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Arm und reich

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Arm und reich

Nach wie vor tobt der Klassenkampf der Krösusse gegen die Mittellosen.

Warren Buffet.

Unter der Oberfläche und nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar, doch desto erbarmungsloser, Hunger ist eine hochwirksame Waffe, die Opfer gehen in die Millionen.

Das kümmert unsere Krösusse nicht.

Es kommt ihnen entgegen, und seit neuestem, las ich vor einigen Tagen, errichten sie ihre eigenen exklusiven Städte.

Das ist nicht wahr.

Kaltblütig und skrupellos, der Rubel muß rollen.

Sie radikalisieren den Neoliberalismus, Tilman?

Sieht ganz danach aus, Anne. Der Unternehmer geriert sich selber als Staatenlenker, kauft sich ein Territorium und bläst zum Angriff auf die Demokratie, der herkömmliche Staat wird durch ein System aus Versicherungsgesellschaften und Schiedsgerichten ersetzt.

Wer’s mag – doch es ist zwiespältig und wird am Ende wenig mehr sein als der übliche Hype, viel heiße Luft und grenzenloses Vertrauen in innovative Technologien, Pomp und Getöse im Übermaß, die Bruchlandung ist absehbar, überall dasselbe, die Projekte des Neoliberalismus sind kurzatmig, Gier frißt.

Das meinst du ernst, Anne? Der Neoliberalismus richtet verheerende Schäden an, die Globalisierung ist sein zentrales Projekt, und sieh nur, wie die Lieferketten einbrechen, wie der Planet geplündert und der Gedanke eines sozial balancierten Lebens konterkariert wird.

Die Krösusse fahren gewaltige Geschütze auf, gewiß, immer wieder neu, lauthals und bunt, jedermann kennt das, und sie präsentieren auf lange Sicht trotzdem nur Luftschlösser – sieh den Hype um die Digitalisierung, die immense Profite abgeworfen hat und nun bei jedem Stromausfall jämmerlich abstürzt, plötzlich ist Schweigen im Walde, niemand will’s gewesen sein. Dasselbe mit den Hinterlassenschaften der Kernenergie – die Folgekosten interessieren null, kriminellen Impulsen werden Tür und Tor geöffnet, eine neutrale Kosten-Nutzen-Rechnung triebe jedem Finanzbuchhalter Tränen in die Augen, und sieh nur das Gewese um eine Besiedelung des Mars, sie liefert perfekten Stoff für komödiantische Talente, für nichts sonst. Und selbstverständlich gilt: Sofern wir die Dinge weiterhin zügellos treiben lassen, richten wir uns schließlich selbst zugrunde.

Die Krösusse suchen kleine, schwache Staaten, in denen sie ihre Städte gründen können, einige ›smart cities‹ sind über die Planungsphase hinaus, in Honduras protestiert die Bevölkerung entschieden gegen das Projekt Prospera, und all jene Politiker, die versprochen hatten, die Privatstadtprojekte abzuschaffen, waren im November 2021 in den Wahlen erfolgreich. Du hast recht, Anne, Widerstand wächst und formiert sich, das aufgeblasene Geschwätz beeindruckt auf Dauer keinen.

Anne lächelte, nickte, sie stand auf und ging in die Küche, Tee aufzugießen.

Tilman nahm ein Vanillekipferl.

Aber sie sind international dicht aufgestellt, sie verfügen über immense finanzielle Mittel, sagte er, zu ihrer Tradition rechnen sie Milton Friedman und Pinochet, man muß sie ernstnehmen, ihre Programme fordern die Verweigerung des Wahlrechts für alle, die mit Zahlungen vom Staat unterstützt werden, ebenso sollen die Rechte von Mietern und Arbeitern abgeschafft werden.

Eine antidemokratische Rechte formiert sich, sagte Anne und schenkte Tee ein.

Ein anderes ›smart city‹-Projekt, eine für dreißigtausend Einwohner geplante Stadt, soll im Nordwesten der Insel Sao Tomé entstehen, aber die Methoden der Kommunikation sind dubios, man scheut das helle Licht des Tages, und behördlicherseits existiert keine Bestätigung.

Es ist zu hoffen, daß die Rechte Erfahrungen sammelt, daß sie lernt, denn offensichtlich, sagte Anne, unterschätzt sie die Schwierigkeiten, wenn es darum geht, Strukturen zu schaffen, die den Menschen gerecht werden.

Repräsentanten neoliberaler Politik haben sich nur selten als lernfähig, als kompromißbereit erwiesen, entgegnete Tilman, und letzten Endes tobt ein erbitterter Kampf um Macht und Herrschaft.

| WOLF SENFF

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