen Tage quäle, jeder einzelne Tag sei kostbar, keine Stunde dürfe achtlos verstreichen, nicht eine, Zeit sei eine zarte Blüte, man müsse sich kümmern um Farb.

Er werde, sobald Mittag sei, im Zentrum eine Suppe essen und sich nach ihm umschauen, versicherte Maurice.

Setzweyn schwieg. Er fühlte sich wohl, die Temperaturen behagten ihm, er war neugierig auf ein erstes Bad im Salzmeer, man treibe, hieß es, entspannt an der Oberfläche, was hatte ihn in diese Einöde verschlagen, knochentrockenes Land wohin der Blick fiel, und für wie lange, in die Negev, in dieses Lager, wurde er denn nicht von der Karttinger seit Tagen in der Vendée erwartet, oder verwechsle er das mit Nahstoll, seinem Zwillingsbruder, den er seit Jahren nicht gesehen habe, gelegentlich verkehrten sie per e-mail, Kommunikation sei in Zeiten wie diesen nicht zu vermeiden, mit einem von beiden sei sie verabredet, definitiv, doch auf Nahstoll sei kein Verlaß, weniger noch als auf ihn selbst, Nahstoll verspreche das Blaue vom Himmel, im Endeffekt werde niemand bei ihr eintreffen, Setzweyn hielt sich jetzt den dritten Tag im Lager auf, die Menschen am Salzmeer wirkten verträglich, umgänglich gar, wo finde einer das heutzutage, frage er sich, er könne sie aushalten, diese Melange aus aller Herren Länder.

Nein, Nahstoll wäre nicht der Typ, der auf Reisen ginge, um die Welt kennenzulernen, er würde sich in seiner Villa in Rahlstedt aufhalten, Jugendstil, ich erwähnte es, würde den Garten pflegen, Buchsbaum setzen, je von der Eiche und von der Walnuß einen überhängenden Ast absägen lassen, damit mehr Licht auf die Terrasse fiele, wo er in aller Ruhe die Nachmittage verbrachte, die sommerlichen Tage waren erträglich, durchaus, nein, er empfand keinen Bedarf zu reisen, und der einzige Grund, der ihn umstimmen mochte, war die Cessna, die er seit wenigen Monaten sein eigen nannte, auch sein Pilotenschein war jüngeren Datums, und sofern man ihn fragte, war er sich keineswegs sicher, daß er der Karttinger zugesagt hatte, sie in der Vendée zu besuchen, er wollte es sich zwar ungern mit ihr verderben, aber jeder Termin setzte ihn unter Streß.

Das Salzmeer jedoch war ein verlockendes Reiseziel, er würde die Alpen überqueren, über sich nur blauen Himmel, er flöge viereinhalb Stunden bis Tel Aviv und buchte einen Transfer nach En Bokek, Maurice hatte ihm das ›Tsell Harim‹ empfohlen, eine vergleichsweise bescheidene Herberge, drei Sterne, und er würde vermutlich sogar auf den Zwillingsbruder treffen, den Setzweyn, wenngleich er nicht wüßte, über welche Themen sie reden könnten, es gab null Gemeinsamkeiten, seit wie vielen Jahren hatten sie einander nicht mehr gesehen, also bitte, was zöge ihn denn zum Salzmeer außer dem reizvollen Flug, vor Eilat solle es ebenfalls eine Piste geben, auf der man passabel aufsetzen könne, man befinde sich dort de facto schon am Salzmeer, das Salzmeer, vierhundert Meter unter Normalnull, liege abseits allen Trubels, das waren vielversprechende Aussichten, ein Abenteuer jedenfalls, dafür sei er zu haben.

Aber bitte keine Geschichten, nein, bitte nicht, sagte er, Geschichten seien auserzählt, wer erzähle noch Geschichten, niemand, Schluß damit, eine Geschichte verlaufe in unveränderlichen Bahnen, ihr Ausgang sei vorhersagbar, die Dinge hätten sich erschöpft, sagte er, niemand setze einen Pfifferling auf eine Geschichte, weshalb, nein, das wisse niemand zu erklären, denn auch das Erklären, sagte er, falle dem Vergessen anheim, das Geschehen habe seine Kontinuitäten verloren, die Dinge lösten sich, und Schlag fiel auf Schlag, wumm, Schlag auf Schlag, und auch wenn jemand danach verlangte, so bliebe doch keine Zeit, zu erklären, ja die Zeit selbst schien verdichtet und endlich aufgelöst, Schlag fiel auf Schlag, wumm, ohrenbetäubend Schlag auf Schlag, Nahstoll steigerte sich in einen Rausch, und nicht der geringste Platz bliebe für Zeit, sich auszubreiten, denn Zeit, wir alle wüßten das, sagte er, müsse vergehen, sie benötige Platz, nach hinten ohne Ende und nach vorn ohne Ende, damit Vergangenheiten sich sortieren und eine Zukunft wachsen könne.

Jedoch es falle Schlag auf Schlag, sagte er, pausenlos Schlag auf Schlag, wie von Sinnen, sagte er, nicht aufzuhalten, sagte er, und kein Platz für Zeit, nein, aus, vorbei, donnernde Schläge, zwischen denen alle Zeit zermalmt werde, aufgefressen werde, alle Zeit der Welt.

| WOLF SENFF

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Eine moderne Odyssee

Nächster Artikel

Tarot für Anfänger*innen

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Termoth Sinn

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Termoth Sinn

Was lebt, sagte Termoth, was wächst, was blüht, was welkt – alles sei verwurzelt im Sinn, sagte er, wenngleich, sagte er, der Sinn ein leerer Begriff sei, und zwar aufgrund seiner Beliebigkeit. Es gebe, sagte er, zahlreiche Versionen der Sinnhaftigkeit, sei's drum, sagte er, jedoch es zähle allein, daß ein Geschöpf die Sinnhaftigkeit spüre, sie empfinden könne, das sei der Kern, versteht ihr.

Im Reich der Lichter

Kurzprosa | Peter Stamm: Wenn es dunkel wird

Wenn es dunkel wird, öffnet sich die schillernde Gegenwelt des Surrealen: Träume, Sinnestäuschungen, Vexierbilder. Der Schweizer Autor Peter Stamm legt in seinem neuen Erzählband verschwommene Fährten in ein Paralleluniversum, das genauso real erscheint wie die Wirklichkeit. Auch INGEBORG JAISER ist den meisterhaften Blendungen erlegen.

Walfang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Walfang

Wir kennen überzeugende Beispiele für erfolgreichen Rückbau.

Das wäre?

Die Historie des industriellen Walfangs.

Du redest nicht über Scammons Walfänger in der Ojo de Liebre?

Nein, Susanne, sie sitzen in ihrer Lagune, zeitlich und örtlich in weiter Ferne, es fällt ihnen leicht, über unsere Gegenwart zu reden, sie sind nicht in das aktuelle Geschehen verstrickt, ihre Existenz ist nicht durch die klimatischen Veränderungen gefährdet, und ihre Erzählung klingt, wie wenn wir über Vergangenheit reden.

Meisterhafte Erzählungen

Kurzprosa | Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen

Ralf Rothmann, geboren 1953 in Schleswig, erhielt für seine literarischen Werke zahlreiche Literaturpreise. Er hat sich durch Romane mit Schauplatz im Ruhrgebiet und in Berlin sowie durch Erzählungen hervorgetan. Sein neuester Erzählband Hotel der Schlaflosen versammelt elf Erzählungen von unterschiedlicher Länge, die an den verschiedensten Orten und zu verschiedenen Zeiten spielen. Von FLORIAN BIRNMEYER

Oktoberfestmitternacht

Musik | Textminiatur und »Biermusik« Zwischen Nacht und Morgen auf dem Nachhauseweg in dem Viertel, in dem das Oktoberfest stattfindet. Aus einem Fernzug und aus’m Bahnhof heraus, der von auf dem Fußboden schlafenden Personen, die auf den ersten Zug in der Frühe warten, offensichtlich zum Camp umfunktioniert wurde. Am Gehsteig weggeworfener Firlefanz, Flaschen, Essenstüten. Von TINA KAROLINA STAUNER PDF erstellen