Popeye und Zuchtperlen

Kalender | Niklaus Gelpke (Hrsg.): mare Kulturkalender 2021

So viel hat mit dem Meer zu tun, Herman Melville meinte sogar einmal, dass es noch nie einen großen Mann gegeben hätte, der sein Leben lang auf dem Festland gelebt hätte. So weit muss man nicht unbedingt folgen, aber das Meer hat seine Faszination nie verloren. Vom Meer und der Kultur, die zum Meer gehört, erzählt auch der Kulturkalender aus dem mare Verlag. Von GEORG PATZER

»Ich möchte da sein, wo nichts mich an die Vergangenheit erinnert, am Meer, das für mich die große Heilende ist«, schreibt Sylvia Plath in einem Brief nach Hause. Dem werden wohl viele zustimmen: Das Meer hat eine Heilkraft, durch ihren Rhythmus, in dem man aufgeht, ihre Unendlichkeit, in der man sich verliert und wiederfindet, in dem man seine Ruhe findet, fernab der geschäftigen Welt. Charles Baudelaire preist »die bewegliche Bildung der Wolken, die wechselnden Färbungen des Meeres, das Aufblitzen der Leuchttürme, das alles ist ein wunderbar geeignetes Prisma, um die Augen angenehm zu unterhalten.« Noch einen Schritt weiter, nämlich nach unten, nach innen, geht Jacques-Ives Cousteau: »Ich tauchte meinen Kopf unter«, schreibt er, »und die ganze Zivilisation schwand mit dieser Bewegung dahin. Ich war wie in einem Dschungel, der noch nie von all denen erblickt worden war, die sich auf der undurchsichtigen Erdoberfläche bewegen.«

Der Kulturkalender 2012 beschäftigt sich mit dem Meer – logischerweise, denn er kommt aus dem mare Verlag. Interessant aufgemacht bietet er ein großes Bild, einen literarischen Ausschnitt aus einem Werk und ein kleineres Kalenderblatt, mit dem er z.B. daran erinnert, dass am 17. Januar 1929 in einer Comicserie des Zeichners Elzie Segar zum ersten Mal ein Seemann namens Popeye auftaucht, als Nebenfigur. Bald gelang ihm der Sprung zum Weltruhm, bis zum Film »Night on Earth«, wo eine kaugummikauende, taxifahrende Göre ihn quäkend nachmacht: »I am what I am.« Am 15. April 1874 wird Claude Monets Seestück »Impression, soleil levant« in Paris ausgestellt – schon hat die neue Malerei einen eigenen Namen. Am 3. Juni 1844 töten auf der isländischen Insel Eldey zwei Trophäensammler das letzte überlebende Riesenalk-Brutpaar.

Schon seit Jahren staunt man ja beim Mare Verlag, was alles mit dem Meer zu tun hat, bei diesem Kulturkalender kann man weiterstaunen: Stephen Crane schreibt über den »eigenartigen Nachteil des Meeres«, der darin besteht, »daß man, kaum hat man eine See glücklich überwunden, feststellen muß, daß dahinter gleich wieder eine kommt, genauso beträchtlich und genauso darauf erpicht, ein Boot vollzuschlagen.« Der Historiker Fernand Braudel gesteht: »Ich habe das Mittelmeer leidenschaftlich geliebt, vermutlich, weil ich – wie so viele andere und nach so vielen anderen – aus dem Norden kam.«

Der Barde Dylan Thomas erzählt: »Und die Wogen rollten heran und trugen Gummienten und Büroangestellte. Ich erinnere mich an den geduldigen mühsamen und liebenswürdigen Zeitvertreibt oder Beruf, nahe Angehörige im Sand zu begraben. Ich erinnere mich an das fürstliche Vergnügen, Sand aus Eimern oder aus der hohlen Hand in Kragen oder Kleiderausschnitte rieseln zu lassen; an das Kreischen und Schütteln und an den Klaps.«

Impressionen und Expressionen

Die Bilder sind ebenso vielfältig wie die literarischen Ausschnitte: da sieht man, passend zu Dylan Thomas‘ Erinnerungen eine Frau in einem 20er-Jahre-Kleid mit einer riesigen Schwimmhilfenente, dem sie ihren Kapothut auf den Kopf gesetzt hat, von Josef Eberz ist ein expressionistisches Bild von 1917 zu sehen, mit rotglühenden Frauen vor einem roten Himmel und grünen Wellen, viele Fotos von Paul Almásy zeigen Fischerbote in Kalabrien oder ein Paar auf dem Deck eines Schiffs, die Frau strahlend in ihrem Liegestuhl.

Paul Signac tüpfelt pointillistisch das sonnenblaue Meer, einen Berg, den Strand und in weiter Ferne den Hafen von Saint-Cast, William Turner lässt das Meer vor Yarmouth sich aufwühlen, als ein kleiner Dampfer durch die Wellen pflügt, streng blickt ein pelzbemäntelter Roald Amundsen um 1920 aus dem Kalender auf die Nachwelt, es gibt Fotos von Fischern und allerlei Meeresgetier.

Manchmal sind Bilder und Literatur schön aufeinander abgestimmt, wie bei dem Bild von Rainer Hackenberg, der zwölf Reihen von gelben Liegestühlen zeigt, voll mit Menschen, am Playa de los Amadores auf Gran Canaria. Dazu das Gedicht von Erich Kästner:

Sie vermieten den Himmel,
den Sand am Meer,
die Platzmusik der Ortsfeuerwehr
und den Blick auf die Kuh
auf der Wiese.
Limousinen rasen hin und her
und finden und finden den Weg nicht mehr
zum verlorenen Paradiese.

Und das Kalenderblatt erinnert an Kokichi Mikimoto, der am 11. Juli 1893 die erste Salzwasserzuchtperle der Welt präsentiert.

Mit all dem ist der Kulturkalender, der so passend Kultur und Natur zusammenbringt, ein schöner Begleiter durch das Jahr: jede Woche ein neues Bild, ein neuer Spruch, ein neues Stück Literatur, mal frech, mal pathetisch, mal besinnlich, mal witzig. Wie der Gedanke von Blaise Pascal: »Die kleinste Bewegung ist für die ganze Natur von Bedeutung; das ganze Meer verändert sich, wenn ein Stein hineingeworfen wird.« Oder das Zitat von Klabund

Woher?
Vom Meer.
Wohin?
Zum Sinn.
Wozu?
Zur Ruh.
Warum?
Bin stumm.

| GEORG PATZER

Titelanangabe
Niklaus Gelpke (Hrsg.): mare Kulturkalender 2021
Hamburg: Mare Verlag 2020
52 Blätter, 22 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Von wegen!

Nächster Artikel

Vom »Umfall« bis zur »Aal-Ektrik«

Neu in »Kurzprosa«

Johanna

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Johanna

Manches, sagte LaBelle, hast du ständig vor Augen und verstehst es dein Leben lang nicht.

Daß Labelle das Wort ergriff! Thimbleman staunte. Das nächtliche Lagerfeuer in der Ojo de Liebre löste die Zungen, und dafür sei es gut, überlegte er, beim Walfang eine Pause einzulegen.

Er stamme aus Frankreich, sagte LaBelle, in Rouen sei er aufgewachsen, und was ihm sein Leben lang in Erinnerung bleiben werde, sei das Gedenken an die heilige Johanna.

Heilig?, fragte Harmat.

Im Volk gelte sie als der Engel Frankreichs, sagte LaBelle, fünfzehntes Jahrhundert, sie habe das Land von der englischen Besatzung befreit.

Eloquenz und Kalauer

Menschen | Zum 80. Geburtstag des kulturellen Tausendsassas Hellmuth Karasek »Manchmal fürchtete ich schon, ich schreib mich in eine Depression hinein«, bekannte Hellmuth Karasek über die Arbeit an seinem 2006 erschienenen Band Süßer Vogel Jugend. Der kulturelle Tausendsassa mit der stark ausgeprägten Affinität zur Selbstironie sprüht aber immer noch vor Tatendrang und hat im letzten Frühjahr unter dem Titel Frauen sind auch nur Männer einen Sammelband mit 83 Glossen aus jüngerer Vergangenheit vorgelegt. Sogar prophetische Züge offenbart Karasek darin, sagte er doch den Niedergang der FDP schon zwei Jahre vor der letzten Bundestagswahl voraus. Von PETER MOHR PDF erstellen

Zugluft

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Zugluft

September war Saison, im September standen die Liegen so dicht, daß es nicht möglich war, sie komplikationslos weiterzurücken. Weil es an Sonnendächern fehlte, ließen sich viele Männer von vornherein in der Sonne nieder. Die Rundkursstrecke war für Liegen tabu.

Farb

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Farb

Die Tage vergingen, als wäre nichts geschehen, als wäre Farb noch präsent, als wäre alles wie gehabt, nach dem Frühstück bevölkerte sich der mit einer mannshohen Plane umsäumte Strandabschnitt, die Dänen trafen wie üblich gegen halb zehn von ›Cesar's Palace‹ ein und besetzten ihre Liegen neben dem massiven Felsblock.

Rückbau

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Rückbau

Schön, da hätte sich ein geschmeidigeres Wort finden lassen, doch es ist ehrlich, die Dinge sind, wie sie sind, vor allem im Straßenverkehr ist das Wort etabliert, etwa wenn es um Geschwindigkeitsbegrenzung in den Innenstädten geht, um die Einrichtung von Kreiseln zwecks Verkehrsberuhigung oder um den Rückbau von Bushaltenischen, das wird wie selbstverständlich gehandhabt, und auch die avisierte Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen fügt sich in diesen Begriff, oder denken wir an den Ausbau der Radwege und den Hype, der ums Radfahren gemacht wird.