//

Sut erzählt (2)

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sut erzählt (2)

Als sich seit 1848 die Nachricht verbreitet habe, in der Wildnis um Sutters Mühle sei Gold zu finden, habe das Land einen nie erlebten Bevölkerungszuwachs erlebt. Kaum zwei Jahre seien vergangen, da hätten, sagte Sut, schon neunzigtausend Menschen in Kalifornien gelebt, und zwanzig Jahre später sage und schreibe eine halbe Million.

Allesamt eingewandert, fragte Bildoon.

Der beste Ort, sich aufzuhalten, sei das Meer, konstatierte Pirelli.

Eldin nickte und faßte sich an die Schulter, die von Zeit zu Zeit schmerzte. Es war jetzt  sieben Tage her, daß er sich bei der Jagd auf den Grauwal verletzt hatte. Die Schulter war ausgeheilt, doch Scammon hatte ihn ermahnt, er solle vorsichtig sein, mit einer Schulter sei nicht zu spaßen. Daß er, sobald er nur aufblickte, in der Lagune einen Blas sah oder eine Fluke, machte ihn rasend, er brannte darauf, wieder dem Wal nachzustellen.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Der Ausguck erhob sich, tat einige Schritte und löste sich in der Dunkelheit auf.

LaBelle blickte in die Flammen.

Sie wüßten selbst, sagte Sut, welch empörend offener Rassismus sich in der Stadt ausbreite. Die Regierung setze Prämien auf Skalps aus, Kindern der Ureinwohner werde nachgestellt, sie würden entführt und verkauft, in welchen Zeiten leben wir, Siedler und Milizen seien im Begriff, die nordkalifornischen Yuki zu vernichten.

Ob die Suppe je ausgelöffelt werde, die sich dieses Land einbrocke, fragte Pirelli.

Kaum, sagte Crockeye, das werde nie und nimmer geschehen.

Das Maß sei voll, sagte Sut. In den Köpfen spukten Hirngespinste, bald werde man von der Golden-Calf-Mine erzählen, keine gesicherten Fakten, sagte Sut, dafür jede Menge Vermutungen und Gerüchte, kurz: ein Geheimtipp der frühen achtziger Jahre, die Mine sei zu finden im Coyote Canyon in Reservaten der Navajo oder, wie es bei anderen heiße, auf halber Strecke zwischen Thoreau und Crownpoint an den nördlichen Hängen der Zuni-Gebirge.

Eldin legte einen Scheit Holz in die Flammen.

Sanctus blickte in den Sonnenuntergang.

Die Reservate seien Hunderte Meilen von der Stadt entfernt, wie sei das möglich, sagte Bildoon.

Sie würden zu Arizona gehören, sagte Sut. Horden von Goldgräbern seien in diese Gebiete eingefallen – eine chaotische Invasion, die die Ureinwohner aus Kalifornien und den Nachbarstaaten vertreibe.

Genozid, sagte Pirelli.

Ob er von uns spreche, fragte LaBelle.

Die weißen Einwanderer? Sicher, sagte Pirelli, das seien wir.

Die Vereinigten Staaten seien ein ›Failed State‹, sagte Bildoon. Da könne man froh sein, sich nie länger als einige Wochen auf dem Festland aufhalten zu müssen.

Einzig die See sei eine Heimstatt, flüsterte Harmat und lächelte selig.

Nicht ganz so weit, wie sie von Frisco nach Süden zur Ojo de Liebre gesegelt seien, liege im Norden Vancouver Island, eine langgestreckte Insel, sie gehöre zu Kanada, sagte Sut, die Juan de Fuca-Straße trenne sie von den USA, und von Kap Flattery, der nordwestlichen Spitze des Bundesstaates Washington, gebe es zu erzählen.

Erzähl!, ermunterte ihn Termoth, der Hüne, der sich diesmal frühzeitig dazu gesetzt hatte und den wieder einige Schwarze von der ›Marin‹ zur ›Boston‹ begleitet hatten. Er verlieh ihnen Halt, in seiner Gegenwart fühlten sie sich unantastbar.

Von einem Kap Flattery erzählen?, spottete Crockeye: Wie solle das gehen?

Sei nicht störrisch, Kerl, tadelte LaBelle, der neben ihm saß.

Crockeye ballte die Fäuste und wandte sich ärgerlich ab. Rauhe Walfänger, aber einer wie der andere waren die Männer ungewöhnlich dünnhäutig.

Vielleicht genau deswegen, sagte Sut, weil Vancouver Island zu Kanada gehöre, wo sich nichts von den Aufgeregtheiten wiederfinde, rein gar nichts. Sofern ihr die Grenze überschreitet, müßt ihr euch vorstellen, erlösche im Nu die Hysterie, die Disziplinlosigkeit, der Haß, die aggressive Gier, die euch in den Staaten umtreibe.

Sut sah das ungläubige Kopfschüttteln von Crockeye und Gramner.

Ihr glaubt mir nicht, fragte er, blickte beide an und lächelte. Ehrlich, sagte er, ich würde das selbst kaum glauben, wenn ich es nicht besser wüßte.

Am östlichen Rand von Vancouver Island und auf vorgelagerten Inseln würden sechzehn indigene Dorfgemeinschaften leben, sagte Sut, ihre Anführer bildeten den Ältestenrat der Nuu-chah-nulth. Nach dem Festland hin seien sie durch die hohen, schroffen Küstengebirge British Columbias und die Kaskaden-Kette in Washington und Oregon abgeschirmt. Das Land sei gigantisch, sie hätten dort seit über vier Jahrtausenden gelebt, und niemand käme auf den Gedanken, sie zu vertreiben.

Feuchte Winde vom Meer brächten Niederschläge, sagte Sut, sie versorgten eines der großen gemäßigten Regenwaldgebiete und folglich reichhaltige Fischbestände, neben Heilbutt vor allem Lachs. Die Dörfler ernährten sich vom Fischfang und jagten den Wal, solange Saison sei. Niemand müsse hinaus auf hohe See, und niemand stecke einen Claim ab und schürfe nach Gold.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

»Digitale Spiele gehören in die Schule«

Nächster Artikel

Das Recht am eigenen Bild

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Am Ende

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Am Ende

Die widrigen Abläufe, sagte Termoth, seien so offensichtlich, und weshalb stehe niemand auf, sie innezuhalten.

Wovon rede er, fragte Harmat.

Die Moderne bahne sich an, sagte Thimbleman, sie hinterlasse jetzt schon einer breite Spur der Vernichtung, du siehst es auch daran, daß die anmutigen Windjammer durch stinkende Dampfschiffe ersetzt werden, und das, sage er, sei erst der Anfang.

Storys, die Narben hinterlassen

Kurzprosa | Laura Hird: Nägel-Stories

Das ist schon heftige Kost, die einem da präsentiert wird: eine ungewöhnliche Autorin mit ungewöhnlichen Erzählungen. Laura Hird, Jahrgang 1966, geboren in Edinburgh, ist nach eigenem Bekunden nur dreimal so richtig von Zuhause weg gewesen. Dafür, das belegen die Geschichten, hat sie eine überwältigende Phantasie. Von BARBARA WEGMANN

Tage, Tage, Jahre

Kurzprosa | Literaturkalender 2022

Vielen dient er als Taktgeber und Orientierungshilfe, Kompass und kompakte Übersicht. Doch in der Verschmelzung mit Literatur erwächst eine tägliche Sinnesfreude und anregende Inspirationsquelle, die uns durch das ganze Jahr tragen kann. Wer sich jetzt schon einen Überblick verschafft, wird 2022 gut versorgt sein. INGEBORG JAISER kann einige bemerkenswerte Literaturkalender empfehlen.

Ferne

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ferne

Der Ausguck schälte sich aus der Dunkelheit.
Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer, die Flamme schlug hoch.
Seit wann reden wir über Krankheiten, fragte Crockeye irritiert, wir haben Verletzungen davongetragen, aber niemand sei krank.
Ein Walfänger, bekräftigte Pirelli, kenne keine Krankheit.
Es sei denn, der Koch tische eintönige Kost auf, mäkelte der Zwilling und warf einen Blick auf Gramner, die Stimmung war nicht besonders friedfertig, es ging auf Mitternacht zu.
Wir reden über ferne Zeiten, protestierte Gramner.
Zukünftige Zeiten, sagte der Ausguck.
Über Krankheiten der Moderne, sagte Thimbleman.

Gohlis

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Gohlis

Wir beneiden sie nicht, die drei auf ihrer Terrasse in Sichtweite des Gohliser Schlößchens.

Nein, Gramner, wir beneiden sie nicht, keineswegs.

Am Ende der Welt, sie müssen sich fühlen, als erlebten sie das Ende der Welt.

Zurecht, Gramner, zurecht, ihre Welt geht dem Ende entgegen.

Es wird ebenso unsere Welt gewesen sein.